Grenchen

Ist diese Residenz ein Paradies für Senioren oder eine Mogelpackung?

Flughafenstrasse 1, wo die Seniorenresidenz Grenchen im ehemaligen Howeg-Bürogebäude untergebracht ist.

Flughafenstrasse 1, wo die Seniorenresidenz Grenchen im ehemaligen Howeg-Bürogebäude untergebracht ist.

Einzelne Mieter wurden beim Stadtpräsidenten vorstellig, weil sie sich über den Tisch gezogen fühlen. Eine ehemalige Hauswirtschafterin berichtet gar von fehlender Betreuung der pflegebedürftigen Bewohner. Die Inahber wehren sich gegen die Vorwürfe.

An der Flughafenstrasse 1, im ehemaligen Howeg-Bürogebäude, betreiben Ernst Müller und seine Frau Pia eine «Seniorenresidenz». 20 Zweieinhalb- oder Dreieinhalbzimmerwohnungen stehen für ältere Menschen zur Miete zur Verfügung, mit Halb- oder Vollpension.

Müller, Ex-Chef der Meto-Fer Automation AG, preist die Seniorenresidenz vor allem mit dem Argument an, dass ältere Menschen hier etwas gegen ihre Vereinsamung machen können, indem man gemeinsam essen und die Zeit verbringen könne.

Nun wird heftige Kritik laut. Bewohner haben sich beim Grenchner Tagblatt gemeldet und sind bei Stadtpräsident Boris Banga vorstellig geworden. Sie sind der Meinung, die Öffentlichkeit müsse endlich über die Missstände informiert werden. Nichts sei wahr, was Müller verspreche, ihm gehe es bloss ums Geldverdienen. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und von Müller über den Tisch gezogen.

Mogelpackung Ja oder Nein?

Die Seniorenresidenz wirbt auf ihrer Webseite und in Inseraten mit Dienstleistungen, die im Preis für die Wohnungen inbegriffen sind. Und einige der dort angepriesenen Punkte werfen auch bei Kurt Boner, dem Leiter Soziale Dienste Oberer Leberberg, gewisse Fragen auf. Denn grundsätzlich darf Müller keine Dienstleistungen anbieten, die er nicht erfüllen kann.

«Lebenslanges Wohn- und Betreuungsrecht» zum Beispiel sei sehr fragwürdig, so Boner, denn Müller hat vom Kanton keine Bewilligung, Pflegedienstleistungen anzubieten, diese auch zu verrechnen und auch keine sogenannte Heimbewilligung. Wenn man eine solche Garantie gebe, wäre das aber eigentlich Voraussetzung. «Die Leute dort müssen durch die Spitex oder sonst einen anerkannten Pflegefachdienst gepflegt werden und diese ambulanten Dienstleistungen im Rahmen der geltenden Regelungen bezahlen, so wie das in einer eigenen Mietwohnung auch sonst der Fall ist.»

Boner hat von Mietern gehört, die glaubten, sie hätten nun Anspruch auf Ergänzungsleistungen für Heimbewohner. Weil aber die Bewilligung des Kantons fehle, gebe es auch keine entsprechenden Leistungen - bei Ergänzungsleistungen für Heimbewohner wird die verrechnete Taxe als Grundlage für die Berechnung anerkannt. «Das kann für manche Menschen ein böses Erwachen geben.» Und nicht zuletzt findet es der Fachmann äusserst fragwürdig, dass dort Berichten zufolge auch demenzkranke Menschen aufgenommen würden, die eigentlich eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung nötig hätten.

Auch Karin Ryser vom Amt für Soziales ist einigermassen überrascht, als sie von dieser Zeitung über die Sachverhalte informiert wird, und kündigt an, dass man dort bald einmal vorbeigehen wolle. Aber, so Ryser, der Fall sei schwierig, denn «wo der Kanton nichts bewilligt hat, kann er auch keine Bewilligung zurückziehen». Allerdings, so lässt sie durchblicken, könnte für Müller die genannte lebenslange Wohn- und Betreuungsgarantie ein Stolperstein werden.

