Die Geschäftsleiterin eines Altersheims im Kanton Bern hilft stundenweise im «Läbesrad» aus. Vor den beiden auf dem Tisch liegt eine Spieltafel, auf der eine ganze Reihe von Spielkarten aufgedruckt sind, Karo, Kreuz, Schaufel, Herz.

«Burkhalter» würfelt die Zahl sechs, fischt aus dem sechsten Abteil eines Kartons eine Karte, Schaufel neun, überlegt kurz und deckt damit, so ists gefordert, Schaufel neun auf der Spieltafel ab.

Danach ist Daniela Hubler an der Reihe, würfelt, holt ein Kreuz sechs aus dem Karton - und fragt: «Wo muss ich die Karte hinlegen?» «Burkhalter» weiss es ganz genau, gibt aber nicht die gewünschte Antwort, sondern meint vielmehr verschmitzt: «Sie hat keine Ahnung und fragt dann einfach.»

Die Stimmung am grossen Tisch in der Stube der Vierzimmerwohnung an der Hohlen Gasse 1 in Bettlach ist gelöst, immer wieder fallen humorvolle Bemerkungen, vonseiten der Tagesheim-Besucher und der Betreuenden. «Es soll bei uns ein bisschen wie zu Hause sein», meint Regula von Mühlenen, Mitgründerin und Leiterin des «Läbesrad». «Kleine Sticheleien haben da auch ihren Platz, natürlich immer liebevolle.»

Entlastung der Angehörigen

An diesem Mittwochvormittag sind es fünf Personen, vier Männer und eine Frau, die im Tageszentrum betreut werden. Im Durchschnitt zählt das «Läbesrad» täglich sieben Gäste. Sie sind alle betagt, ihre Einschränkungen vielfältig, gravierend und immer sind auch die mentalen Fähigkeiten davon betroffen.

Dennoch wollen und können sie - dank der Unterstützung ihrer Angehörigen - zu Hause wohnen. Eine zusätzliche Hilfe bietet, wie verschiedene andere Institutionen im Kanton, das Tagesheim in Bettlach.

«Mit unserem Angebot wollen wir dazu beitragen, dass kranke Menschen länger in ihrer vertrauten Umgebung bleiben können», erläutert Regula von Mühlenen.

«Die betreuenden Angehörigen werden dadurch etwas entlastet und zudem ermöglichen wir den Betroffenen soziale Kontakte.» Vor zwei Jahren hat sie gemeinsam mit Daniela Hubler, und unterstützt von mehreren Stiftungen, das Tageszentrum in Bettlach ins Leben gerufen.

Drei Tage in der Woche geöffnet

Die 40-Jährige ist vom Schweizerischen Roten Kreuz ausgebildete Pflegehelferin und hat in diversen Alters- und Pflegeheimen gearbeitet. Das Zentrum ist während dreier Tage in der Woche geöffnet, montags, mittwochs und freitags. Zu Hand geht Regula von Mühlenen mit Brigitte Ryser eine weitere Betreuungsperson.

«Die Tage sind nicht strikt durchorganisiert», unterstreicht die Tagesheimleiterin. «Unsere Gäste sollen das machen können, was sie wollen und noch können.

Dabei werden sie dann von uns unterstützt.» Während Ernst Burkhalter zum Beispiel gerne spielt, hat Max Sandmeier so manche Geschichte auf Lager.

«Ich bin eigentlich ein Aargauner», stellt er sich schmunzelnd vor. Einen Grossteil seines Berufslebens hat er aber im Kanton Solothurn verbracht. Stolz erzählt er, wie er Gärtnermeister geworden ist, und dann während über 30 Jahren für eine renommierte Gartenbaufirma in der ganzen Schweiz und darüber hinaus unterwegs war. Präzise erinnert er sich an Erlebnisse mit Kunden oder an die Namen der Firmeninhaber.

«Meine Erinnerung ist noch voll da», sagt er, und setzt nachdenklich hinzu: «Im Moment noch.»
Die drei weiteren Gäste am Mittwochmorgen gehen jeder einer ruhigen Tätigkeit nach, lesen in einem Buch, der Zeitung oder lösen ein Kreuzworträtsel. Zu den gemeinsamen Beschäftigungen gehören Spaziergänge, Spiele, Gesang, Lachen und, so von Mühlenen, «manchmal einfach die Seele baumeln lassen.

Soziale Kontakte ermöglichen

«Die Arbeit im Tagesheim ist eine grosse Verantwortung, gleichzeitig ist es aber für mich beglückend, den Betroffenen ein Stück Lebensqualität vermitteln zu können», schildert die Tagesheimleiterin ihre Motivation. «Wenn mir jemand sagt, dass er gerne zu uns kommt, zeigt mir das, dass wir unsere Arbeit richtig machen.»

Gerne kommt zum Beispiel immer einmal die Woche, freitags, auch der Mann von Ursula Berger-Imhof ins «Läbesrad». Und das schon seit zwei Jahren.

«Die sozialen Kontakte, die er hier pflegen kann, sind ihm wichtig», erzählt seine Frau. Zudem bedeutet die Betreuung im Tageszentrum für sie selbst eine Hilfe, um den Eintritt in ein Pflegeheim so lange wie möglich hinauszögern. Von «Entlastung» will sie indes nicht sprechen, «mein Mann ist mir keine Last», betont sie - ganz ähnlich wie Ruth Schubiger.

Bis zu seinem Tod vor wenigen Wochen war auch ihr Ehemann ein regelmässiger Gast im Tageszentrum. «Er war immer sehr zufrieden an diesen Tagen», erinnert sie sich. Beide Frauen bezeichnen die Pflege ihrer Partner als 24-Stunden-Job - und betonen, dass neben dem Tagesheim die Unterstützung durch die Familie eine besonders wichtige Rolle spielt.

Und Ruth Schubiger stellt fest: «Man kann das nur, wenn man einander sehr gerne hat und auf viele gemeinsame Erlebnisse zurückblicken kann.»