Grenchen

Krise schürte bei Migranten Ängste um die Existenzgrundlage der Familie daheim

Alberta De Paiva bietet in ihrer Boutique an der Bielstrasse auch Geldtransfers an.

Alberta De Paiva bietet in ihrer Boutique an der Bielstrasse auch Geldtransfers an.

Grenchner Migranten kämpften in der Krise für die Unterstützung ihrer Angehörigen im Ausland. Das war schwierig, als die Möglichkeit zur Geldüberweisung gestoppt wurde.

Der Bund hat die Geldüberweisung von Migranten in ihre Heimatländer zur unverzichtbaren Dienstleistung erklärt. Dies, nachdem der Dienst mitten in der Krise ausgerechnet unter dem Vorwand der Fairness abgewürgt worden war. Das bekamen unzählige Grenchner schmerzlich zu spüren. Betroffen war vom Unterbruch auch der Südbahnhof, dessen Westernunion-Dienstleistungen zwei Tage lang nicht erbracht werden durften.

Das Problem begann mit diesem Reflex: Wettbewerbsvorteile gewisser Gelddienstleister gegenüber anderen eliminieren. Bei den Überweisungen über die Grenze kam ein Mechanismus zum Tragen, der im Zusammenhang mit dem Verkauf von Pflanzen bei Grossverteilern Schlagzeilen gemacht hatte: Floristen und Gartencenter gingen Mitte März leer aus und erwirkten den allgemeinen Verkaufsstopp über den Ladentisch. Dieser Logik folgend, durften Bahnhöfe und Lebensmittelläden am Montag, 20. April, plötzlich keine Finanzdienstleistungen mehr anbieten.

Verkaufsstopp sehr schnell zurückgenommen

An einzelnen Orten, wie in Genf, erschien die Polizei, um der «Fairness» Geltung zu verschaffen. Auch in Grenchen mussten die Leute ihr Geld wieder mitnehmen. Doch Rimessen, wie die Rücküberweisungen in die Heimat im Fachjargon heissen, sind keine Blumen.

Zwei Tage brauchte der Bundesrat, um die Tragweite der Entscheidung zu überdenken und Rimessen in der zweiten Covid-19-Verordung als unverzichtbaren Dienst zu klassieren. Schon am 22. April konnten die Migranten ihre Verwandten daheim wieder unterstützen. Der Haken dabei: Manche Geschäfte, die Geldüberweisungen ins Ausland anbieten, sind in Segmenten tätig, die im Lockdown nicht zum Grundbedarf gerechnet wurden. Ihre Kundschaft musste zur Konkurrenz oder in andere Städte ausweichen. Mitte Mai hat die Schweiz das Bekenntnis zur Bedeutung der Rimessen in Absprache mit Grossbritannien bekräftigt, wie die Zeitung «Le Temps» schreibt. Denn das Verbot der Rücküberweisungen setzt gerade in Krisenzeiten Kettenreaktionen in Gang, die nicht im Sinn der «Geberländer» sind: Not in wenig entwickelten oder politisch instabilen Ländern, soziale Unruhen, die sich zu Bürgerkriegen auswachsen können, Fluchtbewegungen und damit mehr Migrationsdruck auf Europa.

Am Südbahnhof war Teamleiter Dani Hafner froh über das Machtwort des Bundes. «Ich staune über die Familiensolidarität in vielen Kulturen. Selbst wenn das eigene Einkommen kleiner wird und sie sich sehr einschränken müssen, unternehmen diese Leute alles, um der Familie daheim dieselbe Geldmenge zu schicken wie immer.»

Mitte März habe die Nachfrage, Geld ins Ausland zu schicken, merklich zugenommen. Um wie viel, kommunizieren die SBB nicht. Von einzelnen Personen habe Hafner gehört, dass es mit dem Geldabholen im Empfangsland aufgrund der Quarantänemassnahmen Probleme gegeben habe.

Offene und verschlossene Türen

Der Kiosk am Nordbahnhof überweist via Moneygram Geld ins Ausland. Nach Auskunft einer Angestellten, die anonym bleiben will, sei das Volumen in der Krise stabil geblieben. Mit Ängsten von Migranten um die Existenzgrundlage der Familie daheim sah sich Alberta De Paiva konfrontiert. Da sie die Überweisungen in ihrer Kleiderboutique Rosalba Fashion anbietet, standen die Kunden hier zwei Monate lang vor verschlossener Tür. «Ich habe unzählige Anrufe von Stammkunden erhalten, die mich eindringlich gebeten haben, die Überweisungen weiterhin zu machen», erzählt sie.

Keine Ausnahme für Geldüberweisungen

Entsprechend sei sie zur Polizei gegangen für eine Ausnahmebewilligung. «Die Polizei hat mich mit leeren Händen heimgeschickt. So habe ich meinen Kunden empfohlen, in die Ria-Firmenzentrale nach Biel zu gehen. Diese blieb geöffnet.» In dem Monat, seit die Boutique wieder offen ist, haben nach Aussage von De Paiva die Geldüberweisungen zugenommen.

Rücküberweisungen ins Heimatland sind nicht Sache der Kantone, sondern fallen in die Zuständigkeit des Bundes. Eine Reihe von Selbstregulierungsorganisationen wacht darüber, dass die Geldwäschereibestimmungen der Finma (Eidg. Finanzmarktaufsicht) eingehalten werden.

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