Grenchen
Kanton will Landabtausch in der Witi

In der Grenchner Witi müssen die Entwässerungsleitungen und der Staadkanal saniert werden. Der Kanton will die Gelegenheit nützen, diejenigen Flächen, die für den Schutz der durchziehenden Wasser- und Watvögel besonders wertvoll sind, zu erwerben und damit eine Hausaufgabe im Rahmen des Autobahnbaus zu erledigen.

Daniela Deck
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Vernässtes Feld an der Archstrasse (Archmatten) nördlich der Kläranlage.

Vernässtes Feld an der Archstrasse (Archmatten) nördlich der Kläranlage.

Andreas Toggweiler

Dabei handelt es sich hauptsächlich um die zeitweise vernässten Flächen im Bereich Archmatten (zwischen Flughafen und Autobahn) und zwei Bereiche in der Staadallmend.

Möglich machen soll das ein Landabtausch des Kantons mit den privaten Besitzern. Was diese darüber denken, soll das Bauernsekretariat im Auftrag der Bodenverbesserungsgenossenschaft Grenchen bis zum Sommer 2020 in Erfahrung bringen.

Dieses Projekt der landwirtschaftlichen Planung mit Kosten von 66'774 Franken hat der Regierungsrat im April als beitragsberechtigt anerkannt, mit einem Kantonsbeitrag von 40 Prozent respektive maximal 26'710 Franken. Aus dem Natur- und Heimatschutzfonds des Kantons Solothurn wurden 10'000 Franken gesprochen. Am Projekt wird sich überdies der Bund zu einem Drittel (34 Prozent) beteiligen. Die restlichen Kosten trägt die Bodenverbesserungsgenossenschaft.

Ein heikles Thema für die Grundbesitzer

«Diese Geschichte mit dem Landabtausch ist ein ganz heisses Eisen.» Das weiss der Präsident der Bodenverbesserungsgenossenschaft Grenchen, Hansruedi Scheurer, aus langer Erfahrung. Denn die Besitzverhältnisse in der Witi sind kompliziert. Neben den Staader Landwirten sind diverse weitere Grundbesitzer betroffen. Dazu gehören die Bürgergemeinde Grenchen, Landwirte aus dem Bernbiet und die Girard-Stiftung, um nur einige zu nennen.

Beim angestrebten Landabtausch geht es nicht etwa um eine Verkleinerung des landwirtschaftlich genutzten Bodens. Die sogenannten blauen Flächen (wie sie im Fachjargon heissen), die der Kanton übernehmen möchte, werden von Pächtern in Zukunft genauso bewirtschaftet wie heute: Die Ertragsausfälle aufgrund der temporär entstehenden «Seen» (Vernässung der Oberfläche) werden wie bisher vergütet.

Verschmähte blaue Flächen künftig entwässern

Für das Projekt arbeiten das Amt für Raumplanung und die Bodenverbesserungsgenossen- schaft Grenchen unter der Federführung des Amts für Landwirtschaft zusammen.

Vonseiten der Raumplanung sagt Jonas Lüthy: «Für die Vögel genügt es nicht, wenn einfach zwischendurch der Boden unter Wasser steht. Sie sind auf Flächen angewiesen, die nicht an viel benutzten Strassen oder Wegen liegen. Ausserdem brauchen sie im Frühling und Herbst Oberflächenwasser in Fruchtfolgekulturen, Staunässe im Boden bringt ihnen nichts.» Lüthy ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter zuständig für die Witischutzzone. Er ist überzeugt: «Für die Bewirtschafter ist der Landabtausch ein Nullsummenspiel. Der Kanton kann zum Beispiel bestehende Pachtverträge übernehmen, wenn die Pächter das wollen.» «Der Kanton hat in der Grenchner Witi knapp 58 Hektaren Boden, Grundbesitz, den er im Hinblick auf den Landtausch für die blauen Flächen erworben hat», erklärt Lüthy. Dabei gilt es zu bedenken, dass die heutigen blauen Flächen rund 97 Hektaren umfassen. Aus diesem Grund steht eine Verkleinerung der Vogelschutzflächen zur Debatte. Felder, die die Watvögel meiden, sollen neu (oder überhaupt zum ersten Mal) drainiert werden, damit sie mehr Ertrag bringen.

Neubau heute wäre so teuer wie zwei Spitäler

Seit dem Beginn des Mammutwerkes «Witi-Drainierung» sind 100 Jahre vergangen. Heute befinden sich allein zwischen Grenchen und Solothurn Leitungen in der Länge von 700 Kilometern im Boden, in einer Tiefe von 120 bis 140 Zentimetern. Das entspricht der Entfernung Solothurn–Rom. Im ganzen Kanton sind es rund 2100 Kilometer Drainageleitungen. Müsste man dieses Werk heute bauen, würde es doppelt so teuer wie das neue Bürgerspital. Diese Veranschaulichung hat Markus Dietschi, Kantonsrat und Aktuar der Bodenverbesserungsgenossenschaft Bettlach, diesen Frühling im Kantonsrat verwendet.

Als 2500 Arbeitslose mit Pickel und Schaufel in Arbeitsbeschaffungsprojekten Anfang der Zwanzigerjahre die dickwandigen Tonröhren im Boden versenkten, aneinanderschoben und zum Schutz vor Verstopfung mit einer Kiesschicht bedeckten, rechnete man mit einer Funktionsdauer von 40 Jahren. Viele der Röhren tun noch heute ihren Dienst – still und unsichtbar.

Anders als die modernen verschweissten Kunststoffröhren haben die Tonröhren übrigens keine Sickerlöcher fürs Wasser. Das Wasser tropft einfach zwischen den Kanten der 30 Zentimeter langen Tonzylinder ins Rohr und fliesst dann langsam zu den Pumpstationen an der Aare. Dabei übernehmen der Aarmattenkanal und der (sanierungsbedürftige) Staadkanal östlich und westlich der Aarestrasse im Grenchner Drainagekörper die Funktion von Hauptschlagadern. «Die Drainagen sind ein gigantisches Projekt. Neben dem grossen Aufwand beeindruckt mich die Ingenieurleistung, mit der die Planer und Bauleiter über Kilometer präzis das nötige Gefälle zustande gebracht haben», sagt Markus Dietschi beim Lokaltermin auf dem Hof seines Berufskollegen Hansruedi Scheurer in Staad. Beiden liegt dieses Infrastrukturerbe am Herzen. (dd)