Jubiläum
150 Jahre SP Grenchen: «Höhepunkte waren stets dann, wenn man etwas zur Verbesserung des Lebens der Menschen erreicht hatte»

Die SP Grenchen feiert dieses Jahr ihr 150-Jahr-Jubiläum. Präsidentin Angela Kummer blickt zurück auf mehr als ein Jahrhundert mit sozialdemokratischen Stadtpräsidenten. Heute ist die Partei im Krebsgang und braucht neue Rezepte.

Interview: Hans Peter Schläfli und Andreas Toggweiler
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SP-Präsidentin Angela Kummer.

SP-Präsidentin Angela Kummer.

Corinne Glanzmann

Wie begann alles und wie kommt es, dass die Gründung der SP Grenchen zeitlich 18 Jahre vor der Gründung SP Kanton Solothurn datiert ist?

Angela Kummer: Im Jahr 1872 – also vor 150 Jahren – gründeten Handwerker und Uhrmacher den Grütliverein Sektion Grenchen. Dieser 1838 in Genf gegründete Verein verfolgte das Ziel, die Mitglieder «durch Bildung zur Freiheit», wie es hiess, zu pflichtbewussten Staatsbürgern der Demokratie zu bilden. Die Gebiete im Kanton Solothurn wurden spät, aber umso intensiver industrialisiert. Die «Grütlianer» setzten sich als Teil des Freisinns für die Volksbildung und soziale Wohlfahrt ein. Zudem wurden Krankenkassen, Spar- und Leihkassen, Kindertagesstätten und Konsumgenossenschaften aufgebaut. Nach den Auseinandersetzungen um das eidgenössische Fabrikgesetz 1877 wurden die Spannungen zwischen dem gewerblichen und dem Arbeiterflügel des Vereins immer grösser. So kam es 1890 zur Gründung der sozialdemokratischen Partei des Kantons Solothurn. In diesem Jahr wurde auch erstmals eine 1.-Mai-Feier abgehalten.

Welches sind aus Sicht der aktuellen Präsidentin die Höhepunkte in den 150 Jahren der Grenchner SP?

Die sozialdemokratische Partei Grenchen und ihr Vorgänger – der Grütliverein Grenchen – hat sich immer stark für die Bildung der Menschen und für soziale Fürsorge eingesetzt. Höhepunkte waren immer dann, wenn man – meist nach langem Kampf – Grosses zur Verbesserung der Lebensumstände der Bevölkerung erreicht hat. Die Industriearbeiter haben sich im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem für bessere Arbeitsbedingungen, angemessenere Entlöhnung ihrer Arbeit sowie genügend bezahlbaren Wohnraum eingesetzt. Im 20. Jahrhundert lagen die Schwerpunkte beim Aufbau der städtischen Infrastruktur wie der Wasser- und Energieversorgung sowie der Verkehrserschliessung. Höhepunkte an sich finden sich vor allem in der Nachkriegszeit, als Bildungs-, Freizeit- und Kulturstätten wie die zahlreichen Schulhäuser, das Schwimmbad, das Parktheater, die Museen und der Jugendtreff Lindenhaus aufgebaut wurden. Viele Sozialdemokraten waren da massgeblich mitbeteiligt. Aber auch viele Arbeitslosen-Beschäftigungsprogramme, die Einrichtung von Alterszentren, Ortsspital und sozialen Institutionen sind zu erwähnen. In den letzten Jahrzehnten galt es vermehrt, Erreichtes gegen den Spardruck und die Pläne der Bürgerlichen zu erhalten.

Welche Rolle spielte die SP Grenchen aus heutiger Sicht beim Generalstreik?

