Wer kennt nicht das Lied von Mani Matter? Auch wenn ich selber «Schtross» sagen würde: auf mich trifft das Lied zu. Meine Strasse geht zum Friedhof, und gäbe es heute noch Umzüge, dann könnte ich zuschauen, wenn einer «mit de Füess vora» vorbeigetragen wird. Wäre ich im 19. Jahrhundert geboren, hätte ich nicht viel weiter zum Friedhof gebraucht: Wie fast überall lag die letzte Ruhestätte bei der Kirche, in Grenchen ab 1870 im Lindenpark. In keltischer Vorzeit wäre ich vielleicht hinter dem Mazzinipärkli gelegen, wo bei einer Überbauung eine Grabstätte entdeckt wurde.

Der Gedanke an Friedhöfe mutet gruselig an, aber irgendwie mag ich sie. Unseren kenne ich seit der Kindergartenzeit, als ich meine Ma begleitete, wenn sie am unteren Brunnen ihre Kanne füllte und die Blumen auf dem Grab ihrer Eltern goss. Ab und zu nehme ich auf einem meiner Spaziergänge den Rückweg über die Friedhofsanlage, und dreimal im Jahr besuche ich ihn offiziell: Am Muttertag, am Geburtstag und am Todestag meiner Ma führt mich mein Weg an ihr Grab zum Urnenfeld am östlichen Friedhofstrand.

Ich tue es gern, aber jeder Friedhofsbesuch macht mir – wie der tägliche Blick in die Todesanzeigen – bewusst, dass mein Leben wahrscheinlich mindestens zur Hälfte vorbei ist. Wer weiss? Vielleicht habe ich nicht einmal mehr zehn Jahre. Mani Matter hatte die nicht, nachdem er sein Friedhofs-Lied geschrieben hatte; 1967 erschien die LP, und Ende November 1972 starb der Liedermacher mit nur 36 Jahren bei einem Autounfall.

Aber ich will es machen wie er und nicht mit Angst auf das «tannige letztsche Chleid» schauen, sondern mich freuen, dass «mis Bett vorläufig no ke Houzdechu het». Und ich will daran denken, dass die meisten an ihrem Lebensende nicht bedauern, zu wenig gearbeitet haben, sondern an ihre Lieben denken. Morgen jährt sich der Geburtstag meiner Ma. Ich werde dem Friedhof den traditionellen Besuch abstatten, und danach fahre ich nach Olsberg und besuche meine Schwester. Die Beziehungspflege gehört nicht zu meinen Stärken – dafür bin ich zu eigenbrötlerisch – aber ich will nicht plötzlich bereuen, dass ich zu lange gewartet habe. Und für alle, die jetzt auch daran denken, sich wieder mal mit Freunden und Familie zusammenzusetzen, habe ich einen sonntäglichen Ausgehtipp: Hockt (genau so!) euch morgen Abend zusammen vor das «Baracoa» und feuert die Schweizer gegen Brasilien an. In diesem Sinne: Hopp Schwyz!