Grenchen
Kantonsrätin Nicole Hirt: «Grenchens negatives Image stört mich enorm»

Die Grünliberale Nicole Hirt will sich im Kantonsrat speziell für den Sonderfall Grenchen einsetzen. Der ehemalige Lehrerin ist der Bildungsbereich sehr wichtig. Aber auch Sozialausgaben und Pistenverlängerung stehen auf dem Programm.

Oliver Menge
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Nicole Hirt mit ihrer zweijährigen Hündin Ayla.

Nicole Hirt mit ihrer zweijährigen Hündin Ayla.

Oliver Menge

Nicole Hirt, woher stammt das Interesse an Politik?

Nicole Hirt: Seit langem bin ich politisch interessiert, doch keine Partei vermochte mich mit ihrem Programm zu überzeugen. Bis die Grünliberalen die Bühne betraten: Ich besuchte vor drei Jahren eine Mitgliederversammlung und konnte mich mit deren Denkweise identifizieren.

Zur Person: Nicole Hirt

1964 in Grenchen geboren und aufgewachsen (1 jüngerer Bruder). KV-Lehre in Grenchen bei der Firma Mecaplex AG. Fremdsprachenaufenthalte in London, Monthey/Sion und Locarno. 10-monatige Reise durch USA/Kanada/Südsee/Neuseeland. Eidg. Matur, Biologiestudium, Fachrichtung Zoologie. Sek. II-Diplom an der PH in Bern. Weiterbildung in tiergestützter Pädagogik in Zürich. Bis vor den Sommerferien: Klassenlehrperson an der Sek. B im Schulkreis Halden, Grenchen (RRG)

Warum die Grünliberalen?

Wegen meiner ökologischen Haltung wurde ich oft als «grünes Huhn» bezeichnet. Das nervte mich, denn ich lehne jede Form von Extremismus ab. Man muss dafür sorgen, dass der grüne Gedanke einfliesst, gleichzeitig darf man den Fortschritt nicht verhindern, wir wollen ja nicht zurück in die Höhle.

Sie haben bei anderer Gelegenheit erwähnt, dass Sie sich im Kantonsrat besonders für Grenchen einsetzen wollen. Warum?

Grenchen ist speziell, ein Sonderfall. Ein Industrieort mit einer speziellen Demografie. Grenchen kann man nicht mit einer Stadt wie beispielsweise Solothurn vergleichen. Das geht beim Solothurner Parlament und in der Regierung manchmal vergessen.

Sie haben als Lehrerin im Haldenschulhaus gearbeitet, wollen sich nun beruflich neu orientieren und haben den Job gekündigt. Warum und wohin gehts?

(Lacht) Es ist lustig: Viele Leute haben das Gefühl, ich verdiene im Kantonsrat so viel, dass ich nicht mehr unterrichten muss. Das stimmt natürlich nicht. Zufälligerweise kamen da verschiedene Dinge zusammen: Einerseits habe ich ein Sek.-II-Diplom, das mich berechtigen würde, an der Kantonsschule zu unterrichten. Aber ich habe jahrelang hier in Grenchen auf der Sek.-I-Stufe unterrichtet. Kommen genügend Lehrpersonen mit dem stufengerechten Diplom auf den Markt, muss ich wieder ins zweite Glied zurücktreten. Das wusste ich schon vor zwei Jahren, als mir die befristete Stelle angeboten wurde.

Aber ich habe nebenher eine Weiterbildung im Bereich tiergestützter Pädagogik absolviert und möchte in diesem Bereich arbeiten. Unterrichten, insbesondere als Klassenlehrperson, möchte ich in nächster Zeit nicht mehr. Der Job der Klassenlehrperson ist zunehmend undankbarer geworden. Ich möchte betonen, dass es nicht am Lohn liegt. Stellvertretungen würde ich weiterhin machen, da ich grundsätzlich sehr gerne mit Jugendlichen arbeite.

Inwiefern wird Ihre berufliche Erfahrung Sie als Gemeinderätin beeinflussen?

