Jugendarbeit
Nach einem Jahr Corona im Grenchner Lindenhaus: «Basteln über ‹Houseparty› ist nicht das gleiche»

Das Jugendangebot des Lindenhauses Grenchen verlagerte sich im Jahr 2020 stark online – aber die Begegnungen im ikonischen Gebäude sind unersetzlich.

Jocelyn Daloz
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Lindenhaus-Leiterin Tamara Moser über Jugendtreff online: «Es darf niemals als Ersatz betrachtet werden.»

Lindenhaus-Leiterin Tamara Moser über Jugendtreff online: «Es darf niemals als Ersatz betrachtet werden.»

Bild: Hanspeter Bärtschi

Im Lindenhaus sah die offene Jugendarbeit ihre Besucherzahlen schwinden. Statt den 6710 Besuchen von Kindern und Jugendlichen im Jahr 2019 waren es im Coronajahr 2020 lediglich 4478, also ein Rückgang um 28,8 Prozent.

Diese Zahl ist wesentlich auf den sechswöchigen Lockdown im März und April zurückzuführen. Aber nicht nur deshalb, sagt der Präsident des Lindenhauses Matthias Meier-Moreno, sei das Jahr speziell gewesen.

Das Lindenhaus Grenchen

Die Jugendarbeit in Grenchen konzentriert sich im Lindenhaus. Hier heissen zwei Jugendarbeiterinnen Kinder und Jugendliche von 10 bis 18 Jahren willkommen. Der Treff ist jeweils von 14 bis 19 Uhr offen, zusätzlich gibt es kreative Angebote und Aktivitäten dienstags und mittwochs. Nebst dem Freizeitangebot bietet die Jugendarbeit auch Beratungsgespräche, Bewerbungs- und Hausaufgabenhilfe. Sie unterstützt Jugendliche auch bei Projekten. 

Wie alle anderen Aspekte des gemeinschaftlichen Lebens wurden die Aktivitäten des Lindenhauses auf den Kopf gestellt. «Die einzige Beständigkeit war die Unbeständigkeit», sagt Matthias Meier-Moreno, der auch für die CVP im Gemeinderat sitzt.

Lindenhaus-Präsident Matthias Meier-Moreno über die Unbeständigkeit im Coronajahr 2020.

Lindenhaus-Präsident Matthias Meier-Moreno über die Unbeständigkeit im Coronajahr 2020.

Bild: Hanspeter Bärtschi/ SZ

Wie geht ein Jugendtreff im Lockdown?

Nach dem Lockdown konnte das Haus zwar wieder öffnen – aber um die Sicherheit der Besuchenden und der Jugendarbeiterinnen Tamara Moser und Melanie Stoller zu gewährleisten, kam ein umfassendes Schutzkonzept zum Zuge.

In der Zwischenzeit verlagerte sich die Jugendarbeit online. «Es war ein stetiger Prozess zwischen Ausprobieren, wieder Verwerfen und Dazulernen», sagt Meier-Moreno. Tamara Moser erklärt, dass sie den wöchentlichen Aktivitätentreff online durchführten. So funktionierte zum Beispiel das Lotto über «Houseparty» ganz gut.

Das Lindenhaus organisierte auch zahlreiche andere Aktivitäten wie Bastelnachmittage. Die Jugendarbeiterinnen brachten den Kindern und Jugendlichen das nötige Bastelmaterial vor die Tür, danach konnten die Teilnehmenden über «Houseparty» gemeinsam basteln, Fragen stellen und ihre Werke miteinander vergleichen.

Hier wurden zum Beispiel Blumentöpfe dekoriert

Eine der besten digitalen Formate war aber das Wochenquiz, welches auf Instagram und Facebook hochgeschaltet wurde. «Bis heute wird er von durchschnittlich 75 Personen genutzt», erklärt Meier-Moreno.

Online kann die menschlichen Kontakte nicht ersetzen

Tamara Moser blickt auf die Online-Arbeit positiv zurück: «Es war sicher eine gute Alternative.» Jedoch betont sie auch, dass Jugendarbeit nicht langfristig digital sein kann:

«Digitale Angebote dürfen niemals als Ersatz angeschaut werden.»

Die Beziehungsarbeit sei nicht die gleiche, es passiere viel weniger spontan. Die Jugendlichen und Kinder seien zwar dem nicht abgeneigt gewesen, aber es sei auch klar, dass ihre Aufmerksamkeit sehr stark beansprucht war. «Alles andere war auch online: Schule, Unterhaltung …»

Jugenhaus Lindenhaus Jahresrückblick: v. l. Tamara Moser, Matthias Meier-Moreno.

Jugenhaus Lindenhaus Jahresrückblick: v. l. Tamara Moser, Matthias Meier-Moreno.

Bild: Hanspeter Bärtschi/ SZ

Die Pandemie schlägt auf die Psycher der Jungen

Im Laufe des Jahres merkten die Jugendarbeiterinnen deshalb auch, wie sich die Pandemie negativ auf die Psyche ihrer Zielgruppe auswirkt. Tamara Moser sagt: «Wir arbeiten nach Gefühl, deshalb ist es schwer messbar. Aber wir spüren, dass unter Kinder und Jugendlichen eine grosse Unsicherheit herrscht.»

Das Lindenhaus blieb sechs Wochen im Frühling leer.

Das Lindenhaus blieb sechs Wochen im Frühling leer.

Bild: Hanspeter Bärtschi/ SZ

Es gebe mehr Druck, sich korrekt zu verhalten, kein Ventil mehr, um Energie herauszulassen, ungewisse Zukunftsaussichten. Die Beratungsgespräche mussten teilweise online verlagert werden, was die Hemmschwelle erhöhte; ihre Anzahl sank demnach um 53 Prozent. Eine der grössten Sorge unter Jugendlichen: Die Lehrstellensuche, die sich mit dem Einstellen von Schnupperlehren nur noch erschwerte.

Moser geht auch davon aus, dass die Verhältnisse zu Hause nicht immer einfach sind. «Wir haben diesbezüglich keine expliziten Aussagen. Aber bei vielen bestehen ohnehin schon schwierige Situationen zu Hause und die allgemeine Verunsicherung der Gesellschaft verstärkt die psychische Belastung der Jugendlichen.»

Präsident Meier-Moreno: «Die Jugendarbeit hat den Härtetest bestanden»

Trotz allem blieb das Jugendhaus ab Mai durchgehend geöffnet. Die Aktivitäten sind aber wegen der Schutzkonzepte stark eingeschränkt. Sport ist praktisch unmöglich, Gruppenaktivitäten sind eingeschränkt und die Personenanzahl ist begrenzt.

Meier-Moreno findet aber positive Untertöne: Es sei gelungen, trotz der schwierigen Zeit die Beziehungsarbeit zu den Jugendlichen aufrechtzuerhalten: «Das Lindenhaus-Team hat bewiesen, besonders auch in Krisenzeiten stabil zu bleiben und aktive Kinder- und Jugendförderung zu betreiben.»

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