Der Stiftungsrat der Alterszentren Grenchen Kastels und Weinberg hat beschlossen, die Medikamentenabgabe an ihre Bewohnerinnen und Bewohner neu zu regeln. Statt dass der Pflegedienst die Medikamente über den Arzt bezieht kommen diese jetzt für jeden Bewohnenden in Plastikfoliensäcklein, beschriftet mit Daten des Patienten und Inhalt. Damit will man nicht nur wirtschaftlicher arbeiten und Kosten senken, sondern auch die Sicherheit für die Bewohnerinnen und Bewohner erhöhen.

Zu diesem Zweck lagert man das Medikamentensystem an die Coop vitality Apotheke im Centro aus, die mit der Oensinger Firma «Medifilm AG» zusammenarbeitet. Diese Firma beschäftigt an ihrem Standort rund 50 Mitarbeitende und verpackt im Monat im Schnitt 2,5 Millionen Tabletten in rund einer Million Plastiksäcklein.

Zeitintensiv und kompliziert

Bis jetzt wurden die Medikamente für die Bewohnerinnen und Bewohner der Alterszentren Grenchen von ihrem jeweiligen Arzt verschrieben und zum Teil auch direkt abgegeben. Rund 25 Ärzte gehen im Kastels und Weinberg regelmässig ein und aus. Der Pflegedienst hat die Aufgabe, die Medikamente für die Bewohner nach ärztlicher Verordnung bereitszustellen. Eine Aufgabe, die äusserst zeitintensiv ist.

Der Kanton hat nach einem Aufsichtsbesuch im letzten Jahr den Alterszentren Grenchen eine Auflage aufgebrummt: Statt wie bisher die verschiedenen Medikamente jeweils jedem Bewohner, jeder Bewohnerin individuell in einem Becher bereitzustellen und beispielsweise zu den Mahlzeiten zu verabreichen, müssen die Pflegenden jetzt die einzelnen Tabletten im Blister, der Originalverpackung, belassen und mit einer Schere ausschneiden und bei der Verabreichung aus der Verpackung nehmen. Dies sei aus hygienischen Gründen notwendig. Zudem vermeide man so Verwechslungen, weil es von jedem Medikament inzwischen viele verschiedene Erscheinungsformen gebe und sie ohne Verpackung nicht identifizierbar seien, so der Kanton.

Dazu kommen Kontrollen und Anpassungen aufgrund geänderter Rezepte und Verordnungen der Ärzte und und und. Für die Alterszentren Grenchen kann man das in Zahlen ausdrücken: Alleine für die Bereitstellung und Kontrolle der Medikamente benötigt man für beide Häuser knapp die Kapazität einer Vollzeitstelle. Das sind durch die Medikamentenabgabe absorbierte Personalressourcen, die man lieber anderweitig sinnvoller nutzen möchte.

Komplexe Krankheitsbilder

Weiter habe die Komplexität der Krankheitsbilder in den letzten Jahren massiv zugenommen, erklärt Sonja Leuenberger, Geschäftsleiterin der Alterszentren Grenchen Kastels und Weinberg, weil viele Leute erst spät ins Heim eintreten, zum Teil schon stark pflegebedürftig seien und an komplexeren Krankheiten und Gebrechen litten. Zudem habe sich die Bewohnerstruktur stark verändert: «Wir sind in den Alterszentren Grenchen momentan bei einer Quote von rund 50% Wechsel unserer Bewohnerinnen und Bewohner pro Jahr», erklärt Sonja Leuenberger: «Wir haben einen grossen Anteil an älteren Menschen, die zum Beispiel nach einem Spitalaufenthalt zu uns kommen, einfach so lange, bis sie wieder fit genug sind, um zurück nach Hause zu gehen.»

Das heisst auch, dass mit jedem neuen Bewohner neue Medikamentenverordnungen umgesetzt werden müssen oder sich bei bestehenden Bewohnern die Medikationsliste des Öfteren ändere. «Das übersteigt schlicht unsere Kapazitäten», erklärt Leuenberger. Sowohl organisatorisch als auch was die Abläufe und die mögliche Fehlerquote betreffe, sei man an Grenzen gestossen. Aus diesem Grund habe der Stiftungsrat der Alterszentren Grenchen im Sommer beschlossen, die Bereitstellung der Medikamente auszulagern und so auch ein höheres Mass an Sicherheit für die Bewohnerinnen und Bewohner zu erreichen.

