Kapelle Allerheiligen
Von den Hügeln des Appenzell durch die Schluchten des Balkan nach Jazzland und zurück

Eine dynamische Reise durch Zeiten und Räume einheimischer und ethnischer Volksmusik im «Chappeli» ob Grenchen.

Jürg Kübli
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Die Appenzeller Balkan Stubete mit Benjamin und Josef Rempfler, Goran Kovacevic und Walter Neff.

Die Appenzeller Balkan Stubete mit Benjamin und Josef Rempfler, Goran Kovacevic und Walter Neff.

Alain Stouder / zvg

An einem schönen und milden Spätsommerabend dieser Woche ereignete sich Aussergewöhnliches in der Kapelle Allerheiligen ob Grenchen. Der Akkordeonist Goran Kovacevic und der Violinist Josef Rempfler, Benjamin Rempfler am Hackbrett und der Kontrabassist Walter Neff haben sich zu einer Appenzeller Balkan Stubete zusammengetan.

Fast andächtig eröffnet Goran das Konzert mit feinen Tönen und Läufen auf seiner Hohner Gola. Zu seiner «Atmosphereimpro» treffen im Gänsemarsch die drei Appenzeller auf der Bühne ein und verursachen mit ihrem Naturjodel und Talerschwingen Gänsehaut bei der Zuhörerschaft. Ein Vorzauer jodelt, ein zweiter hält die Stimme und der dritte fällt in den magischen Klang ein. «S’oggwäälig» heisst die Komposition von Josef Rempfler.

Auch optisch hinterlassen die Appenzeller einen bleibenden Eindruck. Die roten Tschopen, weissen Hemden und reich verzierten Hosenträger und Bänder mit fein ziselierten gravierten und gestanzten Alpszenen werden ergänzt mit Ohrringen, die goldene Nachbildung der hölzernen Schöpfkelle, wie sie der Senn zum Abrahmen der Milch verwendet.

Musikalische Tausend­sassas beweisen ihr Können

Richtig warm geworden führen die Musiker in abwechslungsreicher Folge Tänze auf ihren Instrumenten vor und reissen mit fulminantem Spiel die Anwesenden mit. Goran spielt eine Hohner Gola, sozusagen der Rolls-Royce unter den Akkordeons. Kovacevic, geborener Schaffhauser mit serbischen Wurzeln, lässt seine Finger über 41 Tasten und 120 Knöpfe fliegen und schafft dabei Melodien, Harmonien und Improvisationen, dass es für empfängliche Ohren eine Freude ist.

Josef Rempfler indes legt sein überschäumendes Temperament in die Walzer, Schottisch und Polkas, dass es einen von den Bänken reisst. In den improvisierten Teilen zitiert er mit Leichtigkeit und schlackenlos aus Salonmusik, Carmen, Stéphane Grappelli oder Blue Note.

Hohe Musikalität beweist auch Benjamin Rempfler auf dem einfachen Hackbrett. Was er mit den beiden «Rueten» aus seinen 156 Saiten herausholt, bekommt man auf diesem Niveau nur selten zu hören. Jahrzehntelange Erfahrung und der stete Wille, Neues zu lernen und einzubauen, machen solchen Hörgenuss erst möglich.

Freude, Empathie und Herzblut

Goran Kovacevic zeigt in «Both» den anspruchsvollen Versuch, indische Musik mit israelischer zu vermählen. «Hasapikos», ein griechischer Tanz, hat Josef Rempfler für das aktuelle Quartett adaptiert. «Selewie», ein Ruggusseli, und «e tenzigs Wälseli» zeigen die Vier noch einmal auf der Höhe ihrer Kunst. Walter Neff am Kontrabass bietet jederzeit souveränen Rückhalt und rhythmische Varianten, auch da, wo gewagt improvisiert und sogar moduliert wird. Viel ansteckender als jedes böse Virus ist das viele Herzblut und die riesige Freude, mit der die Stubete einhergeht. Wo solch ein Einfühlungsvermögen präsent ist, ist vieles, ja alles möglich.

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