Flughafen Grenchen
Historischer Flug: Gedenken an die Notlandung vor 75 Jahren

Das heute in Grenchen stationierte historische Flugzeug Stinson L-5 Sentinel wurde am 12. Oktober 1944 angeschossen.

Peter Brotschi
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Kuno Gross hat die Geschichte der Stinson L-5 Sentinel und ihrer Besatzung in einem Buch aufgearbeitet.

Kuno Gross hat die Geschichte der Stinson L-5 Sentinel und ihrer Besatzung in einem Buch aufgearbeitet.

Peter Brotschi
Gedenkflug an Notlandung Grenchen

Gedenkflug an Notlandung Grenchen

Peter Brotschi

Der Zweite Weltkrieg, zwei Amerikaner, ein Flugzeug und ein Treffer in die Benzinleitung: Das sind die Zutaten, die am 12. Oktober 1944 zu einer Notlandung in der Ajoie führten. Das Flugzeug ist die Stinson L-5 Sentinel A-96/HB-TRY, das heute auf dem Regionalflughafen Grenchen stationiert ist. Exakt 75 Jahre später kam es mit diesem Originalflugzeug zu einem Gedenkflug über dem Ort des Geschehens.

Zugegeben: Es ist in der Ajoie aus der Luft nicht leicht zu erkennen, wo die Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich verläuft. Das merkte auch eine amerikanische Besatzung, als sie am 12. Oktober 1944 mit einem Verbindungsflugzeug, der Stinson L-5 mit der Nummer 42-99186, aus der Nähe von Épinal in Lothringen, unweit der deutsch-amerikanischen Front, auf einem Flug nach Dole-Tavaux unterwegs war.

Dorthin, zur 315. Fighter Squadron der US-Luftstreitkräfte, sollte es aber nie mehr gelangen. Der Pilot Roy G. Abbott und der Flugzeugmechaniker Robert H. Hubbard verfranzten sich in der Geografie, kamen vom Kurs ab, gerieten über die Frontlinie, wurden von der deutschen Fliegerabwehr beschossen, flogen bei Bure in die Eidgenossenschaft ein, wurden auch von Schweizer Soldaten beschossen und machten dann beim Hof Vacherie dessous in der heutigen Gemeinde Haute-Ajoie eine Notlandung. Ein Treffer hatte die Benzinleitung beschädigt.

Exakt am 75. Jahrestag der Notlandung wurde ein Gedenkflug über der Notlandestelle in der Ajoie organisiert. Dabei flog die dunkelblaue Antonov An-2 ab Grenchen zusammen mit dem «Jubiläumsflugzeug» über den Hof Vacherie dessous, der in der Schweizer Landeskarte westlich des heutigen Flugplatzes Bressaucourt eingezeichnet ist. Geflogen wurde die Stinson von Paul Misteli, Chefpilot des Grenchner Vereins Hangar 31 und Flugplatzleiter von Biel-Kappelen. Mit von der Partie an dieser Jahrestag-Feier war auch der Swiss Wing der Commerorative Air Force (CAF), der die zweite Stinson L-5 in der Schweiz betreibt. Dieses Flugzeug kam dafür vom Birrfeld nach Grenchen.

Die Stinson L-5 wurde nach der Notlandung bei der Schweizer Luftwaffe als A-96 in Dienst gestellt und mit dem rot-weissen Neutralitäts-Anstrich versehen. Alle Schweizer Flugzeuge erhielten diese auffälligen Farben, nachdem am 4. September 1944 über Zürich zwei Messerschmitt-Me-109-Jagdflugzeuge der Fliegerkompanie 7 von zwei US-Jägern abgeschossen wurden, wobei der Solothurner Forstingenieur und Militärpilot Paul Treu tödlich verwundet wurde. Ebenso wurden zwei C-3603 der Fliegerkompanie 11 in der Ajoie in einen Luftkampf mit amerikanischen Flugzeugen verwickelt. Mit dem neuen Anstrich erhielten die Flugzeuge die typische weisse Nase.

Das wertvolle Flugzeug ist seit 2006 in Grenchen

Nach dem Krieg wurde die Stinson den USA zurückgegeben und stand in Bern-Belp im Einsatz für den amerikanischen Botschafter. Später schleppte dieses Flugzeug mit der zivilen Registrierung HB-TRY Segelflugzeuge in Belp und in Thun, bevor es Ende 1968 eingemottet wurde. 1979 wurde das Wrack von Hansruedi und Christoph Dubler vom Antonov Verein Schweiz erworben. Seit 2006 fliegt die Stinson nach einer in Ungarn erfolgten Totalrestaurierung wieder in den Farben der Schweizer Luftwaffe von 1944. Das wertvolle historische Flugzeug ist seither in Grenchen stationiert. Der Autor Kuno Gross aus Otelfingen (ZH) arbeitete die Geschichte dieser Stinson und ihrer Besatzung (siehe Kasten) in einem Buch auf.

Was geschah mit den damaligen Piloten?

Pilot Roy Abbott und sein Passagier Robert Hubbard flüchteten nach der Notlandung in den nahen Wald, weil sie glaubten, hinter der deutschen Front zu sein. Sie wurden von Schweizer Soldaten gefangen und am folgenden Morgen der Heerespolizei in Pruntrut übergeben. Man glaubte den beiden nicht, dass sie eine Flugzeugbesatzung sind, sondern man hielt sie für Kriegsgefangene, die aus einem deutschen Lager entwichen sind. So wurden sie dem Territorialkommando 4 in Olten übergeben, wo man sie am

14. Oktober nach Deutschland ausschaffen wollte (!). Der Nachrichtendienst der Schweizer Luftwaffe zog aber den richtigen Schluss aus dem in der Ajoie aufgefundenen amerikanischen Flugzeug ohne Besatzung und der Besatzung ohne Flugzeug, worauf Abbott und Hubbard eingehend befragt wurden. Der 21-jährige Roy Abbott aus Alabama war Jagdpilot auf P-47 Thunderbolt in der 315. Fighter Squadron und war zum Flug mit dem Verbindungsflugzeug Stinson L-5 befohlen worden. Der 24-jährige Robert Hubbard aus Connecticut war Chef einer Mechanikergruppe in der gleichen Staffel. Der Offizierspilot sollte in Davos interniert werden, der Unteroffizier Hubbard im Berner Oberland in Adelboden. Zuvor kamen die beiden aber noch in ein Lager bei Genf, wo sie dann zur wenige Kilometer entfernten französischen Grenze flüchteten. Das Kriegstagebuch der 315. Staffel meldet am 28. Oktober 1944, dass die beiden wieder glücklich bei ihrer Einheit angekommen sind. Beiden überlebten in der Folge auch den Krieg. (pbg)