Kurzes Gastspiel

Müller habe vor einiger Zeit eine Hauswirtschafterin angestellt, die sich um alles hätte kümmern sollen, erzählt einer der Bewohner. Aber diese sei nach kurzer Zeit wieder entlassen worden.

Bei besagter Hauswirtschafterin handelt es sich um Cornelia Hersberger, die während der letzten drei Jahre bis zu diesem Sommer das Restaurant «Eintracht» in Bellach führte. Sie hatte sich auf ein Inserat Müllers gemeldet, der «ein Mädchen für alles» suchte und wollte bis zur Pensionierung dort bleiben, wie sie sagt.

Anfang August trat sie die Stelle an. «Man hat mir gesagt, mein Job sei es, eine kleine Gruppe von Seniorinnen und Senioren, welche dort Wohnungen gemietet haben, zu betreuen, für sie zu kochen, zu putzen, zu waschen und mit ihnen die Zeit zu verbringen.» Ebenfalls Bestandteil des Vertrags war der Bezug einer Wohnung im Howeggebäude.

Die Ernüchterung kam schnell: Ihre Wohnung war nicht bezugsbereit und wurde es auch später nicht. Von Kochen für die Senioren keine Spur, das Essen wurde laut Hersberger aus der Küche des türkischen Klubs «Luxory» geliefert. «Was aber da vorgesetzt wurde, war gelinde ausgedrückt ‹eifach gruusig›», so ihr vernichtendes Urteil.

Trockene Burger ohne Sauce, Gemüse, das nur kurz aus dem Wasser gezogen war, dreimal in der Woche halbroher Rosenkohl, Rüebli, die nicht durch waren. Das Meiste sei ohnehin Tiefkühlkost gewesen, frisches Gemüse sei nur selten serviert worden. «Der türkische Koch hat einmal ein Lammragout mit Reis gekocht, da hat es aber ‹g'räblet› im Essaal! Kein Mensch wollte das essen.» Das Dessert sei von Müller gestrichen worden und: «Schon am zweiten Tag verbot er mir, den Leuten Tee zu kochen. Die sollen zum Mittagessen Leitungswasser trinken, hat er gesagt.»

Als sie in der zweiten Arbeitswoche während einer viertägigen Abwesenheit des Chefs und seiner Frau für ihre Senioren Grillplausch, Raclette auf der Dachterrasse und Nachmittagsausflug mit Coupe-essen organisiert habe, sei sie von Müller am darauffolgenden Montag per sofort freigestellt worden. «Dabei habe ich doch nur das gemacht, wofür ich eigentlich angestellt worden war, nämlich sie etwas verwöhnt.» Müller habe ihr zwar den Lohn korrekt ausbezahlt, sagt Hersberger. Aber: «die tun mir so leid, die Leute, denn dort ists wie im Gefängnis.»

Auch zu denken gebe ihr, dass aktuell eine weit über 80 Jahre alte Frau dort wohne, die offensichtlich demenzkrank sei. Eine andere Bewohnerin habe von Müller «den Auftrag» erhalten, sich um sie zu kümmern. «So jemand gehört doch in eine Institution, wo professionelle Pflege vorhanden ist», sagt sie.

Stapi ist sauer aber machtlos

Stadtpräsident Boris Banga sah sich bei seiner letzten Sprechstunde einer Schar aufgebrachter Bewohner der Seniorenresidenz und der geschassten Hauswirtschafterin gegenüber.

Allem Anschein nach werde da eine Mogelpackung angeboten und die rechtliche Situation sei alles andere als klar. «Nur ist es Sache des Kantons, hier aktiv zu werden. Die Stadt kann nichts machen. Ich ärgere mich einfach darüber, dass es wieder neue Negativschlagzeilen über Grenchen gibt.»

