Letzte Woche brachte ein Schwertransporter in Polizeibegleitung das zierliche Ungetüm aus dem Raum Olten an seinen Bestimmungsort nach Bettlach. Borer nummeriert seine Objekte durch, einen eigentlichen Namen haben sie nicht.

«Das mag für den Betrachter vielleicht etwas unromantisch sein, aber Namen sind schlichtweg unnötig», sagt der Künstler, der momentan gerade in Berlin weilt, um eine neue Ausstellung vorzubereiten. Im Gegenteil: Ein Name würde dem Betrachter den unvoreingenommenen Zugang zum Kunstwerk verwehren.

«Die neueren Stahlskulpturen des Schweizer Künstlers Carlo Borer stehen in der Landschaft wie Abgesandte aus einer anderen Wirklichkeit. Ihre Fremdartigkeit ist nicht aufdringlich, jedoch bei längerer Betrachtung immer stärker zu spüren, da sich ihre Formen beharrlich der Vergleichbarkeit entziehen.» So beschreibt der Kunsthistoriker und Kunstkritiker Peter Lodermeyer Borers Kunstwerke.

Klar, streng und doch verspielt

«426» ist sein jüngstes Werk, eine Auftragsarbeit für den Industriellen Hugo Mathys. Borer arbeitet mit CAD-Systemen, an denen er seine Objekte entwirft. «Ich zerschneide mit klaren Linien den Raum.» Seine Formen sind klar und streng – und doch verspielt. Sie füllen den Raum und gaukeln dem Betrachter vor, als bewegten sie sich. Rotationskörper oder freies «Zeichnen im Raum» sind meist die Grundlagen seiner Objekte. Jede gezeichnete Linie hat einen Bezug zu einer zweiten Linie, jeder Punkt muss mit einer Geraden zum entsprechenden Punkt auf der anderen Linie verbunden werden. Aus der Summe dieser Linien entstehen «abwickelbare Flächen».

Die Grenzen der Machbarkeit stellt die Realität. «Zeichnen und rechnen am Computer kann man vieles, was man dann aber vielleicht nicht bauen kann», erklärt Borer. Die Herausforderung sei, die beiden Welten miteinander zu verbinden. «Die Möglichkeiten der CAD-Berechnungen sind weit entwickelt. Ich arbeite mit zwei CAD-Systemen und habe eigens für meine Zwecke entwickelte Plug-ins.» Unter anderem programmiert auch ein ehemaliger Spezialist von Herzog & de Meuron für den Künstler.

Die am Computer entworfenen Flächen werden abgewickelt, dann mit einem Laser aus Chromstahlblech ausgeschnitten, geformt und schliesslich zur fertigen Form zusammengeschweisst.

Figuren aus dem virtuellen Raum

Der eigentliche Grund für die irritierende formale Qualität seiner Skulpturen liege in ihrer Herkunft aus dem virtuellen Raum, schreibt Lodermeyer in seiner Besprechung. «Ihre Formgebung orientiert sich weder an naturgegebenen Vorbildern noch ergibt sie sich aus der Auseinandersetzung mit der Tradition abstrakter Skulptur oder aus dem praktischen Umgang mit dem Werkstoff Stahl und seinen Verarbeitungsmethoden. Bei Carlo Borer definiert sich die Form primär aus den spezifischen Möglichkeiten, die durch die Computertechnologie gegeben sind.»

Kompetenter Auftraggeber

Borer sagt von sich selber, er sei in der Formgebung strenger geworden. «Wenn ich mich beim Arbeiten sozusagen als ‹Aussenstehender› betrachte, bemerke ich, dass ich immer mehr reduziere, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit offenhalte, aufzubrechen und Verspieltes zu schaffen.»

Dieser Gegensatz habe auch den Auftraggeber für «426» fasziniert. «Hugo Mathys war in den eineinhalb Jahren, die von der ersten Idee bis zur Realisierung verstrichen, immer sehr interessiert und präsent. Er war fasziniert von der klaren Geometrie von «426» mit seiner doch sehr dynamischen Linienführung. Ein echt kompetenter Partner, der bei seinen zahlreichen Besuchen auch jede kleinste Änderung registrierte.»

Der Bau des Kunstwerks sei schwierig und vor allem statisch eine Herausforderung gewesen. «Wir verwendeten zum Teil sechs Meter lange Bleche. Nur: Solch lange Walzen gibt es nicht.» Auch gibt es in «426» ein langes Stück, das von vorne bis hinten durch die Figur hindurch frei hängt. Dementsprechend schwierig seien die Berechnungen gewesen. «Der Mittelteil wurde aus 4 mm dickem Chromstahlblech gefertigt, der Rest aus 5 mm. So konnte man die Stabilität gewährleisten.»

«426» passt ausgezeichnet an den neuen Standort und scheint schon jetzt fester Bestandteil des Mathys-Hauptgebäudes zu sein. Und Bettlach ist um eine Attraktion reicher.