Eine Grenchner Traditionsfirma hat einen neuen Besitzer: Die Estima AG, seit 1924 Herstellerin von Uhrzeigern, ist auf den 7. Januar hin von der indischen KDDL aufgekauft worden. Letztere ist ebenfalls im Uhrenbereich tätig. Seit Ende der 1980er-Jahre stellt sie Zeiger und Zifferblätter her und beliefert mit ihren Produkten auch den Schweizer Markt.

Die Inder hoffen, wie sie auf ihrer Homepage schreiben, durch die Übernahme der Estima Marktanteile in Europa zu gewinnen und in der Schweiz weiter Fuss fassen zu können. Man arbeite heute bereits mit 50 Schweizer Partnern zusammen, hält KDDL fest. Zudem beliefert sie gemäss eigenen Angaben 90 Prozent des indischen Uhrenmarktes mit Zeigern. Nicht zuletzt gehört die Firma zu den grösseren Uhrenhändlern in Indien. Verkauft werden dort in rund 40 Geschäften auch Schweizer Marken wie Rolex, Corum, Oris oder Uhren der ebenfalls aus Grenchen stammenden Marke Titoni.

Verkaufspreis über 400'000

Seit 2009 war die Estima im Besitz der Ostschweizer Familie Looser. Diese Woche ist der bisherige Mehrheitsaktionär, Philipp Looser, aus dem Verwaltungsrat ausgeschieden und durch einen Vertreter der KDDL ersetzt worden, wie dem Handelsamtsblatt zu entnehmen ist. Gemäss eigenen Angaben hat die KDDL 400'000 Franken für die Firma bezahlt, die in Grenchen in einem für die 1950er-Jahre charakteristischen Industriebau ihren Sitz hat.

Weniger Umsatz, mehr Verlust

In ihrem Communiqué äussern sich die neuen Besitzer deutlich zur aktuellen Lage der Estima. Die Firma habe zwar einen exzellenten Namen, eine wertvolle Produktionsinfrastruktur und sei der führende Lieferant für Schweizer Marken im mittleren Preissegment gewesen. Estima habe in den letzten zehn Jahren aber mit dem sich verändernden Marktumfeld nicht mithalten können. Umsatz und Marktanteile seien gesunken, die Verluste gestiegen, heisst es kurz und knapp im indischen Communiqué. Der aktuelle Umsatz beträgt zwischen 1,8 und 2 Mio. Franken.

Bekannt ist: 2015 hatte Estima Kurzarbeit eingeführt. Damals hatte das Unternehmen 45 Angestellte. Zur aktuellen Zahl der Mitarbeitenden sind jedoch keine Angaben erhältlich. Man habe aus wirtschaftlichen Gründen die Stellenzahl reduzieren müssen, heisst es in Grenchen.

Dort ist im Zuge der Übernahme neu der Bieler Marc Bernhardt in die Geschäftsleitung gewählt worden. Er ist nun zusammen mit dem bisherigen CEO Marcel Giger für den Neuaufbau der Firma verantwortlich. KDDL sei ein strategischer Investor und «ein starker Partner mit Erfahrung», betonen die beiden. Der neue Eigentümer sei interessiert daran, «dass die Firma wieder auf den guten Weg zurückkehrt». Pläne für Modernisierungen würden angegangen, für konkretere Angaben sei es aber noch zu früh, so die beiden Verantwortlichen.

Half die Swissness-Vorlage?

Noch 2015 sagte der vorherige Besitzer Philipp Looser gegenüber dieser Zeitung, man habe mehrere Millionen Franken in die Modernisierung der Firma gesteckt. Damals produzierte die Estima AG rund vier Millionen Zeiger pro Jahr. Looser hegte die Zuversicht, dass die auf 2017 hin eingeführte Swissness-Vorlage, laut der 60 Prozent der Herstellungskosten einer Uhr in der Schweiz anfallen müssen, der Firma neue Aufträge bringe. Im Nachhinein könne man nicht sagen, wie der Geschäftsverlauf ohne die Swissness-Vorlage ausgesehen hätte, heisst es heute in Grenchen.

In den letzten Jahren hätten auch andere Faktoren in der Uhrenindustrie eine Rolle gespielt. «Es hängt nicht alles an einer Gesetzesvorlage, obwohl diese, insbesondere für die schweizerische Uhrenindustrie, enorm wichtig ist», sagt Marcel Giger. Wichtig sei es auch, «sich schnell auf neue Marktsituationen und -bedürfnisse einstellen zu können». Mit Unterstützung der KDDL-Gruppe ist man in Grenchen nun zuversichtlich, für die Zukunft «bestens gerüstet» zu sein».

Auch Jean-Daniel Pasche, der Präsident des Verbandes der Schweizerischen Uhrenindustrie, betont, dass die Swissness-Vorlage nicht zwingend bedeute, dass Schweizer Unternehmen öfter zum Zuge kämen. «Man kann das Gehäuse in der Schweiz kaufen und das Zifferblatt in Indien. Oder umgekehrt», so Pasche, der auch festhält: Der Name KDDL sei in der Uhrenbranche nicht unbekannt.