Carmen Leimer hat die Boutique Ecke Marktstrasse/Kapellstrasse zwar erst vor fünf Jahren übernommen, was aber nicht etwa bedeutet, da sei ein Nobody am Werk: In den Achtzigerjahren arbeitete Leimer in der damals sehr angesagten und weitherum bekannten Boutique «Top Corner» in Solothurn, die Adresse für Jeans schlechthin.

Danach wechselte die Geschäftsfrau zu Ex Libris, war nacheinander Filialleiterin der Filialen Grenchen, Langendorf und Solothurn. Nach einer «Babypause», die rund 10 Jahre dauerte, beschloss sie, einen beruflichen Wiedereinstieg zu wagen, und übernahm die Boutique Olivia. «Ich fand diese Boutique einfach von Beginn an sehr sympathisch. Sowohl von der Lokalität her als auch vom Sortiment.»

Bei «Olivia» finde man Mode für Kundschaft ab 35, in erster Linie für Frauen, auch für solche mit Figur, wie die Inhaberin betont. «Keine Billigware, aber doch erschwinglich», ist ihr Credo. Carmen Leimer legt grossen Wert auf Qualität. Rund 90 Prozent der Lieferanten der im Laden ausgestellten Kleidungsstücke lassen in Europa produzieren – nur bei der Männerlinie liegt der Prozentsatz etwas tiefer.

«Rabe», «Seidel», so die deutschen Marken, die Olivia für Damen führt, die italienischen Marken «Via Appia» und «Appia Due» für Grössen ab 42. «Ascari» und «Zerres», zwei deutsche Hosenfabrikanten, Familienbetriebe seit Jahrzehnten. «Kenny S. macht Mode Grösse 34–48 und bringt fast jeden Monat eine neue Kollektion auf den Markt. Und die ist auch bei mir in der Boutique erhältlich.»

Seit einem Jahr führt Carmen Leimer auch eine Männerlinie, dies auf vielseitigen Kundenwunsch hin. «Lerros» bietet Casual-Mode für den Mann, der keine Krawatte trägt. «Sportlich, elegant und pflegeleicht – das ist wichtig bei Herrenmode. Und Qualität, auch hier zu einem erschwinglichen Preis.»

Kampf ums Überleben

So weit, so gut. Aber auch Carmen Leimer kämpft, und das jeden Tag. «Die ersten zwei Jahre ging der Umsatz nach oben. Seither geht es stetig bergab, und ich kämpfe ums Überleben.» Nur dank einer treuen Stammkundschaft und guten Kundinnen erhalte sie die Motivation, überhaupt noch weiterzumachen. Der Onlinehandel habe das Geschäft unattraktiv werden lassen. «Gegen einen Grosskonzern wie Zalando hast du als kleine Boutique einfach keine Chance.»

Jedes Stück, das sie im Laden anbietet, hat sie gekauft, Kommissionsware gibt es bei «Olivia» nicht. Das bringt Auslagen mit, die grosse Warenhäuser nicht haben, sagt die Geschäftsfrau, die täglich selber im Laden steht. Und die unumwunden zugibt: «Ehrlicherweise müsste ich sagen, im Grunde rentiert es nicht.» Nicht zuletzt, weil auch die Kundschaft in Grenchen sich nicht besonders einkaufsfreudig zeigt. Die Kundenfrequenz in ihrer Boutique lasse zu wünschen übrig.

Dabei lägen die Vorteile auf der Hand: Bei ihr könne die Kundin die Stoffe anfassen, Kleider anprobieren, sich persönlich beraten lassen. «Ich kann durch den direkten Kontakt zu meinen Lieferanten aber auch die versprochene Qualität garantieren: Wenn etwas nicht in Ordnung ist, kann man es in Ordnung bringen, und auch Kundenwünsche können berücksichtigt werden.» Sie habe auch oft einfach ein offenes Ohr für ihre Kunden, denn bei ihr im Laden wolle sie den «Einkaufsstress» vermeiden, den man andernorts manchmal erlebe. «Ich will mir Zeit nehmen für meine Kunden und auf ihre Wünsche eingehen.»

So öffnet sie die Boutique auch nach Ladenschluss, wenn das von berufstätigen Frauen gewünscht wird. «Oder dann organisieren wir gleich eine Ladys-Night mit Cüpli und allem Drum und Dran, wenn ein paar Frauen beispielsweise in Ruhe das ganze Sortiment sichten und anprobieren wollen.» Sie gebe sich wirklich grosse Mühe, alles zu geben, damit sich die Kundinnen wohlfühlten, und sei ausserordentlich flexibel.

Die Modeschauen und Ausstellungen, an denen Carmen Leimer teilnimmt oder die sie mitorganisiert, seien sehr erfolgreich und gut besucht. «Ich versuche, aktiv zu sein und den Grenchnerinnen und Grenchnern mein Angebot sozusagen auf dem Tablett zu präsentieren», nur sei das auch jedes Mal mit einem grösseren finanziellen Aufwand verbunden, weshalb man die Modeschau nur noch im Zwei-Jahre-Rhythmus durchführe.

Potenzial wäre vorhanden

Dass Herr und Frau Grenchner nicht besonders gerne in Grenchen einkaufen, bedauere sie sehr, sagt Carmen Leimer. Denn im Grunde habe Grenchen viel zu bieten und sei eine lebenswerte Stadt mit einem guten Angebot. «Der unverdiente schlechte Ruf, den die Stadt hat, macht es nicht einfacher», sagt sie. Denn das Potenzial sei da, wie beispielsweise die Tatsache beweise, dass Chicorée und Lidl an ihren Grenchner Standorten festhielten.

Insbesondere möchte sie die Politik in die Pflicht nehmen. «Die Politiker müssen sich klar darüber werden, dass eine tote Stadt kein Geld einbringt.» Man könne sich zum Beispiel Martigny im Wallis zum Vorbild nehmen, eine Stadt, ungefähr gleich gross wie Grenchen. Dort habe man Geld in die Finger genommen und eine Innenstadt gestaltet, welche zum Schlendern und Einkaufen einlade – nicht so wie das Zentrum Grenchens.

Viele Dinge seien hier nicht umgesetzt worden. So sei – nur als ein Beispiel – seit langer Zeit die Passage auf dem Zeitplatz zwischen Coop und Centro geschlossen. Weshalb? Ein erster Schritt wäre es, sie wieder in Betrieb zu nehmen. «Sie müsste tagsüber längst offen sein, beleuchtet und gepflegt.» Die Politik müsse aktiver werden, ist die Geschäftsfrau überzeugt. «Denn ich glaube an Grenchen und glaube daran, dass der Kunde auch hier das Einkaufserlebnis sucht.» Das gebe ihr die Motivation, noch weiterzumachen, auch wenn die Zahlen eigentlich eine andere Sprache sprächen.