Freilichtspiele
Iris Minder bringt eigene Fassung des Klassikers «Romeo und Julia auf dem Dorfe»

Theaterfrau und Regisseurin Iris Minder hat wenig Freude am Satz «Wir haben Ballenberg ausgebootet», und doch hat sie ihn nicht ganz ohne Stolz so geäussert.

Oliver Menge
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Proben Freilichtspiel Grenchen Romeo und Julia auf dem Dorfe
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 Amor und Cupido proben ihre Szene
 Amor und Cupido proben ihre Szene
Proben "Romeo und Julia" Proben zu "Romeo und Julia" Freilichtspiele Grenchen Buch, Regie und künstlerische Leitung Iris MinderIris Minder
 Amor und Cupido proben ihre Szene
 Der Chor analog dem aus der griechischen Tragödie
 Amor und Cupido proben ihre Szene zusammen mit Regisseurin Iris Minder
 Der Chor und Regisseurin Iris Minder
 21erle zur besseren Konzentration
 21erle zur besseren Konzentration
 Man schaut sich nochmals das Textbuch an
 Modell des Bühnenbildes
 21erle zur besseren Konzentration

Proben Freilichtspiel Grenchen Romeo und Julia auf dem Dorfe

Oliver Menge

Das kam so: Zum 200. Geburtstag des Schweizer Schriftstellers Gottfried Keller wird landauf landab sein Stück «Romeo und Julia auf dem Dorfe» aufgeführt. So auch im Freilichtmuseum Ballenberg, wo das Stück 1991 erstmals aufgeführt und in diesem Jahr wieder aufgenommen wird. Die bald 190 Jahre alte Lesegesellschaft Sursee hatte eigentlich vor, sich eine Vorstellung dort anzusehen, stiess aber bei ihren Recherchen im Internet auf die Freilichtspiele Grenchen. Hier feiert «Romeo & Julia» am 15. Juni Premiere. Und weil man die Beschreibung der hiesigen Fassung als interessant erachtete, werden die Theaterbegeisterten aus dem Kanton Luzern nun nach Grenchen kommen und sich Minders Inszenierung anschauen.

Das berühmte Stück

Kellers wohl bekanntestes Stück aus den Novellen «Die Leute von Seldwyla» handelt von zwei jungen Leuten, Sohn und Tochter zweier reichen Bauern, die sich trotz der erbitterten Feindschaft ihrer Eltern lieben. Diese Feindschaft, die mit dem Streit um einen Acker beginnt, treibt letztendlich die beiden Familien in den finanziellen Ruin. Ohne Aussicht, jemals gemeinsam ein glückliches Leben führen zu können, beschliessen die jungen Liebenden, gemeinsam in den Tod zu gehen.

Das Stück über die unerfüllte oder unmögliche Liebe, gilt als exemplarisch für den poetischen Realismus. Keller hatte mit seiner Adaption von Shakespeares «Romeo and Juliet» eine Schweizer Fassung geschrieben, die schon unzählige Male verfilmt und auf die Bühne gebracht wurde.

Grenchner Adaption

Iris Minder hat für die Grenchner Freilichtspiele eine eigene Version der Geschichte über Liebe und Hass geschrieben. «Ich kann es einfach nicht lassen, weg vom ‹Normalen› zu gehen», sagt sie. Viele Elemente sind stark an die Fassung von Gottfried Keller angelehnt, andere erhalten eine erweiterte Bedeutung. So beginnt die Verfeindung der beiden Bauersfamilien – die in einem Grenchen aus der vorindustriellen Zeit leben könnten – zwar auch mit dem Streit um den Acker, der niemandem gehört und den sich die Bauern stückweise unter den Nagel reissen. Bei Keller erscheint im Verlauf des Stücks ein Geiger, der dem ursprünglichen Besitzer, einem verstorbenen Bauern, wie aus dem Gesicht geschnitten ist und dessen Nachkomme zu sein scheint, jedoch keine Papiere vorlegen kann, um seinen Anspruch auf den Acker geltend zu machen, sondern sich dem freien Volke anschliesst, das tanzt und ohne Unterlass feiert und sich gehen lässt. Eine Metapher für ein zügelloses Leben ohne Regeln, ohne Verantwortung – oder ist es einfach die Abkehr von allen Konventionen?

