«Li Wang verdient viel zu wenig Geld, das ist ungerecht.» Die Kinder im Kindergarten Schmelzi sind sich darin einig. Kein Einziges findet es gut, dass die Chinesin, die sie in den letzten neun Wochen kennen gelernt haben, so schlecht wegkommt.

Li Wang ist Schuhnäherin und arbeitet in einer chinesischen Schuhfabrik. Sie arbeitet viel, sechs Tage die Woche. 350 Paar Schuhe näht sie täglich zusammen. Eine halbe Stunde Pause pro Tag, darauf hat sie Anrecht. Und wenn sie bis zum Abend mit ihrer Arbeit nicht fertig wird, muss sie bis in die Nacht hinein arbeiten. Auch das gefällt den Kindern nicht. Li Wang ist zwar eine fiktive Figur, für die Kinder aber real, sie können sich gut vorstellen, wie sie in der Schuhfabrik schuften muss.

Schuhe beherrschen seit den Frühlingsferien neben Spiel und Spass den Unterricht im Kindergarten Schmelzi. Zusammen mit einem Kindergarten in Solothurn wird hier ein neues Lehrmittel getestet. Mit dem Lehrmittel für die Unterstufe will man schon bei den Kleinsten ein Gefühl für nachhaltige Entwicklung fördern.

Was ist ein guter Schuh?

«Das Thema Schuhe ist ideal, um auf verschiedensten Ebenen zu arbeiten und den Kindern die Problematik näher zu bringen», erklärt die Kindergärtnerin Karin Jäggi. In einer ersten Phase haben die Kinder zusammen festgehalten, was ihnen bei ihren Schuhen wichtig ist: Glitzer, Farbe und Form. «Stögis» sind besonders bei den Mädchen beliebt. Jetzt, nach einigen Wochen, sind diese Attribute etwas weniger bedeutend. Viel wichtiger ist geworden, ob ein Schuh bequem und praktisch ist und dass er lange hält. Und eben auch, woher er kommt. Auf spielerische Weise konnten die Kindergärtler selber erfahren, wie die wirtschaftlichen Mechanismen funktionieren. Zwei Beispiele: Aus Papier falten die Kinder zwei Portemonnaies, ein schweizerisches und ein chinesisches. Die Portemonnaies werden mit Spielmünzen gefüllt, das schweizerische mit 10 Münzen, das chinesische mit nur drei Münzen. Von einem Verkaufstisch können die Kinder Dinge «kaufen», die ihnen vertraut sind, wie zum Beispiel Joghurt-Becherli, Süssigkeiten, Getränkeflaschen und Packungen von Esswaren wie Guetzli und Chäsli. Sie merken schnell, dass sie mit dem chinesischen Portemonnaie, dem der Schuhfabrikarbeiterin Li Wang, nicht besonders weit kommen. «Das Angebot auf dem Verkaufstisch wurde in den letzten Tagen immer grösser. Die Kinder bringen viele Dinge von zu Hause mit und tragen so das Thema auch zu ihren Familien», so Jäggi.

Oder: Alle Kinder sitzen im Kreis auf ihren Stühlen. In der Mitte stehen Turnschuhe, angeschrieben mit hundert Franken, dem Preis, den sie hier im Laden kosten. Nun versuchen die Kinder gemeinsam herauszufinden, wer alles einen Teil dieser hundert Franken erhält. Die Verkäuferin im Laden etwa, deren Chef, die chinesische Schuhnäherin Li Wang, der Chef der Schuhfabrik, die Leute, welche die Schuhe von China bis zu uns bringen und der Schuh-Erfinder. Nun müssen sie zu zweit mit grossen und kleinen Kartonmünzen bestimmen, wer von diesen verschiedenen Gruppen den grössten und wer den kleinsten Teil des Geldes bekommt. Schnell wird klar, dass die Kindergärtler das Problem erkannt haben: Li Wang hat die meisten der kleinen Kartonmünzen, der Chef der Verkäuferin im Schuhladen die meisten grossen.

Bei der Auflösung – einem Schuh aus lauter Puzzleteilen mit der richtigen, prozentualen Verteilung – sehen die Kinder, dass die Realität noch viel krasser ist, als sie vermutet hätten: Von den 100 Münzen kriegt Li Wang nicht einmal eine halbe. Der Rest verteilt sich auf den Schuhladen, den «Erfinder» – die Firmen mit der jeweiligen Marke – und Bereiche, welche die Kinder noch nicht bewusst kennen, wie Steuern und Herstellungskosten.

Spielzeugmünzen werden dann im richtigen Verhältnis abgezählt – die Kinder lernen so auch mit Zahlen jonglieren – und zu den richtigen Puzzleteilen gelegt.

Nicht alle Kinder scheinen die zum Teil schwierigen Fragen zu verstehen oder haben Vorschläge zu einer Verbesserung. Aber auf die Frage der Kindergärtnerin, ob das gerecht sei, dass Li Wang so wenig für ihre harte Arbeit erhält, wissen alle reihum die Antwort: Nein, das sei nicht gerecht.

Arbeiten «am Fliessband»

Li Wang und ihr Leben wurden den Kindergärtlern auch anders vorgestellt: Die Kinder agierten selber als «Arbeiter am Fliessband»: Mit Werkzeug mussten sie aus Karton und Filz Schuhe ausstechen und durften eine Zeit lang nicht aufhören, auch wenn ihnen langweilig wurde. «Ich mimte dann den bösen Chef von Li Wang, die ja auch nicht aufhören darf, wenn sie will», so Jäggi. Durch solche Selbsterfahrung wird das Bewusstsein schon früh für die Thematik geschärft, ist Jäggi überzeugt. Und je früher die Kinder sich damit befassen, desto mehr werden sie sich in Zukunft darum bemühen, dass es den Li Wangs dieser Welt einmal besser geht.