Tarifverbund
Libero bringt Reisenden neue Preise - und BGU mehr Fahrgäste?

Vor achteinhalb Monaten trat BGU dem Tarifverbund Libero bei. Dadurch veränderten sich die Fahrkartenpreise. Es entstanden zudem neue Infrastrukturen in den Bussen und an den Haltestationen. Hat sich der Wechsel gelohnt? Der BGU-Chef zieht Bilanz.

Oliver Menge
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BGU-Geschäftsleiter Hans-Rudolf Zumstein vor den neuen Doppelbildschirmen des Fahrgast-Informationssystems, links mit der Strecke, rechts mit Meteo-News.

BGU-Geschäftsleiter Hans-Rudolf Zumstein vor den neuen Doppelbildschirmen des Fahrgast-Informationssystems, links mit der Strecke, rechts mit Meteo-News.

Oliver Menge

Am 14. Dezember letzten Jahres war es so weit: Der Tarifverbund Abo Zigzag wurde in den grossen Tarifverbund Libero integriert, mit insgesamt 16 beteiligten Transportunternehmen. Zu den bis dahin bestehenden Kernzonen Bern und Solothurn kamen neu die Regionen Grenchen, Biel und das Seeland hinzu. Und seither kann man mit einem einzigen Fahrausweis in einem Gebiet, das vom Emmental bis ins Schwarzenburgerland und von Murgenthal bis in den Berner Jura reicht, herumreisen.

Für die BGU Busbetriebe Grenchen und Umgebung AG hatte die Umstellung Konsequenzen, wie BGU-Geschäftsleiter Hans-Rudolf Zumstein erklärt und wie diese Zeitung schon mehrmals berichtete. Die gesamte Infrastruktur musste nämlich an die neuen Begebenheiten angepasst werden. «In jedem Bus wurden neue Ticket-Automaten montiert. Dazu kamen die neuen Libero-Ticket-Automaten beim Bahnhof Süd, beim Postplatz und in Bettlach bei der Post. Auf Ersuchen der Gemeinde Bettlach wurde dann später auch beim Altersheim am Dorfplatz ein Automat hingestellt.»

Doch dabei blieb es nicht: In den Bussen wurde ein neues Fahrgast-Infosystem mit Doppelbildschirmen installiert: Auf dem linken Schirm wird «perlschnurmässig» die aktuelle Strecke mit den Haltestellen angezeigt, der andere Schirm bringt Einnahmen, denn hier läuft Werbung. Laut Zumstein soll in absehbarer Zeit die Werbung in Form von Hängern in den Bussen der BGU verschwinden und nur noch vom Bildschirm flimmern. Nebst Eigenwerbung der BGU haben hier alle Firmen, Grossverteiler und sogar politische Parteien die Möglichkeit, ihre Werbung zu schalten.

«Ich wünschte, es wären jedes Jahr National- und Ständeratswahlen. Wir haben schon von diversen Parteien und Kandidaten Reservationen ab September, die ihre Werbung bei uns aufschalten möchten», sagt Zumstein schmunzelnd. Als «Dienst am Kunden» werden auch die Wetterprognosen von Meteo Schweiz und die Schlagzeilen einer grossen Tageszeitung eingeblendet. Laut Zumstein läuft das neue Werbesystem gut und man generiert mit der gesamten Innen- und Aussenwerbung Einnahmen im sechsstelligen Bereich.

Wann kommt der Bus?

Ebenfalls neu – und erst in den letzten Tagen fertig montiert – sind Fahrgast-Informationssysteme bei den Bahnhöfen Süd und Nord, beim Postplatz und bei der Post Bettlach. Es sind sogenannte Echtzeitanzeigen, die angeben, wie lange es noch dauert, bis der nächste Bus der entsprechenden Linie eintrifft. Die Position des Busses wird per GPS ermittelt und die Zeit umgerechnet. Die Anzeigen sind auch behindertengerecht ausgelegt. Blinde oder sehbehinderte Menschen brauchen nur einen Knopf zu drücken und erhalten die eingeblendeten Angaben per Ansage.

Die Kosten für die neue Infrastruktur betrugen inklusive Ticket-Automaten und Fahrgast-Informationssystem sowie Echtzeitanzeigen rund 1,6 Mio. Franken.

Mit der Einführung von Libero gab es auch einen Fahrplanwechsel und eine Verschiebung bei den Tarifen. Für manche Strecken musste man nun plötzlich tiefer in die Tasche greifen, andere Fahrgäste kamen billiger weg. Zumstein und Kundendienstleiterin Silvia Welschen erhalten noch jetzt, nach über achteinhalb Monaten, öfters Telefonanrufe von Fahrgästen, die sich über die Preiserhöhung beschweren.

«Meist sind das Leute, die ‹stur› ihre Strecke von A nach B fahren. Wenn jemand beispielsweise nur von seinem Wohnort zu seinem Arbeitsort fährt und zurück, der reklamiert, weil er mehr bezahlen muss. Vielfahrer und Mehrzonenfahrer hingegen profitieren vom neuen System und fahren günstiger», erklärt die Kundendienstleiterin. Und vor allem benötigen sie nur noch ein Ticket und können fast jedes Verkehrsmittel im Libero-Gebiet nutzen – ausser Privatbahnen und Schiffen.

