Am Wochenende kam eine Reihe von Kirchen in der Umgebung zu einer besonderen Ehre. Die Schweizer Glockenfreunde haben ihrem Geläut mit Tonaufnahmen, Stimmgabeln und Fotoapparaten auf den Klöppel gefühlt. Die Gilde der Carillonneure und Campanologen der Schweiz, wie der Verein heisst, hat seine Hauptversammlung zum Anlass genommen, den Liebhabern unterschiedliche melodische Leckerbissen zu präsentieren.

Eben hat die Eusebiuskirche Viertel vor zehn geschlagen. Während die ersten Gottesdienstbesucherinnen gemächlich durch den Haupteingang treten, eilen auf der Rückseite etwa 20 Männer jeden Alters aus dem Kirchturm. Zuvor haben sie mit geübten Handgriffen die Glastüren zur Läutmaschinerie geöffnet, um die Stangen und Zahnräder im Detail fotografieren zu können. Andere sind bis zu den Glocken hochgestiegen, um diese unter die Lupe zu nehmen. Doch nun ist die Aufgabe für Augen und Kameralinsen abgeschlossen. Jetzt geht es nur noch um den Ton.

Mikrofone, Stimmgabeln und eine «Mundharmonika»

Wehe dem, der im Kirchhof knirschend auf die zahlreichen Ziegeltrümmer tritt, die am Fuss des Turms herumliegen. Das hat böse Blicke und eine Pantomime von mahnenden Zeigefingern auf den Lippen zur Folge. Die ersten haben ihre hochempfindlichen Aufnahmegeräte mit Stereomikrofonen und aufwendiger Software schon beim Viertelstundenschlag eingeschaltet, um ja den Auftakt zum Geläut eine halbe Minute später nicht zu verpassen. 

Auf einem Bänkli hat ein Glockenfreund eine Reihe von Stimmgabeln ausgelegt, um die Töne bis zum Sechzehntel sauber bestimmen zu können. Ein anderer, Werner Braun aus Allschwil, hält eine runde Scheibe an die Lippen, in die er hineinbläst wie in eine Mundharmonika. «Das ist eine chromatische Stimmpfeife. Anders als die teuren Stimmgabeln ist das ein Instrument für Laien. Damit kann ich zwar nur Halbtöne bestimmen, aber für mich reicht das», sagt der Rentner, als die Glocken kurz vor Gottesdienstbeginn schweigen.

Analysieren und Kameradschaft geniessen

«Les amis des cloches sont maniacs», sagt ein Vereinsmitglied, das aus Frankreich angereist ist mit breitem Lächeln. Matthias Walter, Experte für Geläutsanierungen und Präsident der Glockenfreunde, bestätigt das: «Kirchenglocken und die ganze Technik drumherum sind eine Passion.» Eine Leidenschaft, die hauptsächlich Männer packt. Unter den 79 Vereinsmitgliedern gebe es vereinzelt Frauen, doch bei den Besuchen am Sonntag sind die Männer unter sich.
Beim Kaffee vor dem Besuch der Zwinglikirche besprechen die Connaisseurs, was sie eben gehört haben. Den meisten hat gefallen, was die katholische Kirche zu bieten hat. Doch ein Kritikpunkt bleibt: Die zweitkleinste Glocke hat nach Aussage der Kenner nach der halben Zeit schlappgemacht. «Ich komme in zwei Wochen wieder und nehme das Geläut nochmals auf», verkündet einer.

Benedikt Motschi aus Solothurn sieht das nicht so eng. Er sei durch den Vater und den Grossvater zur Glockenleidenschaft gekommen. Für ihn stehen das Zuhören beim Läuten und die Kameradschaft mit anderen Glockenfreunden im Vordergrund.

Verbesserungspotenzial entdeckt

Die Zwinglikirche läutet an diesem Tag speziell für den kundigen Besuch. Ihr Geläut sei ein halber Ton tiefer als das der Eusebiuskirche, ist beim Turmbesuch zu erfahren. Und, wie Präsident Matthias Walter versichert, die vier Glocken seien von sehr guter Qualität.

Um neun Minuten nach elf setzt der ehemalige Kirchenverwalter Ruedi Köhli das Geläut in Gang. Doch als die Hälfte der Glocken schwingen, ist vor der Kirche ein störendes Rasseln der Abdeckbleche zu hören, das erst verschwindet, als alle Glocken läuten. Auch das deutliche Stampfen der Bremsen zum Schluss der Vorführung wird von den Kennern mit Bedauern kommentiert.

Glockenexperte Walter nimmt beide Fehler nicht tragisch, zumal sie ab kurzer Distanz kaum hörbar sind. Er bedauert viel mehr, dass die Klöppel nach modernen Erkenntnissen zu schnell und kurz anschlagen und damit den Klang allzu grell machten. «Hier wäre zugunsten eines warmen und runden Tons noch einiges herauszuholen. Aber das ist eine finanzpolitische Frage und muss natürlich von der Kirchgemeinde entschieden werden.»