Grenchen
Italiens Botschafter: «Man lernt immer von anderen Ländern»

In Grenchen, das dem italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Mazzini vor 175 Jahren Asyl gewährte, werden 150 Jahre freies Italien gefeiert. Der italienische Botschafter Giuseppe Deodato über sein Land und die Italiener in der Schweiz.

Andreas Toggweiler
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Giuseppe Deodato, italienischer Botschafter in der Schweiz. Oliver Menge

Giuseppe Deodato, italienischer Botschafter in der Schweiz. Oliver Menge

Solothurner Zeitung

Was bedeutet das Jubiläum 150 Jahre italienische Einheit für Ihr Land?

Giuseppe Deodato: Es handelt sich zweifellos um einen bedeutenden Moment der Besinnung über die Vergangenheit, über das grosse kulturelle und historische Erbe Italiens, und, natürlich, um einen wichtigen Impuls für die Zukunft.

Wie wird das Jubiläum gefeiert?

Nebst einigen wichtigen nationalen Anlässen haben die verschiedenen italienischen Regionen und Gemeinden sehr viele «suggestive» Anlässe organisiert. Sie dienen nicht nur dazu, die lokale Geschichte mit dem Phänomen der nationalen Einheit zu verbinden, sondern auch Erinnerungen zu wecken an jene zahlreichen Leute, die ihr Leben für das Erreichen eines wichtigen Ideals geopfert haben. Die Erinnerung an das vergangene ist ein wichtiges Element für das Bewusstsein eines jeden Volkes.

Welche Rolle hat Guiseppe Mazzini für die Unabhängigkeit gespielt?

Mazzini ist sicher einer der grossen Denker des italienischen Risorgimento (Entstehung des italienischen Staates, Anm. d. Red.). Er hatte eine wesentliche Rolle nicht nur bei der Organisation vieler aufständischer Bewegungen, sondern auch bei der Gründung des italienischen Staates und insbesondere, was die Zentralisierung der Institutionen anbelangt. Seine Rolle als Denker hat also nicht nur die Ereignisse seiner Zeit beeinflusst, sondern den Grossteil der italienischen Geschichte.

Grenchen ist stolz darauf, Mazzini Asyl gewährt zu haben. Haben Sie selber eine Beziehung zur Stadt am Jurasüdfuss?

Leider habe ich keine persönliche Beziehung zu Grenchen. Mir ist jedoch bewusst, dass Grenchen in Giuseppe Mazzinis Leben eine wichtige Rolle gespielt hat und dass die ihm gewährte Gastfreundschaft für die schweizerische Tradition einen grossen symbolischen Wert hat. Dabei beziehe ich mich insbesondere auf die Eigenschaften der Eidgenossenschaft, die für ganz Europa einen Referenzpunkt darstellen: Toleranz, Gastfreundschaft und Respekt der Menschenrechte.

Welche Rolle spielen die Italiener in der heutigen Schweiz? Welche Probleme haben sie?

Die italienische Gemeinschaft in der Schweiz bleibt mit ihren 540000 Bürgern immer noch die wichtigste ausländische Gruppe in der Schweiz. Es handelt sich jedoch um eine sehr gut integrierte Gemeinschaft, die keine besondere Problematik darstellt. Die Italiener in der Schweiz, fast die Hälfte mit Doppelbürgerschaft, sind sich nicht nur des Beitrages, den sie oder ihre Väter an die wirtschaftliche Entwicklung dieses Landes geleistet haben bewusst, sondern auch des beachtlichen Vorteils, den sie geniessen, in einer hoch zivilisierten Gesellschaft wie der Schweiz leben zu können.

Sie sind seit 2006 in der Schweiz: welches ist der grösste Mentalitätsunterschied zwischen Schweizern und Italienern?

Es ist eine Gewohnheit Mentalitätsunterschiede auch zwischen Ländern zu suchen, die sich von der Kultur, Geschichte und Tradition her sehr ähnlich sind. Die Unterschiede sind aber auch eine grosse Bereicherung für die Beziehung zwischen den beiden Bevölkerungen. Es ist ein Klischee, zu sagen, die Schweizer neigen zu Genauigkeit, während die Italiener als lebhaft charakterisiert werden. Es ist zwar durchaus etwas dran, und trotzdem ist es schwierig zu generalisieren. Denn es gibt immer auch das Gegenteil.

Was könnte ein Schweizer von einem Italiener lernen – und umgekehrt?

Wie ich bereits sagte: Man lernt immer etwas von anderen Ländern. Ich bin der Meinung, die Beziehungen zwischen unseren zwei Ländern waren und sind so intensiv, dass sie jegliche Möglichkeiten eines kulturellen Austausches bereits ausschöpfen. Deshalb ist sicher, sowohl die Italiener als auch die Schweizer können aus diesen Kontakten sehr viel lernen.

Wo gefällt Ihnen Italien am besten, wo die Schweiz?

Italien brilliert durch Kulturvermögen und kreatives Schaffen auf allen Gebieten. Kultur und Geschichte sind so omnipräsent wie die Helligkeit der mediterranen Sonne. Die Schweiz beeindruckt mich als Ausländer insbesondere durch die ausserordentliche Schönheit ihrer Landschaft zusammen mit dem ausgeprägten Anstand ihrer Institutionen und ihrer Bewohner. In der Schweiz zu leben, ist ein fortwährendes Lernen der Validität der Grundsätze wie Demokratie, Toleranz und des zivilisierten Zusammenlebens. Ich stelle auch fest, dass das Schweizervolk mit der Wahrung seiner alten Traditionen, mit seiner Arbeit, mit der Aufwertung seiner Prinzipien es zustande gebracht hat, eine der fortgeschrittensten und zivilisiertesten Gesellschaften auf unserer Erde zu schaffen.

Übersetzung: Helga Spataro

Die Feierlichkeiten zu 150 Jahren Einheit Italiens in Grenchen dauern heute noch an: 10 Uhr Kulturmatinee mit Lesungen und Musik im Saal des Schulheims Bachtelen. Ab 10 Uhr bis 18 Uhr Volksfest und italienischer Markt auf dem Marktplatz.