Der Generalstreik, der bekanntlich vom 12. bis 14. November 1918 stattfand und in Grenchen zur Erschiessung von drei Arbeitern durch die Armee führte, war für alle Involvierten – auch für die Sozialdemokraten – eine schwierige Zeit. Der Unterleberberg und Grenchen als Mittelpunkt waren schon in den früheren Jahren eine «Streikhochburg», so beispielsweise bei der «Grossen Aussperrung» 1914. Auch in Grenchen ging es während und nach dem Generalstreik hoch zu und her. Der Grenchner Streikführer Max Rüdt wurde nach den Ereignissen auch von vielen «Parteikollegen» zum Sündenbock abgestempelt. Die Gruppe um den SP-Kantonalpräsidenten und späteren Regierungsrat Jacques Schmid wehrte sich gegen die Parteilinkeren, welche auch vor der Anwendung gewaltsamer Mittel nicht zurückschreckten. Durch unterschiedliche Haltungen bezüglich der Unterstützung der «Dritten Internationale» kam danach zur kurzfristigen Trennung der verschiedenen Strömungen. Die SP wuchs trotz aller Konflikte von einer kämpferischen Oppositionsbewegung zu einer staatstragenden Partei.

In welchem Verhältnis steht die SP Grenchen heute zu den Gewerkschaften?

Der Austausch ist rege. Die Verbindung ist durch einige Mitglieder gegeben. So ist SP-Vizepräsident Dani Hirt Präsident seit Jahren Co-Präsident der Unia Region Biel-Solothurn. Für mich ist es auch selbstverständlich, Mitglied einer Gewerkschaft als Interessenvertretung zu sein. Die SP Grenchen organisiert seit Jahren zusammen mit der Unia und der SP Lengnau die 1.-Mai-Feier und manchmal auch weitere politische Aktionen. Früher waren die Verbindungen zwischen der SP und den Gewerkschaften sicher etwas tiefer und auf mehr Personen abgestützt. Die Welt war aber auch noch eine andere! Die meisten Industriearbeiter waren Mitglied im Smuv (Schweizerischer Metall- und Uhrenarbeiterverband), welcher 2004 mit anderen Gewerkschaften zur Unia fusionierte. Gleichzeitig waren die Industriearbeiter Mitglied in der SP für die Umsetzung politischer Anliegen. In den Protokollen im Stadtarchiv ist aber auch zu lesen, dass man in politischen Gruppierungen die Freizeit verbrachte. Es gab die «rote» Stadtmusik Eintracht, den Unionschor (früher: Grütlimännerchor), die Arbeiterschützen und den Schweizer Arbeiterturn- und Sportverband Satus.

Wer ist für Sie der wichtigste SP-Politiker der Grenchner Geschichte?

Das ist schwierig zu beurteilen. Erwähnt werden müssen eigentlich alle sechs sozialdemokratischen Stadtammänner: Robert Luterbacher (1899–1913), Hermann Guldimann (1913–1919), Arthur Stämpfli (1919–1933), Adolf Furrer (1933–1960), Eduard Rothen (1960–1990, vgl Kasten) und Boris Banga (1991–2013). Die meisten setzten sich auch als Nationalrat auf Bundesebene oder zumindest im Kantonsrat für die Anliegen Grenchens ein.

Die drei Stadtammänner Adolf Furrer, Eduard Rothen und Boris Banga haben die Geschicke der Stadt – schon rein durch ihre langen Amtsdauern – enorm geprägt.

Besonders bewundere ich den bescheidenen und uneigennützigen Robert Luterbacher, der sich als langjähriger Präsident der Schulkommission für die «Hebung der Volksschule» einsetzte. Leider erlebte er die Einweihung des repräsentativen Schulhauses III wegen eines Schlaganfalls knapp nicht mehr. Als geschäftlich erfolgreicher Weinhändler spendete er seinen ganzen Verdienst als nebenamtlicher Gemeindevorsteher jeweils sozialen Einrichtungen. Neben einer Spende zur Einrichtung einer Volksbibliothek ist das grösste Geschenk wohl das Ferienheim Prägelz. Erst nach seinem Tod kam aus, dass er der anonyme Spender war.

