Ich schnalle mich an wie in einem Auto, doch das Gefährt, das mich bald fortbewegen wird, ist ein anderes. «Nun geht es gleich los. Bereit?» «Bereit», kommuniziere ich durch mein Headset. Flugangst habe ich keine, doch ein wenig kribbelt es schon in meinem Bauch.

Wir rollen Richtung Startpiste, ich steuere das Flugzeug, mit meinen Füssen. Ungewohnt. Ein letzter Check mit dem Tower. Meine Fingerspitzen halte ich leicht am Steuerknüppel. Es geht los. Schneller, immer schneller. Und bevor ich es überhaupt fassen kann, lasse ich alles unter mir, vergesse alles. Zunächst kann ich nichts sagen, ich bin einfach überwältigt. Ein Flug über der Heimat steht in keinem Vergleich zu einem Linienflug, zum Beispiel.

Nun bin ich an der Reihe, ich darf das Flugzeug steuern. Ich fliege! Ich ziehe Bögen um die Dörfer unter mir, bestaune die glitzernde Aare. Die Zeit vergeht wortwörtlich wie im Flug und wir landen sachte.

Die frühe Leidenschaft

Um das zu erleben müssen wir nicht einmal weit reisen, denn dieses Geschenk kann man am Flughafen Grenchen bei den Dyslis in ihrer Flugschule erfahren. Nach diesem Flug würde wohl jeder verstehen, warum sich Willi und Suzanne Dysli so wohlfühlen auf dem Flugplatz. Eine Leidenschaft, die schon früh ihren Anfang nahm. Bereits als kleiner Bub bestaunte Willi Dysli, heute Präsident der Segel- und Motorfluggruppe Grenchen, die Flugzeuge in Grenchen.

Direkt nach der Lehre begann er mit dem Fliegen. Er musste sich zunächst für den Segelflug entscheiden, weil sein Lehrlingsbudget noch nicht mehr zuliess, doch er verliebte sich in diese Flugart. Seine gesamte Zeit, Energie und sein Erspartes investierte er in seine Berufung und machte sie im Jahr 1974, nur vier Jahre später, zum Beruf: Er wurde Fluglehrer für Segel- und Motorflug.

Auch seine Frau Suzanne Dysli, Administratorin und Fluglehrerin, teilt diese Passion von klein auf. Ihre Eltern haben die Flugschule mitentwickelt. «Mein Vater war ein Visionär», so Dysli. Und genau diese Einstellung, etwas zu bewirken, teilt sie. Das Ehepaar will sich stets weiterentwickeln. Das heisst nicht, dass alles immer grösser werden muss. Sie wollen halten, was sich bewährt, wollen verbessern und mit der Zeit mitgehen.

Was sie dafür leisten, merkt man schnell. Der Nachwuchs liegt ihnen am Herzen und sie wollen ihnen die Möglichkeit geben, mit dem Fliegen ein wunderschönes Hobby zu haben oder bereits eine Basis für eine Aviatikkarriere aufzubauen beginnen. Mit YES – Young Eagles of Switzerland, können alle 12- bis 18-Jährigen schweizweit kostenlos das Wichtigste über die Aviatik erfahren und sich anschliessend als Pilot versuchen. Nach erfolgter Anmeldung erhalten sie einen Paten oder eine Patin aus einer Fluggruppe in der Nähe.

Ein Grenchner Angebot

Dyslis reichte das noch nicht, YES sollte nicht die letzte Stufe für eine junge Leidenschaft sein. Somit gründeten sie die ACG – Air Cadets Grenchen, ein einzigartiges Angebot. Die Jugendlichen kommen aus der ganzen Schweiz her, um sich ausbilden zu lassen. Als Air Cadet profitiert man von guten Konditionen, ist vor Ort dabei und hilft somit bei der Entwicklung des Flugbetriebs mit und legt die ersten Bausteine für eine vielversprechende Karriere.

Segel- und der Motorflug sind ein anspruchsvolles Hobby, und nur wer wirklich bei der Sache ist, gehört in die Luft. Daher müssen die mindestens 13-Jährigen einen Kurs absolvieren, der sich über drei Jahre erstreckt. Teil davon sind eine Bewerbung, diverse Theorieteile, natürlich viele Flüge, auch solo, und die Abschlussprüfung.

Durch die Liebe zum Fliegen haben Dyslis auch die Liebe zueinander gefunden. Sie teilen eine Leidenschaft, die sie ein Leben lang verbindet, eine Geschichte wie aus einem Liebesroman. Eine Passion, die wohl vererbbar ist: Sie beide haben sie von ihren Eltern erfahren und nun auch an ihre drei Kinder weitergegeben.

Ihr Sohn Andreas Dysli ist mit seinem Vater einer von zwei vollamtlichen Fluglehrern. Er hat mir sein schönes Büro über den Wolken schmackhaft gemacht. Ein Büro, das mich etwas neidisch werden lässt. Und ja, die Freiheit über den Wolken ist grenzenlos, das kann ich nach diesem einzigartigen Flugerlebnis bestätigen.