Flughafen Grenchen
Kein Militärflugplatz - Der Kampfjet kam trotzdem nach Grenchen

Vor über 40 Jahren landete der Senkrechtstarter-Jet Hawker Harrier in Grenchen – eine Sensation in der Uhrenstadt. Die Leute besuchten das ausgestellte Kampfflugzeug in Scharen.

Peter Brotschi
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Der «Harrier XV742/G-VSTO» in Grenchen. Pilot John Farley wird von Flugplatzchef Egon Gfeller und Kurt Müller begrüsst. Samuel Hediger

Der «Harrier XV742/G-VSTO» in Grenchen. Pilot John Farley wird von Flugplatzchef Egon Gfeller und Kurt Müller begrüsst. Samuel Hediger

Grenchen sollte laut Plänen des Eidgenössischen Militär-Departements in der Mitte der 1950er-Jahre zum Militärflugplatz mit einer 2000 Meter langen Piste ausgebaut werden. Der Grenchner Flughafen wurde aber nicht Ersatz für den wegfallenden Militärflugplatz Thun – weder «Vampire» noch «Venom» flogen je einst aus der Witi. Ein Kampfjet war aber trotzdem einmal zu Besuch: Der berühmte «Harrier» war 1971 in Grenchen – aber nur, weil er senkrecht landen konnte.

Das Jahr 1971 war genau 40 Jahre nach der Flugplatzgründung. Hatte der Besuch des Kampfjets einen Zusammenhang mit geraden Jahreszahl? «Genau so ist es», sagt Kurt Müller. Der in Langendorf lebende ehemalige Unternehmer und Mitglied der Segel- und Motorfluggruppe Grenchen war nämlich zuvorderst mit von der Partie, als versucht wurde, den «Harrier» nach Grenchen zu bringen. «Wir wollten einen Flugtag organisieren zum 40-jährigen Bestehen des Aero-Clubs Grenchen und des Flugplatzes sowie zur Einweihung der Hartbelagpiste», erinnert sich Müller. Aber neben den Vorführungen der Grenchner Flugzeuge sollte auch etwas Einmaliges dabei sein, eben ein neuer Kampfjet.

Die Angaben Müllers lassen sich leicht verifizieren anhand der Unterlagen, die er über 40 Jahre später noch zu Hause aufbewahrt. Während Bernhard Müller Präsident des Organisationskomitees war und Robert Mathys sen. sein Vize, amtete Kurt Müller als Verantwortlicher für das Programm und die Flugzeugausstellung.

Senkrechtstarter-Pionier zu Gast

Es müssen hektische Tage gewesen sein im Frühling 1971 auf dem Flugplatz Grenchen. Alles lief kurzfristig ab. Am 6. Mai 1971 reichten Bernhard Müller und Robert Mathys beim Eidgenössischen Militär-Departement das Gesuch ein, dass am Flugtag die beiden Kampfjets Hawker Siddeley Harrier und Vought A-7 Corsair vorgeflogen werden dürfen. Bei der Firma Hawker Siddeley wurden die Vorbereitungen für die Reise in die Schweiz getroffen. Am Werk war hier einer der bekanntesten Piloten des Vereinigten Königreichs: Bill Bedford, Jagdflieger des Zweiten Weltkriegs und Testpilot, der im Jahr 1953 mit einem «Hunter» über Schaffhausen den ersten in der Schweiz zu hörenden Überschallknall «produziert» hatte.

Später, im Februar 1957, weilte Bill Bedford mit seinem Testpilotenkollegen David Lockspeiser wieder in der Schweiz, als der «Hunter» definitiv für die Luftwaffe evaluiert wurde. Bedford hatte als Testpilot Anfang der 1960er-Jahre zudem die Vorläufer des «Harriers», «P.1127» und «Kestrel», erstmals geflogen und gehört zu den Senkrechtstart-Pionieren. Er musste sich 1961 mit dem Schleudersitz aus dem abstürzenden Senkrechtstarter retten, ebenfalls überlebte er 1963 an der Paris Air Show einen schweren Unfall.

Am 17. Mai 1971 verfasste Bedford, bei Hawker Siddeley inzwischen zum Verkaufsmanager aufgestiegen, das Dokument für die Reise nach Grenchen und Lugano. Darin wird festgehalten, dass ein «Harrier» und ein Geschäftsreisejet HS 125 in die Schweiz fliegen. Interessant zu sehen, wie auf einem Dokument der berühmten Flugzeugbaufirma die Namen der damaligen Grenchner Polizeichefs Gottlieb Wittmer (Kantonspolizei), Willy Hug und Hermann Brotschi (Stadtpolizei) sowie von Feuerwehrchef Hans Allemann auftauchen.

Der Trick mit dem Zivil-Register

In Bern stiess das Begehren aus Grenchen offenbar nicht auf Freude. Es kam ein negativer Bescheid, weil zeitgleich die Evaluation für ein neues Kampfflugzeug als Ersatz für den «Venom» lief: «Vought A-7D Corsair» aus den USA und der französische «Dassault Milan» standen sich nämlich gegenüber, die Erprobung endete am 9. September 1972 mit dem Nullentscheid des Bundesrats.

Im Vereinigten Königreich liess man sich aber nicht beirren: Der für die Reise vorgesehene «Harrier» mit der militärischen Registrierung XV742 erhielt kurzerhand einen Eintrag ins zivile Register und wurde in G-VSTO umbenannt. Damit galt er als ziviles Flugzeug. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt erteilte die Bewilligung für den Einflug in die Schweiz.

Neue Massstäbe gesetzt

Der «Harrier» flog mit John Farley im Cockpit am 10. Juni nach Agno, wo ein Internationaler Luftfahrtsalon stattfand. Am Samstag, 12. Juni 1971, überflog Farley nach Grenchen. Es war ein ohrenbetäubender Lärm, als der Kampfjet plötzlich über der Stadt auftauchte und auf der damals neuen Hartbelagpiste senkrecht landete.

Der «Harrier» wurde auf dem Abstellplatz vor dem Kontrollturm für das Publikum ausgestellt. Das Wetter war an diesem Tag so schlecht, dass die geplante Airshow buchstäblich ins Wasser fiel. Aber das neue Kampfflugzeug zog die Leute in Scharen auf den Flugplatz. Testpilot Farley, der schon in Lugano mit seiner gekonnten Vorführung zu imponieren wusste, flog den «Harrier» auch in Grenchen vor. Bill Bedford war ebenfalls in Grenchen vor Ort und überreichte dem Programmleiter Kurt Müller ein signiertes Foto, das der Langendörfer noch heute sorgfältig hütet.

Mit einem normalen Startlauf hob der «Harrier» nach seiner Visite Richtung Westen ab und flog zurück nach Lugano-Agno, wo drei weitere Demonstrationsflüge folgten. Mit einer Zwischenlandung in Zürich-Kloten kehrte er später nach England zurück. Die Luftfahrtzeitschrift «Flight» resümierte später unter dem Titel «Harrier in Switzerland», dass der Besuch in Lugano und Grenchen einen neuen Standard für militärische Demonstrationsflüge gesetzt habe.

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