Grenchen
HIV, Spitalkeime und Organspende: Mythen und Fakten der Notfall-Medizin

Wolf G. Hautz, Oberarzt am Inselspital, diskutierte mit dem Grenchner Publikum über Mythen in der Medizin.

Patric Schild
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Der Oberarzt empfiehlt, das Thema Organspende mit den Angehörigen zu besprechen. (Symbolbild)

Der Oberarzt empfiehlt, das Thema Organspende mit den Angehörigen zu besprechen. (Symbolbild)

Keystone

In kaum einem anderen Wissenschaftsbereich sind Mythen so resistent wie in der Medizin. Bei den Medien, der Bevölkerung und teilweise sogar beim medizinischen Personal selbst, halten sich hartnäckig Ansichten, welche von der Realität oftmals weit entfernt sind. Dr. Wolf G. Hautz, Oberarzt am Universitären Notfallzentrum des Inselspitals in Bern, ging drei Themenbereichen im Rahmen der Erwachsenenbildungs-Anlässe der römisch-katholischen Kirche im Eusebiushof, auf den Grund.

Hautz referierte aber nicht nur, sondern gab den Teilnehmenden auch die Gelegenheit untereinander zu diskutieren und somit ihre persönlichen Ansichten kritisch zu hinterfragen.

Sehr empfindlicher HIV-Test

«Wenn ihr HIV-Test nach einer Blutspende positiv ist – haben Sie dann HIV?» Lautete der erste Themenbereich. Nein, war sich die Zuhörerschaft einig. Eine zweite Untersuchung muss her, um Gewissheit zu erlangen. Und auch der Experte pflichtet bei. Von 10 000 Menschen in der Schweiz, ist einer HIV-positiv und 9999 sind gesund. Jedoch erhalten von diesen 9999 Gesunden nur 9998 einen negativen Bescheid. «Und genau dieser eine ist das Problem, denn somit liegen die Chancen bei den beiden mit dem positiven Bescheid jeweils 50:50», sagt der Oberarzt.

Wolf G. Hautz, Oberarzt am Universitären Notfallzentrum des Inselspitals in Bern, zum Thema Organspende

Wolf G. Hautz, Oberarzt am Universitären Notfallzentrum des Inselspitals in Bern, zum Thema Organspende

Manuel Kurth

Der Grund dafür ist, dass die Empfindlichkeit solcher Tests enorm hoch ist. «Der Test schlägt eher einmal zu oft zu, als einen tatsächlich Infizierten zu übersehen», so Hautz. Dies sei jedoch keine Eigenschaft des Tests, sondern eine Eigenschaft, welche die Häufigkeit bzw. Seltenheit der Krankheit betrifft. Das heisst, dass bei der Suche nach seltenen Krankheiten wie HIV ein positiver Test noch nicht viel aussagen muss und daher weitere Untersuchungen unabdingbar sind.

«Spitalkeime»: Verkehr ist 200-mal gefährlicher

Die zweite Thematik beschäftigte sich mit der Bedrohlichkeit von Krankenhauskeimen. Ein Themenbereich der gerne von den Medien ausgeschlachtet wird, wie der Oberarzt erläuterte. In Schweizer Krankenhäuser werden pro Jahr rund 1.4 Millionen stationäre Fälle behandelt. Davon entwickeln während des Aufenthalts 70 000 Patienten neue Infekte, was einer Infektionsrate von 5 Prozent entspricht. Das Hauptproblem stellen hochresistente Keime dar, welche der Mensch durch den Verzehr von Fleisch zu sich nimmt.

Grund dafür sind die Antibiotika, die bei der Tierzucht eingesetzten werden, wodurch die Resistenz der Keime wächst. Diese werden dann entweder von Patienten, Besuchern oder dem medizinischen Personal im Krankenhaus verbreitet. Das alleine stellt allerdings noch keine allzu grosse Gefahr dar, solange der Körper über eine intakte Keimflora verfügt. Diese wird aber durch die antibiotikahaltigen Behandlungen im Krankenhaus geschwächt, was die Infektion schlussendlich bedrohlich machen kann. Die tatsächliche Todesrate liegt schliesslich bei 0.15 Promille. Hautz versinnbildlichte dies mit einem Beispiel: «Das bedeutet, dass es
200-mal wahrscheinlicher ist bei einem Verkehrsunfall zu sterben, als durch einen Krankenhauskeim.»

Organspende: Vorher reden

Wann kommt eine Person als Organspender infrage? Grundsätzlich gilt in der Schweiz: Wer einen Organspenderausweis besitzt. Jedoch: «In 95 Prozent aller Fälle hat der Patient weder etwas dokumentarisch festgehalten noch mit Angehörigen darüber gesprochen», so der Oberarzt. In diesem Fall müssen die Angehörigen entscheiden, was mit den Organen des Verstorbenen geschieht. Zu diesem Zeitpunkt eine höchst unangenehme Situation für alle Beteiligten: «Kaum haben die Angehörigen vom Tod eines geliebten Menschen erfahren, werden sie mit solch einer Entscheidung konfrontiert.»

Denn den Ärzten bleibt nur eine kurze Zeitspanne, um die Organe noch entnehmen zu können, wodurch schnelles Handeln angesagt ist. Der Experte rät daher, immer wieder über die persönliche Auffassung zur Organspende mit den Angehörigen zu reden, um diesen nach dem Ableben nicht noch eine weitere Bürde aufzuladen.