Zusammenarbeit mit regionaler Apotheke

Die Alterszentren Grenchen haben diverse Offerten verschiedener Anbieter eingeholt. Schliesslich hat man sich für die Coop vitality Apotheke Grenchen entschieden. «Apotheker Hermann Marti, mit dem wir schon etwa 20 Jahre zusammenarbeiten, hat gleichzeitig auch eine wichtige Kontrollfunktion. Er überprüft die Verordnungen auf mögliche Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten und ersetzt sie in Absprache mit dem behandelnden Arzt mit günstigeren Generika, so wie das vom Gesetz vorgeschrieben ist», erklärt Leuenberger. Der Apotheker bestellt dann bei «Medifilm» die Medikamente, die dort pro Bewohner pro Eingabe verpackt und beschriftet werden und an die AZ Grenchen geliefert werden. Der Name «Medifilm» stammt daher, dass die Medikamente in einer Film-ähnlichen Form verpackt sind.

Nathalie Obrecht, Leiterin Qualitätsmanagement, Projektverantwortliche für den Wechsel und Verantwortliche für die Einbindung ins digitale Pflegedienstprogramm «CareCoach», übernimmt die Koordination mit den Verantwortlichen bei «Medifilm» und überwacht die für die Umsetzung notwendigen Änderungen in den Abläufen. Es ist sogar angedacht, im Zuge der fortlaufenden Digitalisierung die Medikamentenbestellung direkt über «CareCoach» abzuwickeln – die Entwicklung entsprechender Software sei im Gang, sagt Nathalie Obrecht.
«Selbstverständlich haben die Bewohnerinnen und Bewohner auch künftig das Recht, ihre Medikamente selber zu bestellen und selbstständig einzunehmen.

Die Alterszentren Grenchen können aber in diesem Fall keine Verantwortung übernehmen, da diese in der Eigenverantwortung der Bewohnenden liegt», so Sonja Leuenberger. In diesem Fall müssen die Bewohner eine Erklärung unterzeichnen, dass sie die volle Verantwortung für ihre eigene Medikation übernehmen und die Alterszentren von ihrer Verantwortung entlastet sind.

Kosten sparen inklusive

Das Ganze hat auch einen wirtschaftlichen Aspekt: Sowohl im Kastels wie im Weinberg fallen haufenweise Medikamente an, die aufgrund einer Verordnung gekauft aber dann überflüssig werden, weil die Verordnung geändert oder eine neue Therapie notwendig wurde. «Die Gesetzgebung verbietet eine Rücknahme dieser Medikamente, selbst wenn sie noch originalverpackt, die Packungen nicht angebrochen und das Ablaufdatum längst nicht erreicht ist. Sie müssen der Vernichtung zugeführt werden», sagt Sonja Leuenberger. Zudem dürfte der Apotheker im einen oder anderen Fall ein günstigeres Medikament mit derselben Wirkung finden, so wie das der Gesetzgeber von ihm erwartet. Und dies sei ja auch im Sinne der Krankenkassen, von denen man sich ein Entgegenkommen bei anderen strittigen Themen erhofft – Stichwort «MiGel». Der Dachverband der Pflegeheime «Curaviva» begrüsse den Schritt in diese Richtung ebenfalls.

Die Kosten für die Umstellung und die Auslagerung werden übrigens nicht auf die Bewohnerinnen und Bewohnern abgewälzt, sondern von den Alterszentren Grenchen getragen.
«Mit der Umstellung wollen wir nicht nur Ressourcen freischaufeln, die bis jetzt blockiert waren, sondern auch für unsere Bewohnerinnen und Bewohner die Qualität und Sicherheit bei der Medikamentenabgabe verbessern», sagt Geschäftsführerin Sonja Leuenberger.
Im März 2019 soll das neue System in Betrieb sein. Ärzte, Bewohnerinnen und Bewohner sowie Angehörige wurden in den vergangenen Wochen über den Wechsel informiert.