«Lampiohren», «Ohreglänggeli», «trumpieren» und das Idiotikon

André Weyermann
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Da hat sich einer aber mächtig «trumpiert». Bevor Sie, werte Leserin, werter Leser, von Ihrer Assoziation nun in eine ungewollte Richtung gelenkt werden, gibt der Schreibende unmissverständlich zu: «mea culpa». Er hat nämlich in einem seiner letzten Bummel der Hoffnung Ausdruck gegeben, die neue Mode mit den «Blaubärten » unter dem Kinn möge schnell verschwinden. Das Gegenteil ist geschehen: War sie bis vor kurzem vor allem an der frischen Luft zu bestaunen, hat sie nun bereits Innenräume, Beizen erreicht, besonders jene, welche Lose, Lotto oder Sportwetten computergeneriert anbieten. Vermehrt beobachtet wird zudem das «Lampiohr», bei welchem die Maske als über­dimensioniertes, temporäres «Ohreglänggeli» an einem Hörorgan getragen wird.

Im Gegensatz zu vielen herkömmlichen Modeerscheinungen machen die hier beschriebenen einigermassen Sinn: Es gilt, die Maske mit möglichst wenig Aufwand korrekt wieder aufzusetzen, wenn die Gesetzgebung es gebietet.

Die Mundartausrücke, die sich in obenstehende Zeilen eingeschlichen haben, geben dem Bummler die Möglichkeit, an seine letzte Kolumne anzuknüpfen, in welcher es um Missverständnisse beim Wort «Idiot» ging: Das «Idiotikon» ist – wie hinlänglich bekannt sein dürfte – keine Aufzählung von Personen und ihren (Un-)Taten, die der Volksmund eben schon mal als «Idioten» zu bezeichnen pflegt. Auch hier ist der Ursprung griechisch: «idios» steht für abgesondert, eigen, privat. Ein Idiotikon ist also ein Wörterbuch, das dialektale, ferner auch fachsprachliche Ausdrücke erläutert, mithin in der Regel ein Mundart- oder Regionalismen-Wörterbuch (Wikipedia). Das Schweizerische Idiotikon existiert seit über 200 Jahren und kann heute auch in einer Online-Ausgabe eingesehen werden. Unter «trumpieren» – Sie wissen oder ahnen es – findet man Folgendes: a) sich irren, sich täuschen, sich (zu seinem Nachteil) verrechnen; b) täuschen, (be)trügen. Tief im digitalen Netz (birsfälder.li) ist der Bummler übrigens noch auf dieses Zitat gestossen: «In ebendiesem Schweizerischen Idiotikon wird das Verb «trumpieren» in der Schweiz schon vor 1900 verwendet und zeigt deutlich, wie vorausschauend sich die Sprache der Schweizerinnen und Schweizer entwickelt hat. Oder auf den heutigen Sprachgebrauch reduziert: «Switzerland First!»

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Auch der Stadtbummler tut sich schwer in diesen merkwürdigen Zeiten, ist jedoch mit den angeordneten Massnahmen einverstanden. Das «Switzerland First» lässt er nur im obigen Kontext gelten. Insbesondere hält er das «first» – für welches Land auch immer – im leider nun wohl unausweichlichen «Geschacher» um den ersten wirksamen Impfstoff für ausgesprochen idiotisch.

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