Das Wahljahr in Grenchen wird doch noch spannend. Zuerst deutete alles darauf hin, dass alle Ämter in der Reformierten Kirchgemeinde nach Absprache und ohne Urnengang besetzt werden (stille Wahlen).

Denn schon für die Besetzung des Kirchgemeinderats musste Kirchgemeindeverwalter Ruedi Köhli Klinken putzen, damit er überhaupt genügend Kandidaten fand für eine volle Liste. Und jetzt das: Sowohl Veronika Scheidegger, seit 12 Jahren Kirchgemeinderätin, als auch Nelly Furer, seit vier Jahren im Amt, aber zuvor schon jahrelang beruflich für die Kirchgemeinde tätig, bewerben sich für das Amt des Präsidiums der Kirchgemeinde.

Gerber wollte nicht

So geplant war es jedenfalls nicht. Alles nahm seinen Anfang, als Robert Gerber wohl einige auf dem falschen Fuss erwischte, die dachten, dass der ehemalige Synodepräsident und Polizeikommandant das Präsidium der Grenchner Reformierten übernimmt. Doch war Gerber am 21. Mai für die FDP in den Gemeinderat gewählt worden und verzichtete in der Folge (bzw. stellte sich nur als Vizepräsident zur Verfügung). Stattdessen schlug Gerber an einer Besprechung Veronika Scheidegger als Präsidentin des Gremiums vor. «Ich habe das Amt eigentlich nicht gesucht, sondern dachte auch lediglich ans Vizepräsidium», bestätigt Scheidegger auf Anfrage.

Anderseits, so die Gattin des Stadtpräsidenten weiter, hätte sie durchaus Interesse am Amt, denn es sei durch die gleichzeitige Erneuerung im Kirchgemeinderat und im Pfarrkollegium ein grosser Wechsel in Sicht – personell und atmosphärisch. «Es bietet sich jetzt die Chance, mit neuen Köpfen etwas zu bewegen und alte Konflikte zu vergessen.» Deshalb habe sie die Nomination schliesslich auch angenommen.

Mehr Transparenz gefordert

Interessanterweise argumentiert Nelly Furer ganz ähnlich. Die Herausforderin von Scheidegger sieht die Zeit gekommen für einen grundlegenden Wandel. «Im Kirchgemeinderat muss nach innen und nach aussen besser kommuniziert werden und die Mitarbeitenden müssen mehr Wertschätzung erfahren», begründet Furer ihre Ambitionen. Auch sie betont, dass die Kandidatur keine Initiative von ihr selber sei. «Die Idee wurde mehrfach an mich herangetragen und ich habe mich ihr nicht verschlossen», erklärt Furer, die zwar erst seit vier Jahren im Kirchgemeinderat ist, aber seit 2000 mehrere Jahre im Dienst der Kirchgemeinde stand, zuerst als Katechetin, dann als Jugendarbeiterin. «Ich kenne die Kirchgemeinde gut und bin hier verwurzelt.»

Es gehe ihr mit ihrer Kandidatur auch darum, die «stillschweigende und unhinterfragte Verteilung der Posten» zu durchbrechen. «Die Leute sollen eine Auswahl haben.»

In Bettlach schlecht angeschrieben?

Dass eine «Bettlach-Connection» hinter ihrer Nomination stehe, stellt Furer explizit in Abrede. Insidern ist bekannt, dass Veronika Scheidegger in gewissen Kreisen in Bettlach nicht gut angeschrieben ist. Insbesondere nachdem sie gefordert hatte, dass auch das Pfarramt Bettlach bei der Stellenreduktion im vergangenen Jahr einen anteilsmässigen Sparbeitrag zu leisten hätte. «Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dies eine Rolle spielt», meint Scheidegger. Dass die Kandidatur gegen sie gerichtet sei, ist in diesem Lichte besehen «ziemlich wahrscheinlich».

Scheidegger sieht denn auch eine Richtungswahl auf die Grenchner Reformierten zukommen. Den Umstand, dass eine Wahl stattfindet, finde sie an sich gut und demokratiepolitisch wünschenswert. Anderseits habe sie erst (zu) spät von Furers Ambitionen überhaupt erfahren. «Hätte ich davon gewusst, hätte es vielleicht auch eine andere Lösung gegeben.»

Bettlacher Mitglied verstorben

Dass die Bettlacher Anrecht auf eine angemessene Vertretung im Kirchgemeinderat haben, scheint auch nach einer Verkleinerung von 13 auf 9 Mitglieder unbestritten, entsprechende Befürchtungen bleiben aber bestehen. Drei Vertreter kommen heute aus Bettlach, wobei ein Mitglied (Roland Biedert) kurz nach der Wahl verstorben ist. Laut Verwalter Ruedi Köhli ist klar, dass für dessen Nachfolge eine Person aus Bettlach gesucht wird.

Ausländer wahlberechtigt

Die Wahl der Kirchgemeindepräsidentin erfolgt am 20. August, ein allfälliger zweiter Wahlgang am 24. September. 4760 Personen sind stimmberechtigt, darunter auch niedergelassene Ausländerinnen und Ausländer. Laut Köhlis Erinnerung – er arbeitet seit 38 Jahren für die Kirchgemeinde – ist es die erste Kampfwahl in dieser ganzen Periode. «Die letzte war nämlich, als ich gewählt wurde.» Jetzt beendet er seine (ohnehin freiwillig verlängerte) Amtszeit nochmals mit der Organisation eines Urnengangs.