Im Kindergarten Hohlen sieht es komplett anders aus, als man sich dies von einem «normalen» Kindergarten gewohnt ist. Statt sauber aufgestellter Tische und Stühle und ordentlich aufgeräumter Spielsachen wie Puppen, Spielzeugautos, Schaukelpferden und anderen Dingen herrscht ein auf den ersten Blick heilloses Durcheinander. Die Tische sind umgekippt, mit Tüchern bedeckt, in einer Ecke liegen alte Karton-Pappschachteln, die Stühle sind aufeinandergestapelt. Auf dem Boden liegen Kissen, Matten, auf denen die Kinder herumtollen oder liegen, Harassen sind in Reih und Glied aufgestellt, ohne dass Material drin wäre, Schnüre und Seile liegen herum.

Was fehlt, sind Spielsachen. Diese wurden vor zweieinhalb Monaten gemeinsam weggeräumt. Und sie werden erst in zwei Wochen wieder aus dem Abstellraum hervorgeholt.

Erstmals in Grenchen

Die Idee ist nicht neu, wird allerdings in Grenchen zum ersten Mal in die Praxis umgesetzt. Das Ganze geschieht im Rahmen eines Projektes der Suchthilfe und Prävention Solothurn, welche den Versuch des spielzeugfreien Kindergartens auch schon in Solothurn gemacht hat. Auch in anderen Kantonen wurden ähnliche Projekte durchgeführt, alle mit einem gemeinsamen Ziel: In einer Zeit, in der materieller Besitz immer wichtiger und die Welt immer hektischer geworden ist, will man die Kinder wieder dazu bringen, sich miteinander und mit sich selber auseinanderzusetzen, ohne dass Spielzeug «dazwischen steht».

Der Grundgedanke dabei: Kinder sollen dahingehend gefördert werden, dass sie ihre Wünsche besser wahrnehmen und ausformulieren und ihre sozialen Kompetenzen und praktischen Fertigkeiten verbessern können. Statt der Spielsachen steht ihnen nur das Mobiliar, Tücher, Seile, Karton- und andere Abfallprodukte zur Verfügung, aus denen sie dann gemeinsam ihre eigenen Spielsachen kreieren. Aus den Harassen werden zum Beispiel Ställe für Drachen – welche die Kinder dann auch gleich selber spielen. Oder umgekippte Tische werden mit Tüchern in Märchenschlösser oder Burgen verwandelt. Stühle werden in Reih und Glied aufgestellt, so wie in einem Kino.

Es gibt eine Kasse, der Eintrittspreis besteht aus Kartonschnipseln und statt eines Films spielen dann ein paar Kinder eine kleine Geschichte oder singen ein Lied zusammen. Speziell daran: Die beiden Kindergärtnerinnen Iris Trummer und Ariane Schmid bestimmen nicht etwa, was im Kindergarten passiert, es sind die Kinder, die sagen, wo es lang geht. «Das war am Anfang eine grosse Herausforderung, sowohl für uns wie auch für die Kinder», sagt Iris Trummer. Sie seien alle überfordert gewesen. «Es dauerte beispielsweise einen ganzen Monat, bis die Kinder so weit waren, die Tische nicht mehr bloss als Tische zu betrachten, sondern sie auch zu etwas anderem umzufunktionieren.»

Kein normaler Unterricht

Die Kindergärtnerinnen unterrichten nicht, dürfen keine Ideen liefern, so die Idee hinter dem Projekt, sondern unterstützen die Kinder lediglich. Durch die Eigenverantwortung und die Fantasie der Kinder schafft man so ein gutes Umfeld, in dem sie ein gutes Selbstbewusstsein entwickeln. «Es war am Anfang manchmal ziemlich hart, nicht eingreifen zu dürfen», erzählen die beiden Kindergärtnerinnen. Beispielsweise hätten die Jungs Rohre, welche ursprünglich für die Isolation verwendet und die den Kindern nun zur Verfügung stehen, zu Schwertern umfunktioniert und wie wild gegenseitig damit aufeinander losgeprügelt. «Hier nicht einzugreifen, verlangte viele Nerven, aber das Ganze dauerte nicht einmal 10 Minuten und der Kampf war vorbei, ohne Tränen und ohne Gejammer.» Das Schwierigste sei für die Kindergärtnerinnen, das Vertrauen zu haben, dass die Kinder das meiste untereinander selber regeln.

Regeln gibt es doch

Gewisse Spielregeln gilt es allerdings doch zu befolgen: Beispielsweise dürfen die Kinder nicht herumrennen, das wäre zu gefährlich. Weiter dürfen sie Werkzeuge wie Scheren und Klebestreifen benützen, müssen sie aber nach Gebrauch wieder zurücklegen, «es sind eben keine Spielsachen.» Die Kindergärtnerinnen sind auch nicht etwa von ihrer Aufsichtspflicht entbunden, sondern müssen immer den Überblick behalten und dort eingreifen, wo es für die Kinder gefährlich oder schmerzhaft werden könnte. «Es ist auch gar nicht so, dass wir uns jetzt auf die faule Haut legen oder eine ruhige Kugel schieben können», erklärt Schmid.

Im Gegenteil: Sie sei mehr geschafft nach einem Tag spielzeugfreiem Kindergarten als bei Normalbetrieb. «Man ist näher bei den Kindern und hat auch mehr Zeit für sie, aber man muss auch mehr erdulden können.»

Glocke und blauer Stuhl

Und wird es einem Kind zu viel oder stört es sich am Verhalten anderer Kinder, gibt es die Möglichkeit einer Krisenintervention: Das Kind stellt sich auf einen blauen Stuhl und läutet eine Glocke. Alle Kinder setzen sich um den Stuhl herum und das Kind kann nun sein Anliegen vorbringen. «Am Anfang passierte das fast alle 10 Minuten, inzwischen kommt es fast nicht mehr vor.» Wichtig sei hier, dass jedes Kind eben die Möglichkeit erhalte, seine Wünsche oder sein Missfallen auszudrücken und die anderen ihm dabei – mehr oder weniger aufmerksam – zuhören, man gemeinsam eine Lösung findet.

Auf die Frage, ob denn nicht die «normalen» Dinge, die im Kindergarten gelernt werden sollten, zu kurz kommen, meint Trummer: «Die Lehrerinnen und Lehrer der ersten Klasse erwarten nicht Kinder, die Schreiben, Lesen und Rechnen können, sondern Kinder, die selbstsicher sind und ‹wissen, was sie wollen›.» Im Spiel können die Kinder viele lebenspraktische Fertigkeiten erlangen, haben auch mehr Zeit für sich selber.

Positive Rückmeldungen

Die Rückmeldungen der Eltern sind grösstenteils positiv. Viele Kinder spielten nun auch zu Hause anders, bei anderen merke man keine Veränderung. Zum Projekt gehören auch Elternumfragen und Elternabende, an denen Ueli Imhof, der Initiant des Projekts, weitere Informationen geben kann. Viele der Eltern hätten gemeint, jetzt spielten ihre Kinder so, wie sie das früher auch getan hätten: ohne eine grosse Menge an gekauften Spielsachen.