Grenchen
Ist die Kinderärztliche Versorgung in Grenchen und Umgebung gefährdet?

Der Grenchner Thomas Bamberger ist einer von zwei Kinderärzten in Grenchen. Der 67-Jährige möchte sich zur Ruhe setzen und sucht seit geraumer Zeit eine Nachfolgelösung - bis jetzt ohne Erfolg.

Oliver Menge
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Thomas Bamberger, Kinderarzt in Grenchen

Thomas Bamberger, Kinderarzt in Grenchen

Oliver Menge

Die Kinderärztliche Versorgung in Grenchen sei seit längerer Zeit «suboptimal», sagt der Grenchner Kinderarzt Thomas Bamberger. 1984 eröffnete er in Grenchen eine Praxis und habe schon wenige Jahre später «um Hilfe gerufen», wie er sagt. Mit Rolf Luterbacher kam ein zweiter Pädiater nach Grenchen und seither hätten sie den grossen Anteil der Kinder von der Geburt bis nach der Pubertät betreut. Dies in einem Einzugsgebiet, welches die Gemeinden Grenchen, Bettlach, Lengnau, Pieterlen, Romont, Selzach plus die Berner Gemeinden auf der anderen Aareseite bis in den Bucheggberg umfasst.

Man laufe am Limit und beide Praxen seien voll ausgelastet, so Bamberger. In Ferienzeiten, wo die beiden Grenchner Kinderärzte sich gegenseitig vertreten, habe er nicht selten bis 60 Kinder täglich behandelt. Eine Zahl, die laut Bamberger eigentlich keine seriöse medizinische Arbeit mehr zulasse.

Die schwierige Suche nach einer Nachfolge

Thomas Bamberger ist 67, Kollege Luterbacher sei 3 bis 4 Jahre jünger, so viel er wisse. Bamberger ist bereits seit Sommer 2018 auf der Suche nach einem Nachfolger, einer Nachfolgerin, bisher vergebens. Zuerst auf eigene Faust, später beauftragte er ein spezialisiertes Büro, doch auch das brachte bisher nicht das gewünschte Resultat. «Es tut sich was, aber noch nichts Konkretes», sagt Bamberger.
Er könne sich verschiedene Szenarien vorstellen: Da neben seiner Praxis eine weitere Praxis leer stehe, wäre eine Doppelpraxis denkbar, der Vermieter wäre sehr interessiert an so einer Lösung und auch das Personal könnte übernommen werden. Auch die Anstellung eines Assistenzarztes oder Assistenzärztin ziehe er in Betracht. So oder so will Bamberger sich irgendwann in den nächsten Jahren zur Ruhe setzen. Er quittierte letzten Sommer den schulärztlichen Dienst und gab die ärztliche Betreuung im Bachtelen ab. Dort habe er eine Nachfolge organisieren können, doch eine offizielle Nachfolge im schulärztlichen Dienst habe die Stadt seines Wissens nicht organisiert.

Ein Schreiben der Gruppenpraxis für Kinder und Jugendliche in Solothurn an die Gemeindepräsidien von Grenchen und Bettlach (siehe separater Artikel) habe ein Wachrütteln der Politik bewirken sollen, so Bamberger. Inoffiziell habe man ihm wiederholt ein Gespräch in Aussicht gestellt, mehr nicht. Als erster Ansatz dafür laufe seit letzter Woche nun aber eine Terminsuche.