Bei Minder wird der schwarze Geiger zum Symbol für das Böse, zum Auslöser für Neid und Missgunst, der mit seiner Geige die Leute verführt. Als Gegenstück erscheint die Liebesgöttin Aphrodite mit ihren zwei Söhnen Amor und Cupido, die beim Verschiessen ihrer Liebespfeile viel Unfug im Kopf haben und eine gehörige Portion Humor in Minders Version bringen. Aphrodite und der Geiger schliessen eine Wette ab: Was ist stärker? Liebe oder Hass? «Mit diesen Figuren habe ich eine zusätzliche Ebene im Stück geschaffen, die ‹Götterebene›, oder anders gesagt, eine Ebene der höheren Macht. Und hier stellt sich für mich die Frage: Sind wir nur Spielball der Götter?»

Minder bringt auch Elemente der klassischen griechischen Tragödie auf die Bühne: So fungieren die Dorfbewohner zeitweise als der Chor, der das Geschehen erklärt und kommentiert, sinnigerweise hinter Masken geschützt und anonymisiert. Das Ende sei zwar an Gottfried Keller angelehnt, und doch überraschend, sagt die Regisseurin. Mehr will sie allerdings nicht verraten. Der Zuschauer erfährt also erst am Schluss, wer die Wette gewonnen hat, ob die Liebe oder der Hass.

9. Grenchner Freilichtspiel

Seit 2003 brachte Minder im Zweijahresturnus ein Stück ins Freilichttheater bei der Zivilschutzanlage Eichholz. Romeo und Julia ist das neunte Stück unter ihrer Regie. Letztes Jahr hat Iris Minder zwar die Organisation der Freilichtspiele Grenchen abgegeben, sie bleibt aber als künstlerische Leiterin Mitglied des neuen Organisationskomitees. Als Gründerin der Grenchner Freilichtspiele wolle sie es sich nicht nehmen lassen, auch noch in zwei Jahren zum 10-Jahr-Jubiläum Regie zu führen. Allerdings hat sie bereits eine designierte Nachfolgerin: Nadja Rothenbühler, die von ihr bereits das Kindertheater Blitz übernommen hat, wird im 2021 bereits als Regieassistentin fungieren. Rothenbühler absolviert an der Hochschule der Künste in Zürich die Ausbildung zur Theaterpädagogin. Nach Abschluss der Ausbildung wird sie aller Voraussicht nach in die Fussstapfen Minders treten.

Abheben von anderen

«Wir müssen uns irgendwie von den anderen, grossen Freilichtspielen abheben, um auch in Zukunft weiterbestehen zu können», sagt Iris Minder. Mit ihren Inszenierungen habe sie stets versucht, in Grenchen etwas Besonderes zu kreieren. Das scheint bis jetzt aufgegangen zu sein, denn auch beim nationalen Radiosender SRF 1 wurde man wiederholt aufmerksam auf die Grenchner Freilichtspiele und brachte diverse Beiträge, während vergleichbar grosse Freilichtspiele in anderen Städten ebenso schnell wieder verschwanden, wie sie aufgetaucht waren.

Die Proben für «Romeo & Julia» begannen schon letztes Jahr mit Leseproben. Seit Mitte Februar sind die rund 25 grösseren und kleineren Rollen 2-3 Mal pro Woche in Minders Gänggi-Theater am Proben. Ab dem ersten Mai-Wochenende werden die Proben am eigentlichen Spielort stattfinden. Der Vorverkauf ist diese Woche gestartet. Uraufführung ist am 15. Juni 2019.