Müller wartet auf Spitex-Bewilligung

Ernst Müller und seine Frau Pia lassen die Vorwürfe nicht auf sich sitzen. Hersberger sei schuld an dem Schlamassel. Denn sie habe die Bewohner aufgehetzt. «Ein paar von denen sind ohnehin «schnäderfrääsig» und notorische Nörgler, die immer motzen, egal, was man ihnen vorsetzt.» Das Essen, das der «hauseigene» Koch zubereite, sei hervorragend. Dieser gehe auch immer auf die Wünsche der Bewohnerinnen und Bewohner ein.

Dass Wasser zum Essen serviert werde, sei Wunsch der Bewohnerinnen und Bewohner, es werde auch Tee serviert, falls gewünscht. Man achte sehr auf eine ausgewogene Küche und gesunde Kost. «Frau Hersberger hat Unruhe hier hereingebracht. Sie hat sich schon am ersten Tag über das Essen beklagt. Sie war es, die kein Dessert zubereitet und die Leute aufgehetzt hat, also sah ich mich gezwungen, sie fristlos zu entlassen.»

Heimbewilligung bereits beantragt

«Seit rund zwei Monaten arbeitet die diplomierte Pflegefachfrau Carole Strässle als Angestellte in der Seniorenresidenz, sie hat die nötige Bewilligung, professionelle Pflegedienstleistungen auszuüben», antwortet Müller auf die Frage nach der fehlenden Bewilligung. Ausserdem arbeite man mit einer Privat-Spitex zusammen. Strässle habe nun auch die Aufgaben Hersbergers übernommen, sie bereite die Desserts zu und sei für die Betreuung der Leute zuständig.

«Wir wollen künftig den Bereich Pflege mit zusätzlichem Personal ausbauen», erklärt Strässle. Ein erstes Gesuch für die Betriebsbewilligung Spitex hatte Müller bereits Anfang Mai eingereicht. Noch diese Woche sollen beim Kanton zusätzlich notwendige Unterlagen eingereicht werden, um sie zu erhalten. «Dazu gehört unter anderem ein Notfallkonzept, ein Betreuungskonzept, ein Personalschlüssel und weitere wichtige Unterlagen», erklärt Strässle.

Die Pflegedienstleistungen, die momentan für die Bewohnerinnen und Bewohner geleistet würden, seien bisher gratis, im Pensionspreis inbegriffen. «Wir wollen künftig Pflege gemäss der Krankenpflege-Leistungsverordnung KLV Artikel 7 anbieten, die wir dann auch verrechnen können», erklärt Strässle.

Und angesprochen auf die demenzkranke Frau, sagt die Pflegefachfrau: «Diese Frau ist einerseits sehr unglücklich über ihren Zustand, denn sie bekommt noch viel mit, da sie im ersten Stadium der Krankheit ist. Aber sie ist auch sehr glücklich und fühlt sich hier äusserst wohl, denn wir kümmern uns alle ausgesprochen intensiv um sie, so, wie sie das an einem anderen Ort, einem gewöhnlichen Heim, wohl kaum erleben würde.»

Auf die Frage, ob er denn mit seiner Seniorenresidenz einfach viel Geld verdienen wolle, meint Müller: «Herkömmliche Altersheime kosten sehr viel Geld.» Und was dort angeboten werde, sei grundsätzlich viel zu teuer. «Mein Ziel ist es, den älteren Menschen ein besseres, schöneres und vor allem günstigeres Angebot anbieten zu können.»

Sobald man die Betriebsbewilligung Spitex vom Kanton erhalten habe, wolle man im Bereich Pflege dasselbe anbieten, wie in jedem anderen Altersheim. «Aber die Leute können dabei in der eigenen Wohnung bleiben und wir sind hier für sie da. Und das erst noch zu einem vernünftigen Preis.» (om)

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1