Restauration
Historischer Hängegleiter ist bald wieder flugtüchtig

Der Bettlacher Thomas Fessler restaurierte ein Fluggerät aus den Anfängen des Segelfluges.

Peter Brotschi
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Thomas Fessler (links) arbeitet zusammen mit Markus Müller an der Restaurierung des historischen Hängegleiters.

Thomas Fessler (links) arbeitet zusammen mit Markus Müller an der Restaurierung des historischen Hängegleiters.

Res Stotzer

Ohne Fluglehrer gleich von Beginn weg selber pilotieren, ist dies möglich? In der Frühzeit des Segelflugs funktionierte dies über zwei Jahrzehnte lang. Das Fluggerät dazu war ein Schulgleiter, der im allgemeinen Sprachgebrauch mit «Zögling» bezeichnet wird. Auch auf dem Flughafen Grenchen waren mehrere solche Schulgleiter im Einsatz. Ein Exemplar hat die Zeit überdauert und soll bald wieder fliegen.

Der Bettlacher Thomas Fessler ist nicht nur Schreinermeister und Gemeinderat, sondern auch ein anerkannter Restaurator von Oldtimer-Segelflugzeugen. Bei einem Vortrag im Kultur-Historischen Museum in Grenchen stellte er sein letztes Projekt vor: Den Wiederaufbau eines Schulgleiters aus den 1940er-Jahren. Der AeCS -Zögling (AeCS steht für Aero-Club der Schweiz) mit der Registrierung HB-429 stand früher in den Diensten der Segel- und Motorfluggruppe Grenchen und lagerte dann jahrzehntelang im Keller des Schulhauses Kastels und in der Heizzentrale des Schulhauses IV, bevor ihn Thomas Fessler zu einem symbolischen Preis von der Stiftung Museum Grenchen übernahm und in den letzten Jahren wieder flugtüchtig restaurieren liess.

Gerät zur Nachwuchsförderung

Zögling steht symbolisch für den Zweck dieses Flugzeugs, der Förderung des fliegerischen Nachwuchses. Auf solchen Schulgleitern wurden die Segelpiloten ausgebildet, bevor es zweisitzige Schulflugzeuge gab (siehe Kasten).

Brüche kamen oft vor

Alexander Lippisch und Fritz Stamer konstruierten den ersten Zögling im Jahr 1926. Auf seiner Basis entstanden auf der ganzen Welt Nachbauten dieses Schulgleiters. Es wird geschätzt, dass es wohl rund 50 Variationen gegeben hat. Darunter eben auch der AeCS-Zögling in der Schweiz. Die angehenden Pilotinnen und Piloten setzten sich auf den «Besenstiel», wie der Gleiter auch spöttisch genannt wurde. Zuerst wurden sie mit Seilwinden über den Boden geschleift, damit sie die Wirkung des Querruders ausprobieren und das Flugzeug waagrecht halten konnten. Dann ging es einen Meter über Boden und schliesslich immer höher, bis die verschiedenen Prüfungsstufen zum Segelflugbrevet abgelegt werden konnten. Brüche und Abstürze kamen oft vor, aber meist überlebten die Piloten dies mit leichteren Verletzungen. Die Ausbildung mit doppelsitzigen Segelflugzeugen kam zu Beginn der 1950er-Jahre auf und löste den Zögling ab. (pbg)

Thomas Fessler schlug in seinem Vortrag einen Bogen zurück in die Anfänge des Segelflugs, die noch vor dem Ersten Weltkrieg begannen. Aber die Flieger interessierten sich damals mehr für die Entwicklung des motorisierten Fluges. Der Grundstein zum heutigen Segelflugsport wurde mit dem Versailler Vertrag im Sommer 1919 gelegt: Der Vertrag verbot, dass in Deutschland Motorflugzeuge gebaut und betrieben werden durften. Die Deutschen halfen sich damit ab, in dem sie sich dem motorlosen Flug verschrieben. Ab 1920 wurden regelmässig Wettbewerbe auf der Wasserkuppe in der Rhön durchgeführt, die seither als Wiege des Segelflugs gilt. Grosse Entwicklungsarbeit leisteten damals die Akademischen Fliegergruppen der deutschen Universitäten; sie sind auch heute noch treibende Kräfte in der Segelflug-Forschung.

Fessler zeigte auf, dass der Grenchner Zögling gemäss den Akten im Bundesarchiv von der Flugtechnischen Zentrale Belpmoos gebaut und am 11. Oktober 1944 eingeflogen wurde. Zuerst war er bei der Schweizerischen Segelflugschule Bern im Einsatz und kam am 23. Juli 1948 nach Grenchen. Am 11. November 1952 wurde der Zögling vom Bazl exmatrikuliert und definitiv stillgelegt. Bis zur Schenkung an die Stiftung Museum Grenchen blieb er zuerst im Hangar der Segel- und Motorfluggruppe Grenchen. Dann kam eben die Episode in den Schulhäusern.

Seit 2011 in Arbeit

Zuerst musste Thomas Fessler den Gleiter wieder akklimatisieren: «Das Holz war von der jahrelangen Lagerung in der Heizzentrale trocken wie Tannenreisig», erklärte der Referent. «Drei Jahre lang hat es wettergeschützt an der frischen Luft die natürliche Luftfeuchtigkeit wieder aufnehmen können.» Im Jahr 2011 sei es soweit gewesen: Thomas Fessler konnte den Zustand des Zöglings und die Leimstellen definitiv beurteilen. Er entschied sich, die Restaurierung in Angriff zu nehmen. Mit Werner Roth und Hans Rothenbühler gewann er zwei erfahrene Flugzeug-Restaurateure, die in Weinfelden mit ihrer Arbeit begannen. Beide verstarben aber in den Jahren 2012 und 2017, sodass Fessler den Zögling nach Selzach überführte, wo die Arbeiten in einem Baulokal fortgesetzt wurden. Res Stotzer, Markus Müller und Marius Fink sprangen in die Lücke und halfen bei der Fertigstellung. Nun steht der Grenchner Schulgleiter vor der Abnahme. Zu hoffen ist, dass er bald im Flug bestaunt werden kann.