Zwei Jahre seiner Studienzeit verbrachte Pierre-Luc Sylvestre in Lausanne – durch das Austauschprojekt Erasmus. Damals hat er die Schweiz und Europa kennen gelernt und viele Freunde gefunden, die sich auf die ganze Schweiz verstreuen. Sogleich hat er sich zum Land mit den Alpen hingezogen gefühlt.

Es sollte nur ein paar Jahre dauern, bis er seiner Partnerin und heutigen Ehefrau, die die Schweiz auch bereits kannte, nach seinem Masterstudium und dreijähriger Arbeitstätigkeit eröffnete, sich in der Schweiz eine Stelle suchen zu wollen. «In Quebec wäre es sehr schwierig gewesen eine Zukunft aufzubauen, die meine beruflichen und privaten Interessen vereint hätte. So lieben meine Frau und ich beispielsweise die Berge und um in Kanada dort hin zu fahren, braucht es fünf Stunden.»

Ihnen sei es sehr wichtig, viel Sport zu treiben: Zu wandern, Ski und Velo zu fahren sowie zu klettern. Dazu sei es so, dass das System in der Schweiz tadellos sei und funktioniere. Sylvestre: «Ich weiss nicht, ob den Schweizerinnen und Schweizern bewusst ist, was für ein Glück sie haben.»

Mit offenen Armen empfangen

Als er eine Stelle als Ingenieur in der Firma Stryker in Selzach fand, wartete gleich die nächste Überraschung. «Kaum erzählte ich diese Neuigkeit, sagte mir meine Frau, dass sie schwanger sei.» Sogleich hätten sie geheiratet; ein paar Monate später erfolgte der Umzug nach Grenchen, zunächst in eine Wohnung, später in ein Haus nahe am Grünen.

Das ist nun neun Jahre her. Sie seien hier mit offenen Armen empfangen worden. «Es ist überraschend, wie freundlich und hilfsbereit alle sind.» Die beiden Kinder wurden in der Schweiz geboren und sprechen neben dem kanadischen Französisch perfekt Schweizerdeutsch. «Da haben sie uns etwas voraus», so Sylvestre, der sich in mehreren Deutschkursen die Deutsche Sprache angeeignet hat; Schweizerdeutsch zu verstehen, bereite ihm aber nach wie vor sehr Mühe.

Die Schweiz als Ganzes leben

Grenchen sei traumhaft. «Es gibt zwei Bahnhöfe hier, man kommt fast überall schnell hin, auch in die Berge, die Gegend ist wunderschön.» Hier zu leben, hiesse, die Schweiz als Ganzes zu leben. «Wir sind faktisch nicht aus Kanada ausgezogen, sondern wir sind in die Schweiz gekommen.» Es fange bereits beim Alltag der Kinder an, die beispielsweise einen Schwimmkurs und einen Tanzclub besuchen oder ihren Schulabschluss im Wald feiern. «Als Eltern muss und will man diesbezüglich natürlich informiert sein.» Es würden zudem viele Freunde hier leben, teilweise schweizerisch-kanadische Ehepaare. Alles mitzuerleben, hiesse auch, in Vereinen aktiv zu sein. Schon von Kindesbeinen an spielte Sylvestre Eishockey. Um dieses Hobby weiter auszuleben, hat er sich einen Eishockeyclub gesucht und diesen in Obergerlafingen gefunden.

Schweizer werden- warum nicht?

Dabei hat ihn zweierlei beeindruckt. «In Kanada gibt es auch viele Clubs, aber ein so dichtes Netz an Vereinen gibt es dort nicht. Und in der Schweiz ist es nicht unüblich, dass Mitglieder mit dem Verein alt werden und sich Jahrzehnte lang für ihn engagieren.» Sylvestre und seine Familie gehen zudem die Schweiz entdecken. Fast jedes Wochenende steht ein Ausflug an – an einen noch unbekannten Ort.

Kein Dorf wird ausgelassen. Sylvestre konsultiert sowohl kanadische als auch Schweizer Medien. Er könne sich vorstellen, später den Schweizer Pass zu beantragen und damit die Möglichkeit zu erhalten, an den Abstimmungen teilzunehmen. «Aber dafür muss ich meine Deutschkenntnisse noch verfeinern und noch länger in Grenchen leben», zieht er das Fazit mit einem Lächeln.

Abertausende Seen

Wenn Sylvestre von Kanada spricht, schwärmt er von den abertausenden Seen. Es sei das Einzige, was ihnen etwas fehle. Im Winter seien viele Seen gefroren und es wird Schlittschuh gefahren. «Im Winter höre ich hier immer wieder, wie kalt es doch gerade sei. Dann muss ich oft grinsen, weil in Kanada ist im Winter -40 Grad normal.» Auch erwähnt er die vielen Festivals. Im Sommer gebe es in vielen Städten jede Woche eines. «Es gibt zum Beispiel ein Jazzfestival und ein Humorfestival in Montreal.» Am «International des Feux» in Quebec werde zwei Mal die Woche einen ganzen Monat lang Feuerwerk gezündet. Auch Karneval wird in Kanada gefeiert, sowie Halloween.

Spezifisch Kanadische Traditionen würden sie eigentlich in der Schweiz nicht pflegen, meint er - ausser zum Kochen oft selbst gemachten Ahornsirup eines kanadischen Onkels verwenden. «Die Mentalität der Schweiz und Kanada und vieles mehr ist zwischen den beiden Ländern ohnehin sehr ähnlich», beschreibt Sylvestre. «Eine Frau, der ich hier begegnete, sagte mir, diese beiden Länder seien genau gleich, Kanada sei einfach grösser. Ich denke, mit diesem Vergleich hat sie zum grossen Teil Recht.»