Heute fliegen ab Flughafen Grenchen täglich Schülerinnen und Schüler von Swiss Aviation Training, also der Pilotenschule der Swiss. Die Ausbildung von Verkehrspiloten hat in Grenchen Tradition. Schon vor 70 Jahren fanden in Grenchen Kurse für Piloten statt, die in die Transportfliegerei einsteigen wollten. Einer von ihnen verlor dabei sein Leben.

Der 29-jährige Pilot Arthur Ritzi aus Zürich absolvierte bei der Fliegerschule Grenchen die Ausbildung zum Transportpiloten. Der Bankbeamte war 1941 zum Militärpiloten brevetiert worden, schied aber 1943 wieder aus dem militärischen Flugdienst aus.

Im März 1946 begann er in Grenchen die Schulung, um in die Verkehrsfliegerei einzusteigen, und liess sich auch in der Uhrenstadt nieder. Er legte die theoretischen und praktischen Prüfungen erfolgreich ab, verpasste aber die Ziellandungen. Diese Prüfung sollte am 15. Juni 1946 endlich nachgeholt werden.

Voll beladen gestartet

Am Vormittag des 13. Juni 1946, ein Donnerstag, trainierten die Transportpiloten-Anwärter die Ziellandungen. Schon um 6.30 Uhr morgens begann der Flugbetrieb. Vor Ritzi flogen drei Anwärter mit der bei den Bayrischen Flugzeugwerken hergestellten Messerschmitt 18 d ihre Platzrunden, dann wurde das Flugzeug in die Halle geschoben, aufgetankt und mit Sandsäcken auf volles Gewicht beladen.

Nach 10 Uhr wurde Maschine wieder aus der Halle gerollt und Arthur Ritzi startete Richtung Westen zu seinem Flug. Das Wetter war sehr trübe und regnerisch, genau wie die Juni-Tage auch in diesem Jahr gewesen sind. Das schwere Flugzeug hob erst kurz vor der Strasse ab. Nach kurzem Geradeausflug legte Ritzi das Flugzeug ungefähr beim heutigen Tennisplatz in die Kurve.

Gegen Ende der Kurve begann es zu schwanken und stürzte dann über die Staadstrasse hinweg in der Flur «Kopplismatten» in ein Rapsfeld. Die Messerschmitt begann sofort zu brennen. Für den jungen Piloten kam jede Hilfe zu spät. Wahrscheinlich verlor er, heisst es im Untersuchungsbericht, schon beim Aufprall sein Leben.

Augenzeuge Werner Gloor

Werner Gloor war eben hinter dem Haus an der Staadstrasse, dem heutigen Gemüsebau Gloor, am Fräsen von Holz. Mit dabei waren sein Vater und der Melker. Gloor kannte das Flugzeug HB-IME, weil ihn die Fliegerei interessierte und er öfters auf dem Flugplatz zu Besuch war.

Der 17-jährige junge Mann beobachtete, dass die Messerschmitt viel tiefer flog als bei den vorherigen Flügen. «In der Kurve, als ich die Maschine von vorn sah, lag sie ziemlich schräg nach innen, mehr als gewöhnlich beim Kurven», gab Gloor noch am gleichen Tag zu Protokoll. Dann sagte er, dass das Flugzeug plötzlich über den linken Flügel geschnappt und auf dem Boden aufgeprallt sei. Während 20 Minuten habe man sich wegen des Brandes der Maschine nicht nähern können.

Werner Gloor ist heute 87 Jahre alt, wohnt in Büren an der Aare und ist nach wie vor oft im familieneigenen Maschinenbau-Unternehmen in Lengnau anzutreffen. Dort erzählt er im Gespräch, dass ihm der Unfall noch lange nachgegangen sei. «Ich bin der Erste an der Unfallstelle gewesen», erinnert er sich, «aber das Flugzeug hat kurz nach dem Aufprall sehr stark zu brennen begonnen.»

Der Geruch des Brandes sei noch lange über dem Weiler Staad gehangen. Vor Werner Gloor liegt ein Buch über das Solarflugzeug «Solar Impuls 2», mit dem Bertrand Piccard und André Boschberg eben die Erde. Das Buch wurde von den beiden Flugpionieren persönlich signiert, was kein Zufall ist: Sein Unternehmen stellte nämlich Präzisionsteile her für «Solar Impulse 2».

So schliesst sich ein Kreis: Der jugendliche Augenzeuge des Absturzes eines Verkehrsflugzeuges der ersten Generation wurde Jahrzehnte später zum Teilelieferant für ein High-Tech-Flugzeug der Superklasse.

Fliegen war damals gefährlicher

Zurück zum Unfall von Arthur Ritzi. Auch auf dem Flugplatz gab es Zeugen des Absturzes. Befragt wurden die Piloten, die vor dem Verunfallten die Messerschmitt geflogen hatten. Einer von ihnen war der Militärpilot Jacques Nauer, der sieben Jahre später, am 19. August 1953, beim Flugplatz Ambri-Piotta bei einem ähnlichen Unfall mit einer C-3603 sein Leben verlieren sollte.

Die Ermittler kamen zum Schluss, dass der Unfall auf Unterschreiten der Minimalgeschwindigkeit zurückzuführen sei. Das Flugzeug sei ohne Sicherheitsmarge zu nahe an der unteren Geschwindigkeitsmarke geflogen worden. Es sei auch denkbar, dass das Flugzeug in der sehr unruhigen Luft durch einen Wirbel unter die kritische Grenze geriet und «abschmierte».

Ein physisches Versagen des Piloten wurde als unwahrscheinlich angesehen. Ritzi sei an diesem Morgen «frisch und aufgestellt» gewesen. Er war auch sportlich und ein guter Eisschnellläufer: 1946 gewann er die Eisschnelllauf-Allround- Schweizer-Meisterschaft.