Die meisten Anrufe beim Kundendienst der BGU kämen jedoch von Personen, die mit dem Zonenplan nicht klar kommen, also nicht wissen, welche Zone bis wohin gilt und was sie nun lösen müssen. «Auch wir müssen den Zonenplan konsultieren, wenn wir uns ausserhalb unserer eigenen Zonen bewegen. Die eigenen Zonen kennen wir natürlich», so Welschen. Sie habe aber auch viele positive Rückmeldungen erhalten, meist persönlich am Schalter. «In der Regel ruft man ja nicht an, wenn man etwas gut findet, sondern wenn man sich beschweren will.»

Markante Frequenzsteigerung

Betrachtet man die Frequenzen des ersten Semesters des laufenden Jahres im Vergleich zum Vorjahr, ist fast auf jeder Strecke des BGU eine deutliche Steigerung feststellbar. Über alles gesehen sind es 7,3%. Im Einzelnen fallen aber gewisse Strecken besonders auf. So verzeichnet man auf der Strecke 38 von Grenchen zum Untergrenchenberg ein sattes Plus von 30%.

Zumstein vermutet, dass dafür einerseits die Möglichkeit, von Bern beispielsweise direkt auf den Berg lösen zu können, und andererseits die Eröffnung der Seilbahn auf den Weissenstein verantwortlich sind. «Nun kann man wieder mit der Seilbahn oder dem Bus hochfahren, die Wanderung vom Grenchenberg zum Weissenstein oder umgekehrt machen und auf der anderen Seite wieder runterfahren. Das zieht die Leute an.»

Auch neue Überbauungen haben Auswirkung: Die Strecke 32 von der Sonnmatt über Selzach nach Lommiswil wurde von fast 17% mehr Fahrgästen benutzt, seit Januar ist die Überbauung Lindenpark in Selzach dafür verantwortlich, vermutet Zumstein. Und seit in Grenchen Nord «Bellavista» steht, haben gegen 19% mehr Fahrgäste die Strecke 24 benützt. Auf gewissen Strecken, insbesondere auf den Abendrundkursen Grenchen (29) und Grenchen–Bettlach (30), verzeichnet man einen leichten Rückgang der Frequenzen, den Zumstein auf die verstärkten Fahrausweiskontrollen zurückführt. So oder so, der BGU-Geschäftsleiter zieht eine durchweg positive Bilanz des neuen Tarifverbundsystems.

Neue Busse geplant

Aber auch sonst ist Bewegung im BGU: In diesen Tagen läuft die Ausschreibung für acht neue Busse, alle mit Erdgas betrieben. «Wir wollen unsere älteren Diesler in den nächsten vier Jahren ersetzen. Dazu hatten wir die ausserordentliche Gelegenheit, einen zweiten Gelenkbus der gleichen Marke, wie der, den wir vor etwa einem Jahr angeschafft haben, als gute Occasion zu kaufen. Er befindet sich momentan in der Werkstatt, wo er umgespritzt wird.»

Wenn der Windpark kommt, fährt der Bus bis auf den Obergrenchenberg

Der Fahrplan auf den Berg hat sich grundsätzlich nicht verändert zu früheren Jahren. Noch immer werden in den Sportferien, den Sommerferien und den bevorstehenden Herbstferien nach speziellen Fahrplänen zusätzliche Kurse angeboten. So werden während dreier Wochen in den Herbstferien täglich 5 Kurse nach Sonntagsfahrplan gefahren. Ausserhalb der Ferien bis zum 1. November werden samstags und sonntags fünf Kurse angeboten, unter der Woche nur am Mittwoch drei Kurse. Ab 1. November sind es samstags und sonntags vier Kurse und jeweils am Mittwoch zwei Kurse.

Sollte aber dereinst der Windpark gebaut werden, hat Zumstein noch einen Trumpf im Ärmel, der dem BGU und der Strecke 38 sicherlich einen zusätzlichen Frequenzschub verleihen wird. Er hat nämlich vorsorglich beim Bund schon im Jahr 2009 eine Konzession beantragt und erhalten, die es dem BGU erlaubt, bis auf den Obergrenchenberg zu fahren. «Man muss die Leute da hinbringen, wo es etwas zu sehen gibt. Und drehen sich die Windräder, werden wir in Erwägung ziehen, von Mai bis Oktober die Strecke bis zum Restaurant Obergrenchenberg zu verlängern.» Bedenken wegen der zu schmalen Strasse hat Zumstein keine: «Die wird man für den Bau und den Transport der Materialien ohnehin ausbauen müssen, das wäre für uns dann kein Problem mehr.»

Die Entscheidung, ob die Strecke 38 allerdings tatsächlich bis zum Obergrenchenberg reicht, liegt bei der Arbeitsgruppe öffentlicher Verkehr der Stadt Grenchen, der Zumstein die Idee in diesen Tagen präsentiert. So oder so: Die Konzession ist vorhanden und noch bis 2019 gültig. «Und hat man erstmal eine Konzession, kann diese in der Regel ohne Probleme verlängert werden», sagt der BGU-Chef.