Nachdem ihn das Grenchner Tagblatt im Frühsommer dieses Jahr publik gemacht hatte, sorgte der Einbürgerungsfall schweizweit für Schlagzeilen: 2008 entwendet der damals 15-jährige Rayan K.* heimlich den Mercedes eines Kollegen, kurvt ohne Führerschein durch die Strasse und fährt das Auto zu Schrott. Ein Schaden (und Schulden) von 12000 Franken sind die Folge für den Jugendsünder, der nur wenige Monate davor das Grenchner und Schweizer Bürgerrecht beantragt hatte.

Die Strafe kommt prompt: Weil er aus ihrer Sicht die Rechtsordnung nicht befolgt und aufgrund des Schadens betrieben wird, wird das Einbürgerungsgesuch in Grenchen erst von der Einbürgerungskommission, dann vom Bürgerrat und im Dezember 2011 von der Bürgergemeindeversammlung abgelehnt. Doch Rayan K. will das nicht hinnehmen. Spät, aber doch noch, legt er Rekurs ein. Was der Bürgergemeinde und deren Präsident Franz Schilt besonders sauer aufstösst: Der Kanton geht nicht nur auf die Beschwerde ein, er erstreckt auch die verpasste Frist und sagt dem Gesuchsteller respektive Beschwerdeführer unentgeltliche Rechtspflege zu (wir berichteten).

Aussprache mit Regierung

Was ist inzwischen passiert? Die Situation war verfahren, die Bürgergemeinde wetterte gegen die kantonale Verwaltung, die sie «zwingen wolle, einen Autodieb einzubürgern». Bereits vor einigen Wochen trafen sich Vertreter der Bürgergemeinde und des Bürgergemeinden- und Waldeigentümerverbands (BWSo) mit Vertretern des Kantons – darunter Regierungsrätin Esther Gassler – zur Aussprache.

Das Resultat der Aussprache ist recht aussergewöhnlich, wie Bürgergemeindepräsident Franz Schilt sagt: Man will den Gesuchsteller dazu bewegen, sein Gesuch freiwillig zurückzuziehen. Mit einem Brief vom 27. November wurde Rayan K. aufgefordert, Stellung zu nehmen und mitzuteilen, ob er das Gesuch sistiert oder ober er daran und am Rekurs festhält. «Ein solches Angebot ist der absolute Ausnahmefall», betont Franz Schilt, und soll letztlich dazu dienen, kostspielige und aufwendige Rekursverfahren zu verhindern. Denn eines sei klar, sagt Schilt: «Für den Fall, dass der Gesuchsteller nicht zurückzieht und der Kanton in der Folge entscheidet, den Rekurs zu genehmigen, werden wir vor Bundesgericht Beschwerde einlegen», verspricht er.

Ein Rückzug des Rekurses wäre aber nicht gleichbedeutend mit einem Verzicht auf Einbürgerung, erklären sowohl Renato Müller, Verwalter der Bürgergemeinde, als auch auch Bürgerpräsident Schilt: «Der junge Mann hätte Gelegenheit, sich später – wenn er seine Schulden bereinigt hat – wieder zu melden und das Gesuch erneut einzugeben. Natürlich würden wir es dann erneut prüfen.»

Zieht der Serbe wirklich zurück?

Ausser Frage steht, dass die Chancen für den heute volljährigen Serben durch den Aufruhr um seinen Fall nicht gestiegen sind, zumal sein Name samt Bild in der Boulevardpresse rücksichtslos durch den Dreck gezogen wurde. Ein Schwerverbrecher ist er freilich nicht, ausserdem wurden seine beiden Brüder bereits eingebürgert. Rayan K. selbst hat genug, er will nicht mehr über die Sache reden. «Man hat mir schon alles kaputtgemacht, ich will nichts mehr wissen.» Ob er seinen Rekurs zurückzieht, will er nicht direkt beantworten. Nur so viel: «Ich will nicht, dass man noch länger über mich schreibt und redet. Ich mache dann in fünf Jahren, wenn ich mit der Lehre fertig bin, wieder ein Gesuch.»

Ob man da auf dem Rücken des «Möchtegerne-Schweizers» eine politische Fehde austragen will? Bürgergemeindepräsident Schilt meint Nein. Natürlich gehe es nebst dem vorliegenden Streitfall auch um ein übergeordnetes Interesse, nämlich das, «dass der Kanton Einbürgerungsgesuche künftig kritischer anschauen muss und nicht mehr einfach durchwinken darf.» Man habe dem Jungen aber nie schaden wollen. «Das war nie unsere Absicht.» Trotzdem ist es geschehen. Nun sei er gespannt, wie es weitergeht. Noch bis zum 15. Januar hat Rayan K. Zeit, auf den Vorschlag der Bürgergemeinde und des Kantons zu antworten. «Danach muss der Kanton Farbe bekennen», sagt Schilt. «In erster Linie geht es um den konkreten Fall. Und wir lassen uns nicht zwingen, einen Autodieb einzubürgern.»

* Name geändert