Kompostieranlage Grenchen
Kunstoffe im Kompost: «Manuelle Auslese und maschinelle Entfernung als Gebot der Stunde»

Der Grenchner Umweltfachmann Konrad Schleiss untersuchte im Auftrag des Bundes die Problematik der Kunststoffe im Kompost. Er fordert mehr Disziplin bei der Abfalltrennung.

Andreas Toggweiler
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Anlieferung des Materials
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Kompostberge, so genannte Mieten
Maschine zur Durchlüftung der Mieten
Produkte der Kompostieranlage
Experte Konrad Schleiss zeigt Siebe zur Prüfung der Kompostqualität
Konrad Schleiss entnimmt eine Probe
Kompostieranlage Grenchen
Das Material wird gesiebt
Fremdkörper kommen zum Vorschein
Jedermann kann in der Anlage Komposterde kaufen
Preisschild

Anlieferung des Materials

Andreas Toggweiler

Plastikabfälle im Grünabfall sind ein zunehmendes Problem – auch in Grenchen. Der Grenchner Umweltfachmann Konrad Schleiss ist Spezialist für biogene Abfälle und Kompostierung. Er verfolgt im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt die Situation in den Schweizer Kompostier- und Vergärungsanlagen.
Viele Leute werfen auch in Grenchen ihren Grünabfall im Plastiksack in den Grünabfall-Container. Wie gross ist das Problem?

Fremdstoffe und speziell Folienplastik im Kompost sind tatsächlich problematisch. Das Problem ist grösser wenn der Grünabfall vergärt wird, weil dort mehr Abfall aus der Speiseabfallsammlung aus den Haushalten verarbeitet wird als wenn nur Grünabfälle kompostiert werden. Zusätzlich ist bei der Vergärung der Feuchtigkeitsgrad meist höher, was das Aussortieren und Trennen von Plastik schwieriger macht.
Was ist schlimmer: Plastik im Grünabfall oder Grünabfall im Kehricht?

Keines von beidem ist wünschenswert. Eine einfache Antwort dazu gibt es nicht. Wenn man eine maximale Verwertung des Abfalls anstrebt, ist das Ziel den Grünabfall möglichst frei von Fremdstoffen zu halten um daraus Biogas und entsprechend Energie und einen hochwertigen Kompost zu produzieren. Ist der Grünabfall allerdings so stark verschmutzt, dass es nicht möglich ist mit den verfügbaren Mitteln ein befriedigendes, den gesetzlichen Anforderungen entsprechendes Produkt herzustellen, dann ist es besser dies zu verbrennen. Die Kehrichtverbrennungsanlage hat keine Probleme den Grünabfall thermisch zu verwerten, solange die Menge nicht extrem ist.

Bisweilen nimmt die Abfuhr Container mit zu viel Plastik im Grünabfall gar nicht mehr mit...

Das Stehenlassen der Abfallconainer ist natürlich als Warnschuss gedacht um von den Leuten eine Verhaltensänderung zu erreichen. In die gleiche Richtung geht die digitale Grünguttonne, bei der während dem Entleerungsprozess Fotos vom Inhalt gemacht werden. So können die schlechten Beispiele dokumentiert werden und den Gemeindeverantwortlichen ein Beweismittel als Begründung für die Strafmassnahme des Stehenlassens gegeben werden. Aus Sicht der Verarbeitungsanlagen sind alle Massnahmen, welche zu verminderten Fremdstoffgehalten führen, zu begrüssen.

Auch in Corona-Zeiten: Abfälle trennen

«Die separate Sammlung und Entsorgung ist auch in Corona-Zeiten wichtig», schreibt die Organisation «Swiss Recycling» in einer Stellungnahme. Eine Mitteilung des Bundesamtes für Umwelt, vom 19. März, wonach Haushalte unter Quarantäne und von Corona-Kranken als Vorsichtsmassnahme auf die Abfalltrennung verzichten sollen, sei offenbar von Medien falsch zugespitzt worden. Dies heisse keinesfalls, dass auch alle anderen Haushalte auf die Separatsammlung verzichten sollen, wird in der Mitteilung betont.

