Lengnau
In Lengnau wird es nochmals spannend

Zwei Männer und eine Frau bewerben sich in einer Kampfwahl um das Gemeindepräsidium. Allerdings sind die Fronten alles andere als klar, denn einer der Kandidaten sorgt für Wirbel und rote Köpfe im Dorf.

Joseph Weibel
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Gemeinderatswahl 2019

Gemeinderatswahl 2019

Margrit Renfer

Am 17. November wird klar, wer die nächsten vier Jahre Lengnau präsidiert. Zur Wahl an besagtem Sonntag (gleichzeitig zweiter Wahlgang für die Ständeratswahlen) stellen sich mit Sandra Huber-Müller, Frank Huber und Peter Abrecht gleich drei Anwärter für das Gemeindepräsidium.

Mit knapp 45 Prozent Stimmbeteiligung haben sich die Lengnauerinnen und Lengnauer anlässlich der Gemeinderatswahl wesentlich aktiver als noch vier Jahre zuvor gezeigt (40,7 Prozent). Die Bürgerlichen haben mit vier von sieben Sitzen nach wie vor die Mehrheit. Die Sozialdemokraten sind künftig mit einer Dreierdelegation im Gemeinderat vertreten. Das beste Wahlresultat erzielte Sandra Huber-Müller mit 1093 Stimmen. Der bisherige SVP-Gemeinderat Eduard Gilomen kam auf 439 Stimmen, was für eine Wiederwahl nicht mehr ausreichte.

SP holte dritten Sitz auf Kosten der SVP

Überraschend war die hohe Stimmenzahl von Sandra Huber. Vor vier Jahren kam sie auf 509 Stimmen und erreichte die nötige Stimmenzahl zur Wahl nicht. Sie rückte aber für die bisherige und zurückgetretene Rebecca Balsiger-Maire nach, betreute das Departement Soziale Wohlfahrt und war zudem Vize-Gemeindepräsidentin. An den diesjährigen Wahlen erreichte sie mehr als das Doppelte der Stimmen als noch vor vier Jahren. Der bisherige SP-Gemeinderat Daniel von Burg kam auf 766 Stimmen. Die SP holte auf Kosten der SVP einen dritten Sitz – mit 493 Stimmen sicherte sich Alex Pfister den Einzug ins Gemeindeparlament.

Bürgerliche nicht auf gemeinsamer Liste

Die bürgerlichen Parteien traten mit zwei Listen an – zum einen mit der Listenverbindung FDP und SVP, zum andern wurden drei Kandidaten kurz vor Anmeldeschluss auf der neuen Liste ‹Junge SVP» eingegeben. Darunter war auch der bisherige Gemeinderat Frank Huber. Er erzielte vor vier Jahren mit 807 Stimmen das zweitbeste Resultat. Dieses Jahr reichten ihm 571 Stimmen für den Wiedereinzug in den Gemeinderat.

Für das beste Ergebnis der Zweierallianz FDP und SVP sorgte Peter Abrecht mit 705 Stimmen (2015: 781). An zweiter Stelle ist der neu gewählte Marcel Frattini mit 506 Stimmen. Der bisherige Gemeinderat Thomas Hübscher erzielte 484 Stimmen und ist nach dem Rücktritt von Max Wolf und der Nichtwahl von Eduard Gilomen noch der einzige SVP-Vertreter im Parlament.

Kampf um das Gemeindepräsidium

Neu für Lengnau ist eine Kampfwahl für das Gemeindepräsidium. Bisher war es Tradition, dass jeweils Präsident wird, wer die meisten Stimmen bei den Gemeindewahlen hatte. Die Parteien hatten sich immer auch darüber geeinigt und den Kandidaten in stiller Wahl bestätigt. Hinzu kommt, dass bisher das Gemeindepräsidium der Mehrheitspartei zugestanden wurde. Die Bürgerlichen haben nach wie vor die Mehrheit; Sandra Huber aber die beste Stimmenzahl. Sie stellt sich deshalb ebenso wie die beiden Bürgerlichen Peter Abrecht (FDP) und Frank Huber (Junge SVP) zur Wahl für das Gemeindepräsidium.

Ein Schreiben eines Kandidaten fürs Gemeindepräsidium in Lengnau, gibt zu reden. Nur sei das Schreiben gar nicht von ihm, sagt dieser.

Frank Huber, der auf der Liste der Jungen SVP zur Wahl angetreten war und mit 571 Stimmen, dem viertbesten Resultat hinter Sandra Huber (SP, 1093 Stimmen), Daniel von Burg (SP, 766 Stimmen) und Peter Abrecht (FDP, 705 Stimmen) in den Gemeinderat gewählt wurde, sorgt mit einem Brief für Ärger. In den letzten Tagen fanden die stimmberechtigten Lengnauerinnen und Lengnauer ein Schreiben in ihrem Briefkasten, in dem der Kandidat fürs Gemeindepräsidium Werbung in eigener Sache macht.

Das wäre ja weiter nicht einmal erwähnenswert, würde auf dem Briefkopf nicht das offizielle SVP-Logo prangen. Dies, obwohl Frank Huber eigentlich aus der Ortspartei ausgetreten und der Jungen SVP beigetreten ist. Allerdings ist er weiterhin Mitglied der SVP des Kantons Bern, wie auf der Homepage der Gemeinde ersichtlich ist.