Viele Reformen basieren auf wissenschaftlichen Studien. Ich kann mit meiner 10-jährigen Erfahrung aus der Praxis sprechen. Aufgrund der speziellen Situation in Grenchen muss man unbedingt verhindern, dass die integrative Schulungsform hier Fuss fasst. Denn sie führt zu Mehrkosten. Das Niveau der Schülerinnen und Schüler wird weiter sinken. Die Idee der integrativen Schulung an und für sich ist gut: Die Starken beeinflussen die Schwächeren positiv. Die Erfahrung zeigt aber, dass es vor allem in der Sek. B umgekehrt ist. Das hat nicht nur mit der Schulreform zu tun, sondern auch damit, dass viele Kinder nicht mehr lesen, sondern sich von den verschiedenen Medien berieseln lassen. So gehen die Sprachkompetenzen verloren und die Fähigkeit zu kommunizieren auch. Das wirkt sich in allen Fächern negativ aus.

Aber im Vergleich zu anderen Städten hat man doch weniger Probleme mit Migranten?

Was ich gerade ausgeführt habe, hat nicht nur mit Migranten zu tun. Wenn aber in einer Klasse der Ausländeranteil überwiegt, wie das auf der Sek.-B-Stufe oft der Fall ist, wird es mit dem Sprachverständnis schwierig. Als Lehrperson muss man die Sprache extrem vereinfachen, um überhaupt verstanden zu werden. Das ist ein Problem, denn die Sprache verarmt. Das darf nicht sein. Beispiel: Wir bekamen vor ein paar Jahren ein neues Mathematik-Lehrmittel. Wunderschön illustriert, aus dem Leben gegriffen, mit aktuellen Aufgaben wie zum Beispiel Prozentrechnen mit Handy-Kosten. Die Kinder verstanden es nicht, und wir griffen wieder auf das alte Lehrmittel zurück.

Sie sind eine taffe Frau, die sagt, was sie denkt. Und oft wird Ihnen «Rassismus» nachgesagt, weil Sie die Ausländerproblematik öffentlich thematisieren. Sind Sie eine Rassistin?
Nein, bestimmt nicht. Im Bereich der Sozialhilfe beispielsweise habe ich mit allen Mühe, die das System ausnützen, egal ob Einheimische oder Ausländer. Wenn Asylsuchende sich gegen eine Unterkunft wehren, muss ich mich schon fragen, ob sie das aus freien Stücken machen oder ob sie angetrieben werden. Wenn die Unterkünfte fürs Militär, für Vereine und im Katastrophenfall für die Bevölkerung geeignet sind, dann bitte auch für die vorübergehende Aufnahme von Asylsuchenden.

Welche Problemkreise sind für die Stadt Grenchen Ihrer Meinung nach zentral?

Zum einen - wie erwähnt - die Schule ...

Aber kann die Stadt überhaupt in diesem Bereich, der vom Kanton vorgegeben wird, etwas unternehmen?

Wir müssen erreichen, dass Grenchen und Orte mit ähnlicher demografischer Zusammensetzung als Sonderfälle behandelt werden. Grenchen ist immer noch eine Vergleichsschule. Grenchen soll mit dem alten System weiterfahren dürfen. Kleinklassen sind eine tolle Sache und ein Erfolg. Warum man etwas Gutes abschaffen will, verstehe ich nicht.

Weitere Punkte?

Die Sozialausgaben müssen wir in den Griff kriegen. Die Berechnungsgrundlagen stimmen meiner Meinung nach nicht und die Sozialhilfebezüger erhalten zu viel Geld. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass ein Schüler nach Schulabschluss vom Sozialamt 756 Franken pro Monat erhält und sein Kollege, der eine Coiffeurlehre beginnt, im ersten Lehrjahr 350 Franken verdient. Wo bleibt da der Anreiz für Junge, überhaupt arbeiten zu wollen? Wie ich schon in meiner 1.-August-Rede erwähnt habe: Arbeiten muss sich lohnen, nicht arbeiten darf sich nicht lohnen. Im Weiteren beschäftigen mich auch die Witi-Schutzzone und die Problematik rund um die Pistenverlängerung: Zuerst will ich aber die Fakten und Projekte auf dem Tisch haben, bevor ich dazu konkrete Aussagen mache. Ich setze mich ein für erneuerbare Energien und bin der Meinung, dass Atomstrom nicht billiger sein darf als Ökostrom.