Robert Luterbacher (1899-1913)
6 Bilder
Hermann Guldimann (1913-1919)
Arthur Stämpfli (1919-1933)
Adolf Furrer (1933-1960)
Eduard Rothen (1960-1990)
Boris Banga (1990-2013)

Robert Luterbacher (1899-1913)

Stadtwiki Grenchen

Also mehr als ein ganzes Jahrhundert SP-Stadtpräsidenten. Wie haben diese die Stadt verändert und wo kann man das noch heute erkennen?

Alle Grenchner Stadtammänner haben die Entwicklung Grenchens enorm geprägt. Gewählt wurden die Sozialdemokraten zum einen sozusagen als Gegengewicht zum bürgerlichen Gemeinderat. Sie zeichneten sich alle aber auch durch ein grosses soziales Engagement aus. Sie verstanden es, die Anliegen Grenchens durch ein gutes Beziehungsnetz aufzunehmen und meist erfolgreich umzusetzen.

Natürlich haben sie dies nie alleine geschafft, sondern mit finanzieller und politischer Unterstützung starker Unternehmer.

Eduard Rothen wurde 1960 zur Zeit der Hochkonjunktur gewählt. In dieser Zeit konnten viele Infrastrukturbauten realisiert werden wie beispielsweise die Alterssiedlung Kastels 1969. Während und nach der Uhrenkrise ab Mitte der 1970er-Jahre galt der Fokus den wirtschaftlichen Strukturverbesserungen und der Ansiedlung neuer Firmen (Stichwort: Diversifikation). Die Bereitstellung des Landbeschaffungskredits für eine aktivere Bodenpolitik war dabei essenziell für die weitere Entwicklung Grenchens, aber auch die Errichtung des Berufsbildungszentrums, um nur einige Projekte zu nennen. Rothens Leitgedanke bei allen Entscheidungen war: «Verbessern sich dadurch die Lebensumstände des Volks?» Dieses Engagement und diese Uneigennützigkeit bewundere ich sehr.

Der Stapi mit der längsten Amtsdauer

Eduard Rothen war von 1960 bis 1990 an der Macht

Eduard Rothen war von 1960 bis 1990 an der Macht

Die Grenchner SP stellte im 20. Jahrhundert stets den Stadtpräsidenten. Den Rekord bezüglich Amtsdauer hält Eduard Rothen. Er wurde 1960 im wirtschaftlichen Boom zum Stadtpräsidenten gewählt. In seiner 30-jährigen Amtszeit steuerte er als Stadtpräsident Grenchen durch die Uhrenkrise. Er setzte sich für den Bau der A5 und die Landbeschaffung durch die Stadt ein, wodurch sich neue Firmen ansiedeln konnten, was die heutige wirtschaftliche Vielfalt ermöglichte. Die Schulhäuser Halden, Eichholz-Ost, das Berufsbildungszentrum (BBZ), mehrere Kinderkrippen sowie das Altersheim am Weinberg und die Alterssiedlung Kastels entstanden während seiner Amtszeit. Zudem wurde das Kunsthaus eingeweiht und Eduard Rothen legte auch die Grundlagen für das Kulturhistorische Museum – womit sich der Kreis schliesst. Die heutige SP-Präsidentin und Historikerin Angela Kummer arbeitete von 2009 bis 2020 als Kuratorin für das Kulturhistorische Museum. (hps)

Die SP kam bei den Gemeinderatswahlen 2013 auf 31 Prozent, 2016 noch 28,2 Prozent und 2021 noch 23,4 Prozent. Wie will man diesen Trend stoppen?

Wir müssen den Leuten wieder vermehrt aufzeigen, dass alle politischen Entscheidungen sie direkt betreffen. Man darf nicht einfach sagen «Politik interessiert mich nicht», sonst wird über einen bestimmt – und dies meist gar nicht so, wie man eigentlich möchte. Die «Gegenmittel» zum Aufhalten dieses Trends sehe ich bei vermehrter Öffentlichkeitsarbeit, politischer Bildung und Einbeziehen von mehr Leuten. Hier ist sicher das neu geschaffene Jugendparlament zu erwähnen, welches die Jugendlichen und jungen Erwachsenen für die Politik sensibilisieren und begeistern soll. Auch sehe ich eine neue Gemeindeorganisation als zwingend notwendig. Zudem gilt es in Zukunft, alle Einwohnerinnen und Einwohner politisch mitbestimmen zu lassen.