Hansrudolf Lüthi, Präsident der SVP Lengnau, findet dafür starke Worte. «Ich persönlich finde das zum K...tzen». Das sei ein erneuter Schlag gegen den Vorstand der SVP Lengnau. «Huber ist meines Wissens aus unserer SVP ausgetreten. Weshalb also verwendet er weiterhin Briefpapier mit unserem Logo?» Huber habe im Vorfeld der Gemeinderatswahlen immer wieder betont, er wolle nicht mehr antreten. Also habe man sich auf die Suche nach einem Ersatz für ihn umgesehen und mit Christoph Delévaux einen würdigen Ersatz für die bürgerliche Listenverbindung mit der FDP gefunden.

Listenverbindung nicht mit der Jungen SVP

Da gegen Adrian Spahr von der Jungen SVP immer noch ein Verfahren wegen Rassendiskriminierung laufe, habe man auf eine Listenverbindung mit der Jungen SVP Lengnau verzichtet. «Wir hatten Bedenken, dass das von den politischen Gegnern ausgeschlachtet werden könnte». Spahr war in seiner Rolle als Co-Präsident der Jungen SVP des Kantons Bern wegen eines Wahlplakats verurteilt worden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig und das Verfahren wurde weitergezogen. Er habe nicht schlecht gestaunt, sagt Lüthi, als Frank Huber kurz vor Eingabefrist auf ebendieser Liste der Jungen SVP erschienen sei. «So jung ist er nun auch wieder nicht.»

Und jetzt wolle er zu allem noch Gemeindepräsident werden. «Er schiebt uns die Schuld in die Schuhe und ist nicht bereit, auch nur einen Teil der Verantwortung zu übernehmen für das ‹Gschtürm›», sagt Lüthi. Er schätzt die Chancen Hubers, neuer Gemeindepräsident Lengnaus zu werden, als eher gering ein. Die SVP Lengnau unterstützt offiziell Peter Abrecht von der FDP.

Dass es überhaupt zu einer Kampfwahl kommt – für Lengnau ein Novum – stört Lüthi nicht. Im Gegenteil: «Jede Kandidatin, jeder Kandidat hat das Recht, sich für das Amt zu bewerben. Die Bürgerinnen und Bürger können dann entscheiden.»

Dass es früher nicht zu Kampfwahlen gekommen sei, habe daran gelegen, dass mit Paul Schaad und Max Wolf Personen in den Gemeinderat gewählt wurden, von denen man schon von vornherein wusste, dass sie das Präsidium anstreben und aus diesem Grund eine stille Wahl möglich war, erklärt Lüthi.

Schriftliche Rechtfertigung und Richtigstellung

Frank Huber nimmt zu den Vorwürfen nur schriftlich Stellung: Das Flugblatt, welches in Lengnau an alle Haushalte verteilt wurde, sei nicht von ihm. «Offenbar gibt es aber in Lengnau SVP-Wähler, welche auf meiner Seite sind und die das Thema bewegt.» Weiter schreibt Huber: «Ich bin der einzige Kandidat für das Gemeindepräsidium, welcher nachfolgende SVP-Anliegen konsequent vertritt: Eine bessere Lösung als die Sperrung der Moos-/Industriestrasse gegenüber dem Schibli-/Kleinfeld-Quartier. Die aktuellen Kandidaten ignorieren die Petition, welche von einem Viertel der Stimmbevölkerung unterschrieben wurde.»

Weiter sei er gegen die massive Erhöhung der Entschädigung an den Gemeinderat und für mehr Transparenz des Gemeinderates gegenüber der Bevölkerung. Huber setze sich auch gegen ausufernde Ausgaben der Gemeinde ein, welche in einem Defizit mit Steuererhöhung enden können. «Deshalb ist das Thema der Verwendung des SVP-Logos nicht relevant und nur reine Ablenkung meiner Gegner.» Der FDP’ler Peter Abrecht sei kein Mitglied der SVP, trotzdem seien Inserate mit seinem Namen und dem SVP Logo publiziert worden.

SVP-Präsident ist not amused

Zu diesem letzten Punkt sagt Lüthi: «Schliesslich haben wir eine Listenverbindung mit der FDP, also kamen auch beide Logos vor auf dem Werbematerial für den Kandidaten, den wir unterstützen». Zu Hubers Anspruch, der einzige Kandidat zu sein, der die SVP-Anliegen wirklich vertrete, sagt Lüthi: «Die Punkte, die Huber nennt, sind seine Punkte, nicht die der SVP Lengnau. Ich nenne als Beispiel die Entschädigung des Gemeinderats: Huber stellt es so dar, als habe der Gemeinderat bereits still und heimlich eine Erhöhung beschlossen und da etwas gemauschelt. Er müsste doch eigentlich genau wissen, dass das gar nicht möglich ist. So etwas zu beschliessen, liegt in der Kompetenz der Gemeindeversammlung, nicht in der des des Gemeinderats.» Und dass sich Lengnau mit dem Bau der Dreifachturnhalle verschulde und der dringend benötigte Schulraum ebenfalls teuer sei, das wisse man in Lengnau schon lange.

Wer hinter der Aktion mit dem Flyer stecke, wenn es nicht Huber selber sein solle, wisse er nicht, sagt Lüthi. «Ich weiss nur, dass das niemand von uns gewesen sein kann.» Er habe sogar bei der Parteizentrale des Kantons Bern nachgefragt. «Aber auch dort weiss man nicht, woher das SVP-Logo stammt». Oliver Menge

Zweiter Wahlgang nicht ausgeschlossen

Die Wahl findet am kommenden Wochenende zeitgleich mit dem zweiten Wahlgang für den Ständerat statt. Die Wahl eines Vize-Gemeindepräsidenten / einer Vize-Gemeindepräsidentin wird erst nach der Wahl des Gemeindepräsidenten / der Gemeindepräsidentin ein Thema sein. Da drei Kandidaten zur Wahl stehen, ist ein zweiter Wahlgang nicht ausgeschlossen.

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