Die Sammelorganisationen und Verwerter setzten alles daran, die Kreisläufe aufrecht zu erhalten. Bei den Sammelstellen gelten die üblichen Vorsichtsmassnahmen (Abstand etc.). Die Entsorgungswerkhöfe der Firma Schlunegger in Grenchen und Büren a. A. sind weiterhin in Betrieb, wie Informationen der Firma zu entnehmen ist. Sie empfiehlt, die Abfälle zu Hause vorzusortieren, damit der Aufenthalt auf dem Werkhof möglicht kurz gehalten werden kann. Die Grenchner Kehrichtabfuhr ist schon seit einiger Zeit mit Mundschutz unterwegs. (at.)

Wie kann die Bevölkerung für die Problematik sensibilisiert werden?

Zum Beispiel mit Merkblättern, und Informationszetteln könnte man den Leuten bewusst machen, was die Plastiksäcke auf einer Kompostier - Anlage für die Produktqualität bedeuten. Es gibt nun mal niemand, der eine ungeöffnete Packung Karotten aus dem Sack nimmt und den Plastik entsorgt. Dies sind Arbeiten, die zuhause an der Quelle geleistet werden müssen. Kompostierbare Säcklein führen zum Teil zu Verwirrung, das Beste wäre, die Resten ohne Sack in einem Eimer sammeln und in die Grüntonne schütten. Am Ende müssen wir den Leuten aber auch mehr zeigen können, was sich in den Containern vorfindet. Denn dann werden sie sicher sagen, das waren nicht sie...

Wie ist die Situation in der Kompostieranlage Grenchen?

In den letzten Jahren haben Mitarbeiter von ProWork zweimal pro Woche Fremdstoffe aus dem Grüngut und ab den Mieten in der Kompostieranlage abgelesen. Im Moment ist gerade Winterpause, aber ja, die Anlage Grenchen hat auch grosse Anstrengungen machen müssen, weil die Landwirte zunehmend den Plastik im Kompost nicht mehr akzeptieren wollen. Daher sind die manuelle Auslese, aber auch die maschinelle Entfernung mit Siebung und Windsichtung ein Gebot der Stunde. Das alles kostet natürlich auch und früher oder später muss das auf die Verursacher abgewälzt werden. Von den abgesiebten Mengen müssen mehr als 200 Tonnen pro Jahr (2-5%) über die Kebag entsorgt werden, was auch zusätzlich kostet.

Wie viele Tonnen verarbeitet die Kompostieranlage Grenchen pro Jahr?

Die Anlage verarbeitet aus der Region in der Grössenordnung von 5000-10000 Tonnen biogene Abfälle pro Jahr. Dazu kommen noch Lieferungen von schlecht vergärbarem Material von Vergärungsanlagen des gleichen Betreibers. Die Anlage Grenchen wird von der Axpo Biomasse AG betrieben.

Wo wird der erzeugte Kompost verwendet?

Der erzeugte Kompost wird zu rund zwei Dritteln landwirtschaftlich, und einem Drittel im Gartenbau im Hobbybereich verwertet. Die Landwirte erhalten den Kompost auf den Feldern gestreut, während Gartenbau und Hobbygärtner für das Produkt vor Ort bezahlen.
Im Sommer sind die Gerüche der Kompostieranlage mitunter unangenehm. Lassen sie sich reduzieren?

Mit der eingesetzten Technologie sind einzelne Geruchsemissionen unvermeidlich. Eine Lösung wäre, wenn für die leicht abbaubaren Stoffe auch eine Vergärungsanlage gebaut würde. Weil dort die Hauptprozesse in geschlossenen Tanks - ähnlich wie bei der Kläranlage – stattfinden, würde das die Geruchsfreisetzung massiv reduzieren. Aber auch das ist natürlich eine Kostenfrage und im Moment hat es in der Region genug Vergärungskapazitäten. Aber eigentlich wären die Voraussetzungen auch mit der jetzt vorhandenen Gasaufbereitung bei der Kläranlage Grenchen an sich günstig.

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