Wird es die SP Grenchen auch in 150 Jahren noch geben?

Natürlich, ich hoffe es doch schwer! Aber wer kann schon so weit in die Zukunft sehen. Schon jetzt haben die Parteien grundsätzlich weniger Mitglieder als früher. Dafür versuchen wir vermehrt, die Menschen mit konkreten Themen zu politischem Engagement zu locken und sie miteinzubeziehen. Öfter wird es sogenannte Bewegungen zu konkreten politischen Anliegen geben, da die Leute sich weniger fix binden wollen. Die Themen werden uns sicher auch nicht ausgehen, wenn man die sozialen und ökologischen Entwicklungen anschaut.

Hat die SP bereits eine Kandidatin oder einen Kandidaten für die nächsten Wahlen 2025 für das Stadtpräsidium erkoren? Wären Sie persönlich bereit, ins Rennen zu gehen?

Die neue Legislatur hat gerade erst begonnen. Im Moment konzentrieren wir uns darauf, eine aktive Rolle im Gemeinderat einzunehmen, unser Legislaturprogramm – Projekt für Projekt – umzusetzen und die Stadt zu gestalten. Zudem sind wir engagiert an der Aufarbeitung unserer Geschichte, der Organisation der Jubiläumsveranstaltungen und dem Einbinden neuer und jüngerer Parteimitglieder. Momentan scheinen die nächsten Stadtpräsidiumswahlen noch weit weg. Der Vorstand hat sich noch nicht mit den nächsten Wahlen auseinandergesetzt. Ich selbst konzentriere mich auf meine verschiedenen Ämter, die Parteiführung sowie die zahlreichen sozialen und ökologischen Projekte, wo ich involviert bin: Restessbar, Littering-Raumpaten und Krabbelgruppe, um nur einige zu nennen.

Die Gemeinderatsfraktion der SP Grenchen 2021–2025, von links: Noemi Altermatt (Ersatz), Farah Rumy (Ersatz), Alex Kaufmann (Fraktionschef), Daniel Hafner, Remo Bill (Vizestadtpräsident) und Angela Kummer (es fehlt Michael Schlup).

Die Gemeinderatsfraktion der SP Grenchen 2021–2025, von links: Noemi Altermatt (Ersatz), Farah Rumy (Ersatz), Alex Kaufmann (Fraktionschef), Daniel Hafner, Remo Bill (Vizestadtpräsident) und Angela Kummer (es fehlt Michael Schlup).

zvg

Jubiläumsfest am 25. Juni

Ihre Jubiläumsgeneralversammlung hat die SP Grenchen gemäss einer Medienmitteilung online abgehalten. Die SP Grenchen ist laut Parteipräsidentin Angela Kummer daran, ihre Geschichte aufzuarbeiten, und plant übers Jubiläumsjahr verschiedene Aktivitäten: Besonders hervorzuheben ist das für den 25. Juni geplante Jubiläumsfest auf dem Marktplatz Grenchen für die ganze Bevölkerung. Die Partei will der Stadt auch ein kleines Geschenk in Form von weiteren Elementen auf dem neuen Erlebnisspielplatz an der Lindenstrasse machen, um ihr Engagement für Begegnungsorte zu unterstreichen. Episoden der bewegten Geschichte der SP Grenchen sollen übers Jahr als Plakatausstellung und Broschüre erscheinen. Am Tag der Arbeit am 1. Mai wird man die Verbindung zu den Gewerkschaften speziell würdigen. Mitte November, wenn des Generalstreiks von 2018 gedacht wird, ist eine Kranzniederlegung für die Opfer der Schüsse in Grenchen geplant. (at.)