Grenchen
Knapp über Archstrasse geschrammt: Misslungener Start hatte mehrere Ursachen

Der misslungene Start eines Schulflugzeugs im Sommer 2014 hatte mehrere Ursachen. Der Bericht der Untersuchungsstelle liegt jetzt vor.

Andreas Toggweiler
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Glück im Unglück hatten Pilot und Flugschüler in dieser Maschine. Sie blieben unverletzt.

Glück im Unglück hatten Pilot und Flugschüler in dieser Maschine. Sie blieben unverletzt.

Andreas Toggweiler

Die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle SUST hat die Untersuchung zu einem Flugunfall abgeschlossen, der sich am 5. Juni 2014 beim Start eines Schulflugzeuges vom Typ PA 38-112 Tomahawk in Grenchen ereignete.

Das Flugzeug bekundete Probleme mit dem Steigflug beim Start Richtung Westen. Es überquerte die Archstrasse in nur geringer Flughöhe und ging auf dem Feld westlich der Strasse nieder. Der Pilot und sein Flugschüler blieben glücklicherweise unverletzt, das Flugzeug nahm aber schweren Schaden.

Fünf Meter über der Strasse

Es trat genau die Situation ein, vor der Fachleute schon länger warnen. Ein Flieger schrammt in geringer Höhe über die Archstrasse. Wie hoch die besagte Piper an jenem Frühsommertag die Archstrasse überquerte, geht zwar aus dem Bericht nicht genau hervor, der Bericht spricht von geschätzten fünf Metern. Dass die Situation für den Verkehr auf der Strasse hätte gefährlich werden können, ist damit offensichtlich.

Das Flugzeug startete gegen Westen und landete kurz danach auf einem Feld
6 Bilder
Die Passagiere, ein Fluglehrer und sein Schüler, blieben unverletzt
Das Flugzeug stürzte beim Starten ab
Der Heli mit den Beamten des Büros für Flugunfalluntersuchungen trifft ein
Flugzeugabsturz beim Grenchner Flugplatz

Das Flugzeug startete gegen Westen und landete kurz danach auf einem Feld

Andreas Toggweiler

«Dieser Unfall war mit ein wichtiger Grund für meinen Vorstoss vom vergangenen Mai», erklärt Kantonsrat und Aviatikexperte Peter Brotschi auf Anfrage. Brotschi verlangt, dass die Archstrasse im Bereich der Piste in den Boden verlegt wird, um die Sicherheit zu erhöhen. «Wenn in Solothurn der Autobahnzubringer aus Lärmschutzgründen in den Boden verlegt werden konnte, dann muss in Grenchen ein Tunnel aus Sicherheitsgründen ebenfalls möglich sein.» Der Kanton will aber aus Kostengründen diesen Tunnel nicht bauen.

Von der Graspiste aus

Der Unfallhergang war folgendermassen: Der Fluglehrer der Maxim Air mit über 1000 Flugstunden Erfahrung und sein Schüler setzten an jenem Tag kurz nach 16 Uhr zum (zweiten) Start im Rahmen eines Flugtrainings auf der Graspiste an. Ein erster Start wurde zuvor bereits abgebrochen.

Im Folgenden zitieren wir aus dem SUST-Bericht:

«Um 16.08 Uhr erteilte die Flugverkehrsleitung die Startfreigabe für einen erneuten Start auf Piste 25L, zusammen mit einer Windangabe von 6 Knoten aus 230 Grad. Um 16.10 Uhr erfolgte der zweite Startversuch. Dieser verlief gemäss den Angaben des Fluglehrers bis zum Abheben normal, bei einer anfänglichen Volllastdrehzahl von 2300 RPM und einer mit dem ersten Startversuch vergleichbaren Beschleunigung. Der Flugschüler gab an, querab des links der Piste befindlichen Windsacks eine Geschwindigkeitsanzeige von 45 Knoten abgelesen zu haben.

Strömungsabbruch drohte

Das Abheben erfolgte kurz vor dem Pistenende auf Höhe des Rollwegs T. Nach dem Abheben versuchte der Flugschüler auf Anweisung des Fluglehrers, durch eine Reduktion des Anstellwinkels Geschwindigkeit aufzunehmen. Nachdem ihm dies nicht gelang, übernahm der Fluglehrer die Kontrolle über das Flugzeug und versuchte nun selbst, in Bodennähe Geschwindigkeit aufzunehmen. In dieser Phase nahm er die akustische Überziehwarnung (stall warning) wahr. ...

Die Kantonsstrasse, welche die Pistenachse in einem Abstand von rund 100 m zum Pistenende kreuzt, wurde in sehr geringer Höhe überflogen. Nachdem es dem Fluglehrer gelungen war, eine maximale Flughöhe von geschätzten fünf Metern zu erreichen, nahm er erneut das Ertönen der ‹stall warning› wahr.

Flugzeug demoliert

In der Folge entschied sich der Fluglehrer, auf dem vor ihm liegenden Feld zu landen. Dazu liess er das Flugzeug ohne Reduktion der Triebwerksleistung zu Boden sinken und setzte die Landeklappen kurz vor dem Aufsetzen auf Landestellung (34°). Der Fluglehrer gab später zu Protokoll, vom Verhalten des Flugzeuges nach dem Abheben überrascht gewesen zu sein.

Im Verlauf der Landung schlugen zunächst der linke Flügel und die Flugzeugnase auf dem Boden auf. Das linke Hauptfahrwerksbein wurde dabei vom Rumpf abgetrennt. Das Flugzeug bewegte sich anschliessend rund 30 m weiter in Flugrichtung, drehte sich dabei um seine Hochachse nach links und kam schliesslich mit der Nase in Richtung Südosten zum Stillstand. Der Propeller wurde durch den Bodenkontakt zum Stillstand gebracht.»

Soweit der Unfallhergang gemäss SUST. Die Notlandung wurde auch vom Tower beobachtet sowie von einem Augenzeugen (Pilot). Übereinstimmend wurde festgestellt, dass das Flugzeug Mühe hatte, Höhe zu gewinnen.

Zu hohes Abfluggewicht

Warum das der Fall war, darüber gibt der Bericht der SUST ebenfalls Auskunft: Erstens wurde das maximale Abfluggewicht des Zweisitzers um 50 Kilo überschritten. Es beträgt 758 kg. Messungen ergaben aber, dass der Flieger beim Start 808 kg schwer war: 566 kg wog das Flugzeug leer, 54 kg der Treibstoff, 184 kg die beiden Insassen und 5 kg Gepäck und Kleinmaterial. Das Flugzeug wurde somit mit zu viel Treibstoff betankt (vgl.
Kasten).

Verschmutzte Zündkerzen führten zudem zu einer Leistungseinbusse des Motors. Auch war das Höhensteuer während der Rollphase des Startvorgangs nicht nach Lehrbuch geführt worden, ebenso die Methode zur Kontrolle des Beschleunigungsfortschritts.

Als Konsequenz des Flugunfalls ergänzte die Eigentümerin des Schulungsflugzeugs die Regelungen zur Betankung ihrer Maschinen.