Wie ist Ihre Haltung bezüglich des «Westquartiers»?

Ich selber habe in den 60er Jahren dort mit meinen Eltern und meinem Bruder gewohnt. Die Wohnungen waren damals okay, aber seither hat man nicht viel in Renovationen investiert. Die Besitzer und Verwaltungen halten sich irgendwo in Zürich, Bern oder Genf auf und lassen die Häuser vergammeln. Es wäre schön, wenn regionale Investoren hier aktiver werden würden.

Wäre der Kindergarten im Lingeriz eine valable Massnahme zur Quartierverbesserung gewesen?

Vielleicht, doch egal wo die Kinder herkommen, viele werden mit sogenannten Elterntaxis in die Schule oder den Chindsgi gefahren, da spielt es eigentlich gar keine grosse Rolle, wo der Kindergarten angesiedelt ist. Ein Kilometer Schulweg sollte zumutbar sein, oder nicht? Von der sozialen Komponente, die der Schulweg mit sich bringt, ganz zu schweigen. Die optimale Lösung wäre ein mobiler Kindergarten gewesen. Den hätte ich begrüsst, zumal man ja nicht weiss, wie sich die Schülerzahlen längerfristig entwickeln.

Wie soll Grenchens Zukunft aussehen, haben Sie eine Vision bezüglich der Stadtentwicklung?

Die Verkehrsführung finden viele Einwohner unzumutbar, da ist dringend Handlungsbedarf nötig. Ich hoffe, dass Grenchen eine Technologiestadt im Grünen bleibt und mit der guten Verkehrserschliessung potenzielle Steuerzahler und weitere finanzkräftige Firmen mit zahlreichen Arbeitsplätzen anlocken wird. Es ist klar, dass wir Wirtschaftswachstum anstreben, aber nicht um jeden Preis - Qualität vor Quantität. Eine gute Lebensqualität ist ein Garant für Gesundheit, wonach jeder Mensch strebt. Und Lebensqualität hat man in und um Grenchen mit einem unter anderem hervorragenden sportlichen und kulturellen Angebot.

In Ihrer 1.-August-Rede haben Sie Grenchen in den Himmel hochgelobt ...
Ja, natürlich: Meine Heimatstadt Grenchen ist für mich - im vergleichbaren Rahmen - immer noch die schönste Stadt. Damit meine ich nicht unbedingt das Stadtzentrum, doch die Lage der Stadt ist der Hammer. Auswärtige sind in der Regel überrascht, wenn sie nach Grenchen kommen und sehen, wie schön es hier ist, obwohl man sich immer wieder anhören muss, das Schönste in Grenchen sei der Bahnhof Süd mit dem Zug nach Solothurn. Mich stört das negative Image enorm, die Medien tragen leider auch ihren Teil dazu bei.

Wie ist Ihre Position im Wahlkampf ums Stadtpräsidium?
Am 22. September findet die Wahl statt. Einer wird gewinnen. Ich wünsche mir nur, dass die Verlierer das demokratische Ergebnis akzeptieren. Die Art und Weise, wie im Juni Wahlkampf betrieben wurde, hat mich befremdet. Es war nicht konstruktiv. Die Situation hat sich nun merklich verbessert und der Wahlkampf verläuft in vernünftigen Bahnen, das ist sehr erfreulich.

Haben Sie Zeit für Hobbys und haben Sie überhaupt welche?

Ja, ich habe welche und nehme mir auch viel Zeit dafür: Seit einem Jahr habe ich ein eigenes Pferd, seit 3 Jahren nehme ich Reitunterricht. Mit meiner zweijährigen Hündin Ayla trainiere ich Agility und besuche mit ihr die beiden Grenchner Alterszentren. Und wenn ich zu Hause bin, lese ich viel.

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