Das Schreiben soll die Politik wachrütteln

Vor einigen Wochen erhielten die Gemeindepräsidien von Grenchen und Bettlach Post. Die Gruppenpraxis für Kinder und Jugendliche in Solothurn sandte ein Schreiben – mit Kopie an die zuständige Regierungsrätin Susanne Schaffner und Kantonsarzt Lukas Fenner. Darin hiess es, dass die «medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen in den pädiatrischen Praxen in der Region Solothurn – Grenchen kurz- und mittelfristig nur noch teilweise gewährleistet ist».
Besonders prekär sei die Lage in Grenchen und Bettlach, wo rund 4000 Kinder und Jugendliche lebten. In Kürze werde nur noch ein Pädiater dieses Gebiet versorgen, in zwei bis drei Jahren eventuell keiner mehr. Für den Bedarf von mindestens 12000 Konsultationen jährlich gebe es keinen Pädiater mehr. Die Gruppenpraxis habe wegen der grossen Nachfrage und der fehlenden Kapazitäten ihr «Versorgungsrayon» bereits einschränken müssen. Kinder aus Grenchen, Bettlach, Arch, Lengnau usw. werde man auch künftig nicht in Solothurn betreuen können.
Es bestehe «dringlicher Handlungsbedarf» für die Gemeindepräsidien der beiden Gemeinden, mit den beiden Pädiatern Thomas Bamberger und Rolf Luterbacher nach Lösungen zu suchen.

Für ihn sei klar: Bis die Nachfolge geregelt sei, wolle er seine Praxis weiterführen – sofern die Gesundheit das zulasse, sagt Bamberger. Ihm liege am Herzen, dass die 30 bis 35 Kinder, die er pro Tag in seiner Praxis betreue, auch künftig gut versorgt seien.
Um aber eine Praxis weitergeben oder verkaufen zu können, müsse sie laufen und dürfe nicht runtergefahren werden, denn das bedeute Wert- und Imageverlust. Mit anderen Worten: «Ich nehme auch zukünftig neue Patienten auf.»

Falschinformationen machten die Runde

Er sei ziemlich sauer geworden, als ihm von Falschinformationen berichtet wurde, die offenbar in der Frauenklinik des Bürgerspitals in die Welt gesetzt wurden: Jungen Müttern in
den Geburtsvorbereitungskursen teilte man mit, Bamberger schliesse seine Praxis in Kürze und er schicke alle seine Patienten zu Rolf Luterbacher. «Das stimmt überhaupt nicht», sagt Bamberger. Er reagierte mit einem harschen E-Mail an die Chefetage der Frauenklinik am Bürgerspital und drohte auch mit rechtlichen Schritten, sollten diese Informationen weiterhin verbreitet werden. Auf die Frage, ob er eine Antwort erhalten habe, sagte Bamberger: «Du hast doch gesagt, Du hörst auf, haben sie lakonisch geantwortet.»

Sein oberstes Ziel sei es, die Praxis weiterzugeben, damit Grenchen auch weiterhin kinderärztlich versorgt sei. Und er sei voller Hoffnung, dass man eine gute Lösung finde. Der Bedarf sei da, eine Nachfolgerin, ein Nachfolger könne sich in ein gemachtes Nest setzen. Und bis dahin setze er sich für seine kleinen Patientinnen und Patienten ein wie bisher.

Im Kanton Solothurn gibt es kein Kinderspital

Eine pädiatrische Abteilung in einem Spital sucht man im Kanton Solothurn vergebens. Bei medizinischen Notfällen musste man schon immer auf ein Spital in einem Nachbarkanton ausweichen. Es gibt zwar Geburtskliniken und kleine Neugeborenenstationen, wo gesunde Kinder betreut werden, Chirurgen, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte und Augenmediziner betreuen Kinder im kleinen Rahmen. Aber Kinder, bei denen aus medizinischer Sicht ein Spitalaufenthalt notwendig sei, sollen in Kinderspitälern betreut werden, so die Meinung der Pädiater. Kein Ort im Kanton Solothurn sei weiter weg von einem Kinderspital als 30 Kilometer. Biel, Bern, Basel, Aarau und Basel verfügten über Kinderspitäler oder spezialisierte Kinderabteilungen im Spital. Seit 10 Jahren gibt es zusätzlich einen ambulanten kinderärztlichen Notfalldienst.