Wer kennt sie nicht, Travaglinis graue Etui-Menschen. Keine grössere Ortschaft zwischen Olten und Biel, aber auch in der Ostschweiz und im Tessin hat es in den Siebziger- und Achtziger- Jahren versäumt, eine Figurengruppe aus seinem Atelier in einen öffentlichen Raum zu stellen. Es waren eigentliche «Kassenschlager», die der Künstler aus Büren a. A. schuf. Das gefiel dem Publikum: moderne Kunst, die verständlich ist und handwerklich solid ausgeführt war. Doch Peter Travaglini schuf viel mehr als diese Skulpturen. Dies eröffnet die morgen Samstag startende Ausstellung im Kunsthaus Grenchen, in der (fast) alle Facetten des Schaffens des vor zwei Jahren verstorbenen Künstlers präsentiert werden.

Peter Travaglini wurde 1927 in Bern geboren. Nach der Schule absolvierte er eine Maler- und Gipserlehre und besuchte zwischen 1946 und 1949 die Accademia di Belle Arti di Brera/I. Er heiratete Hanni Sommer und lebte zwischen 1948 und 1950 in seinem Tessiner Heimatdorf Vira. Ab 1950 verlegte das Paar seinen Hauptwohnsitz nach Büren a.A., wo der Künstler aufgewachsen war. Travaglini war im nahem Kanton Solothurn sein Leben lang kulturpolitisch aktiv und insbesondere dem Kunsthaus Grenchen zugetan. Als Vizepräsident des Stiftungsrates hat er einen grossen Teil seines künstlerischen Nachlasses dem Kunsthaus geschenkt, dies der äussere Anlass für diese Hommage.

Pop Art made in Switzerland

Im Kunsthaus-Neubau sowie in der Girard-Villa sind Arbeiten aus Travaglinis Atelier und Nachlass zu sehen, die teils unbekannt, etwas vergessen, oder auch noch nie zu sehen waren. Der neuen künstlerischen Leiterin des Kunsthauses Grenchen, Claudine Metzger, ist es gelungen, mit dieser Hommage an diesen Schweizer Künstler mit grossem regionalen Einfluss eine abwechslungsreiche und doch inhaltlich stringente und logische Ausstellung zu schaffen.

Im Neubau ist die Pop-Art-Phase Travaglinis zu sehen. «Während englische oder amerikanische Pop-Art-Künstler ihre Sujets mehrheitlich in Konsumgütern fanden, galt Travaglinis Interesse unbedeutenden Alltagsgegenständen, denen er mittels Massstabverschiebungen zu neuer Bedeutung verhalf», so Metzger.

Zu sehen ist beispielsweise der überdimensionierte Reissverschluss (1970), den der Künstler für die Ausstellung «Swiss Avant Garde» in New York schuf. «Der Reissverschluss versinnbildlichte für Travaglini auch das immer wiederkehrende Motiv des Zusammenhaltens, Zusammengehens», so Metzger. Im Girard-Haus startet die Ausstellung mit chronologisch gehängten Arbeiten aus allen Schaffensperioden.

Künstler, Spieler und Denker

Das beginnt mit einem ersten Selbstbildnis von 1947. Klar wird, wie der Künstler auf der Suche nach seinem eigenen Stil, wichtige Maler der Fünfzigerjahre als Vorbilder gehabt hat. Ab 1958 begann der Künstler freischaffend zu arbeiten. Den Ausschlag dazu gaben Aufträge für Glasfenster der katholischen Kirche St. Maria in Lyss. Es folgten weitere Aufträge für Kirchenfenster und ab den frühen Siebzigerjahren sind die ersten Entwürfe für die «Etui-Menschen» zu finden. Travaglini hat viel gearbeitet, gedacht und ausprobiert.

Es finden sich farbige, fantastische Aquarelle, in denen er seine Pop-Art-Phase nochmals aufblitzen lässt, kleine «Altare» aus Styropor, in denen er sich fast spielerisch mit den Themen Religion, Mann, Frau befasst. Skizzen von Wandmalereien, teils realisiert, teils nicht. Eine Vielzahl von kleineren Skulptur-Entwürfen, die er bis in kleinste Detail ausarbeitete. Puzzle-Spiele, die einiges an Gedankenarbeit erfordern. Und wer dem Menschen Travaglini noch näher als durch sein künstlerisches Werk kommen will, kann sich im Obergeschoss Filmmaterial über ihn ansehen.

Bis 16. Juli Neubau und Girard-Villa. 27. August bis 5. November nur Girard-Villa. Vernissage Samstag, 10. Juni 16.30 Uhr.