Gehen Grenchner noch ins Kino? Im Zeitalter von Netflix, Hulu und Konsorten haben Filmpaläste auch bei uns an Anziehungskraft verloren. Immerhin sind uns das «Palace» und das «Rex» erhalten geblieben, in denen auch ich das erste Mal Kinoluft geschnuppert habe. Und nächste Woche heisst es für mich wieder mal Popcorn und Pausencornet, denn mit «ES» kommt die Neuverfilmung des Horrorbuchklassikers von Stephen King auf die Leinwand.
Diesen Schinken habe ich mit zarten 16 Jahren fasziniert verschlungen, aber komischerweise ist er mir trotz Riesenspinnen und kiloweise herausquellender Hirnmasse nicht als Horrorgeschichte in Erinnerung geblieben, sondern als Liebeserklärung an Freundschaft und an die mystisch aufgeladenen Orte unserer Kindheit.

Diese mystischen Orte sehen für andere oft völlig gewöhnlich aus. Meine waren der «Steinliweg» hinter dem damaligen Coop im Karl-Mathy-Quartier, wo ich mir die schönsten Kiesel herauspickte, und die kurze Wegstrecke am Bodenrain, wo wir nach dem Kindergarten an den Steinquadern der Bildhauerei Krebs vorbeischlichen, voller Angst vor dem Grauen, das dort lauerte. Das Grauen war in Wahrheit ein enthusiastischer schwarzer Neufundländer, aber wir konnten Freude und Mordlust noch nicht unterscheiden und rannten schreiend vor ihm davon.

Seit sechseinhalb Jahren wohne ich wieder in Grenchen, nur einen Steinwurf entfernt von meinen Kindheitserinnerungen. Doch die mystischen Orte gibt es so nicht mehr. Der Coop wurde zum Denner, die «Steinli» sind unter Asphalt verschwunden, und der Hund dürfte nicht mehr leben. Dafür offenbaren mir andere Orte den Zauber, der ihrer eigenen Geschichte entspringt. Wie Bibliothekar Mike Hanlon in «ES» bestaune ich meine Stadt gern durch die Linse der Jahrhunderte.

Was hat einst Pilgerscharen ins «Chappeli» geführt? Wie hat es getönt, wenn Opernsänger Josef Schild auf dem Schildhaus-Balkon an der Rainstrasse ein Ständchen gab? Solche Fragen stelle ich mir. Gleichzeitig begeistert mich die heute noch blühende Tat- und Erneuerungskraft, die auf den Fundamenten der Vergangenheit immer wieder Neues entstehen lässt. Ich freue mich am seit einigen Jahren neu erblühten Restaurant «Chappeli», an den Projekten, die mithilfe von Stiftungen wie Däster-Schild in Grenchen möglich werden, und an den Anlässen, die dieser Grenchner Tatkraft in den letzten Jahren entsprungen sind. Und natürlich an unseren Kinos, in denen ich mir ab und zu einen wohligen Schauer über den Rücken rieseln lasse. Wer kommt mit?