Abenteuer

In die Ferien ohne Geld, Handy und auch ohne Uhr

«Ohne alles» machte sich Matteo Rossier auf eigene Faust auf den Weg nach Österreich.

«Ohne alles» machte sich Matteo Rossier auf eigene Faust auf den Weg nach Österreich.

Ohne die üblichen «Sicherheiten» hat sich Matteo Rossier durch seine Ferien geschlagen. «Ich glaube nicht, dass Geld glücklich macht», sagt er bilanzierend. «Am meisten lernt man durch neue Erlebnisse.»

Es ist eine aussergewöhnliche Geschichte. Schon den Anfang seiner Reise hatte sich Matteo Rossier etwas anders vorgestellt: Alleine sass der 19-jährige Grenchner am Tisch eines Viersternhotels im österreichischen Schruns. Die Serviertochter brachte Bier, gemischten Salat und zwei Wiener Schnitzel - alles auf Kosten des Hauses. «Das Arbeiten kannst du dir sparen, aber zu essen kannst du haben», hatte der Hotelmanager gesagt.

Eine typische Episode aus der einwöchigen Ferienreise von Matteo Rossier. Denn wenn Matteo Rossier eine Reise tut, dann hat das wenig mit gewohnten Ferienvorstellungen zu tun. Ohne Geld, ohne Handy und ohne Uhr ist der Konstrukteurslehrling in seinen Sommerferien in Grenchen in den ersten Zug gestiegen, der nach Österreich fuhr. In den nächsten sechs Tagen lässt er alles auf sich zukommen: Das Essen wollte er sich mit Gelegenheitsarbeiten verdienen. Die Wegstrecke wählte er nach Tipps von Einheimischen, weil die Uhr fehlte, orientierte er sich am Sonnenstand. Das Zugbillett, drei Sandwichs, Wasser, Wanderstiefel und ein Zelt - das waren seine einzigen Gepäckstücke.

Die Hemmungen fallen

Mit Suppe und zwei Sandwichs verliess Rossier das Viersternhotel im Vorarlberger Dorf Schruns und machte sich zu Fuss auf den Weg ins Bündner Dorf St. Antönien. In einem Bergbach putzt er sich abends die Zähne, schlägt sein Zelt auf. Und beginnt zu zittern, denn in der Nacht wird es kalt, sehr kalt. «Ich hätte noch nie so gerne die Sonne gesehen. Trotzdem habe ich nichts vermisst», sagt er. Sein Vorbild hat er im Film «Into the Wild», in dem ein 22-jähriger Student alles zurücklässt und sich auf eine Reise durch die USA begibt, die in der Wildnis Alaskas endet. «Man sieht, wie unabhängig man ist. Es gibt keine Bequemlichkeit, nichts lenkt ab.» Bereits letztes Jahr ist Rossier von Grenchen an den Urnersee gelaufen.

Als er am nächsten Morgen in St. Antönien ankommt, beschleicht ihn doch ein wenig die Angst. In seinem Rucksack sind nur noch zwei Sandwichs, in keinem Restaurant findet er eine Arbeit. «Die Hemmungen fallen mit der Zeit», sagt Rossier. Nach fünf Absagen erhält er im Bahnhof-Restaurant ein Bier und ein Sandwich. «An einen Abbruch der Reise habe ich nie gedacht.» Nur ein einziges Mal hat er bei seinen Grosseltern angerufen. Ein Italiener, der auf dem Weg von Italien nach Amsterdam war, hat ihm das Natel geliehen.

Die offenen Österreicher

Matteo Rossier erzählt spontan, immer mit einem Lächeln, die Hän-de in Bewegung. Wer ihm zuhört, glaubt schnell, dass er die Leute mit seiner aufgeweckten Art für seine Geschichte einnehmen konnte. «Das Vertrauen der Leute war wahnsinnig», erzählt er. In Malans lässt ihn eine Winzerfamilie in einem leer stehenden Haus schlafen und bringt ihm einen Picknickkorb mit Proviant. Ältere Leute geben ihm Landjäger und Schokolade mit. «Leute, die mich nicht kennen, einfach so. Das ist wunderbar.» In Lichtenstein schlägt er sein Zelt im Garten eines Naturmediziners mit Dreadlocks auf und lernt die lockere Seite des Bankenplatzes kennen. Ein Bauarbeiter lädt ihn spontan zum Mittagessen ein. «Mit der Zeit war ich es fast gewohnt, dass die Leute so nett sind», sagt Rossier. «Alle haben gesagt: Komm wieder vorbei.»

Am dritten Tag sortierte er beim Maienfelder Heidihaus die Äste für das 1. Augustfeuer. Dafür erhält er das Abendessen und die Übernachtung angeboten. Als der Wirt des Heidihauses für zwei Stunden weg muss, kümmert sich Matteo Rossier um das Gasthaus. Der Wirt vertraut ihm das Portemonnaie an. «Wäuz schräg, wenn man darüber nachdenkt.»

Abenteurer, aber auch Tourist

Die zwei letzten Tage seiner Reise verbringt Rossier bei einer Familie im liechtensteinischen Schaan. Er jasst, spielt mit den Kindern und macht mit der Familie Ausflüge. Dann, am 30. Juli abends, besteigt er in Buchs den Zug und fährt mit dem Gleis 7 zurück nach Grenchen.

Wenn andere nur wenig über ihre Ferien zu sagen wissen, kann Matteo Rossier viele Stunden erzählen. «Ich glaube nicht, dass Geld glücklich macht», sagt er bilanzierend. «Am meisten lernt man durch neue Erlebnisse.» Nur Einsamkeit, das mag auch Matteo Rossier nicht. Seine beiden anderen Feriendestinationen diesen Sommer waren Lloret de Mar und Amsterdam.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1