Stadtbummel Grenchen
HU-HU-HU

Brigitte Stettler
Brigitte Stettler
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Ich hatte mir fest vorgenommen, in meinem heutigen Stadtbummel nicht über die Fussball-WM zu sprechen. Ganz Grenchen ist ballverrückt, ach was heisst Grenchen, überall ist Fussball das Thema Nummer eins. Also macht es überhaupt keinen Sinn, an dieser Stelle auch noch «umezbällele». Doch wie es sich mit guten Vorsätzen so verhält, sie werden ab und zu gebrochen nach dem Motto: «Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.» Denn Tatsache ist, ich gestehe es mit schamrotem Kopf, dass ich seit vierzehn Tagen vor dem Fernseher klebe, mir fast jeden Match anschaute und das sehr wahrscheinlich bis zum Finale noch tun werde. Nicht-Fussballfans haben absolut recht, wenn sie sagen, dass es ja wohl nicht angehe, bei so schönem und warmem Wetter in der Stube zu sitzen, elf Mannen zuzuschauen, wie sie verzweifelt einem einzigen Ball hinterherjagen. Aber den unzähligen Public Viewings sei Dank, ich kann mich beispielsweise ins Baracoa oder in eine andere Location setzen, eine Kleinigkeit essen und trinken, um zusammen mit anderen fussballverrückten Menschen eine Mannschaft anzufeuern.

Apropos Mannschaften: Ich mag die Isländer. Nicht etwa deshalb, weil diese technisch einmaligen Fussball spielen, nein, weil sie, zusammen mit ihren Zuschauern und den beinahe vollständig versammelten Fans zu Hause ein friedliches Fussballfest feiern, egal ob sie gewinnen oder nicht. Doch, sie gefallen mir, diese Wikinger und ein fröhliches HU-HU-HU samt Händegeklatsche soll sie wieder sicher auf ihre Insel zurückbegleiten, nachdem sie in der Vorrunde ausgeschieden sind. Diese Mannschaft erinnert mich irgendwie an die Grenchner, die bisweilen ebenfalls zu einer gewissen Ruppigkeit neigen, ins Abseits gedrängt werden, Verwarnungen einstecken müssen, um sich immer wieder aufzurappeln, sich neu erfinden. Ich erinnere kurz an die letzte Gemeindeversammlung, als ein Redner seinen politischen Gegner in einer Weise persönlich diffamierte. In diesem Fall hätte ich noch so gerne eine rote Karte gezückt, was einen sofortigen Platzverweis nach sich gezogen hätte.

Genau solche Situationen sind tunlichst auch beim Fussball zu vermeiden, fair und freundschaftlich sollte ein Match sein, auch wenn dieses Vorhaben in der Hitze des Gefechts jeweils nur bedingt gelingt. Ertappe ich mich auch selber bei nicht ganz salonfähigen Zwischenrufen, werde laut und lauter, schlage meine Hände über dem Kopf zusammen, laufe hin und her und auf und ab, als ob ich’s bezahlt bekäme.

Jetzt, wo wir Schweizer das Achtelfinale erreicht haben, wir uns beinahe als Weltmeister fühlen, ist es mir unmöglich, mit dem Fussballschauen aufzuhören. Ab Mitte Juli wird alles anders sein. Ich werde mir ganz viel Zeit nehmen, um aufwendig zu kochen, mit Freuden alle Themen vermeiden, die auch nur das Geringste mit Fussball zu tun haben, und mich vorzugsweise im Freien aufhalten. Die vielen grossartigen Grenchner Festivitäten, die wir noch vor uns haben, finden fast alle draussen statt, darauf können wir uns freuen mit einem letzten lauten HU-HU-HU!