1.Mai-Feier
In Grenchen gabs einen Klassenkampf im sehr kleinen Rahmen

Es waren Differenzen und Diskrepanzen, welche die 1.Mai-Feier prägten, die erstmals von drei Vereinigungen, der SP Grenchen, der SP Lengnau und der UNIA, organisiert worden war.

Beatrice Kaufmann
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Mit einem Umzug vom Bahnhof zur Alten Turnhalle machten sich die Teilnehmenden für den Mindestlohn stark.

Mit einem Umzug vom Bahnhof zur Alten Turnhalle machten sich die Teilnehmenden für den Mindestlohn stark.

Beatrice Kaufmann

Die Differenzen wurden vor allem von den drei geladenen Rednern, UNIA-Geschäftsleitungsmitglied Corinne Schärer, Gemeinderätin Angela Kummer und Nationalrat Cédric Wermuth thematisiert. Die Diskrepanz hingegen zeigte sich zwischen der Brisanz der angesprochenen Themen und der Anzahl Anwesender.

Rund 20 Menschen zählte der Umzug für den Mindestlohn, nur etwa doppelt so viele fanden sich später in der Alten Turnhalle ein, um den teils prominenten Rednern zu lauschen. Offenbar auch für die Organisatoren eine Überraschung, waren doch Tische aufgestellt worden, an denen rund hundert Personen Platz gefunden hätten.

«Seit Jahren ist es das erste Mal, dass die SP Grenchen ohne Stadtpräsident da steht. Die SP ist aber immer noch die stärkste Partei in der Stadt», betonte Remo Bill, Präsident der SP Grenchen, in seiner Begrüssung. Angesichts der wenigen Menschen, die der Einladung von SP und UNIA gefolgt waren, entstand unweigerlich der Eindruck, der Rutsch nach rechts habe nicht nur in der Regierung und dem Gemeinderat, sondern auch in den Köpfen der Grenchner stattgefunden.

Themen- und Wortwahl der Redner zeigten hingegen deutlich, wie hoch sie die Dringlichkeit ihrer Anliegen einschätzten. So rührte Corinne Schärer die Werbetrommel für den Mindestlohn von 4000 Franken, indem sie den Blick auf Ungerechtigkeiten in der Schweiz und den «Tieflohnskandal» lenkte. Dabei ging sie nicht nur auf die sich weiterhin öffnende Lohnschere zwischen Arm und Reich, sondern auch auf jene zwischen den Geschlechtern ein. Sie wehrte sich vehement gegen die kürzlich veröffentlichten Aussagen von Arbeitgeberdirektor Roland Müller, Männer seien eher bereit, höhere Anstrengungen auf sich zu nehmen als Frauen. Daraus resultiere die ungleiche Besoldung. «Löhne sind kein Wunschprogramm», weshalb auch Frauen sich für den Mindestlohn - nach Schärer die einzige Möglichkeit, die Gleichstellung der Geschlechter in dieser Beziehung zu erreichen - einsetzen würden.

Auch Cédric Wermuth kam auf Ungerechtigkeiten zu sprechen und wertete diese als Ausdruck einer ängstlichen und ohnmächtigen Gesellschaft. «Jedes Mal, wenn wir etwas mehr soziale Gerechtigkeit einfordern, kommt der Hammerschlag von oben: ‹Wir können uns das nicht leisten.›» Derzeit missbrauche jedoch eine kleine ökonomische Elite ihre wirtschaftliche Macht, weshalb es an der Zeit sei, «dieser Elite ihre Macht über die Wirtschaft streitig zu machen.»

Die Gefahr, der sich unsere ängstliche Gesellschaft ausgesetzt fühlt, heisse Dichtestress. «Ich kann das Wort nicht mehr hören! Dichtestress gibt es höchstens, weil einige ältere Herren aus Herrliberg und Umgebung nicht mehr ganz dicht sind und wir in Bern wieder herumstressen müssen!»

Um den Ungerechtigkeiten anheim zu kommen, plädierte Angela Kummer schliesslich dafür, sich vermehrt für statt gegen Ideen der anderen Seiten einzusetzen. So brauche es das Miteinander, um «die guten alten Schweizerischen Kompromisse» zu finden, «die dann mehrheitsfähig sind». Dabei sei es wichtig, dass nicht nur Politikerinnen und Politiker sich stark machten, weshalb Kummer die Zuhörer aufforderte: «Setzt auch Ihr Euch im täglichen Leben für Eure Anliegen ein!»