Generalstreik 1918
Historikerin: «Militärische Fehler kosteten drei Uhrmacher das Leben»

Militärische Fehler haben dazu geführt, dass in Grenchen beim Truppeneinsatz während des Landesgeneralstreiks im November 1918 drei Todesopfer zu beklagen waren. Das sagt die Historikerin Edith Hiltbrunner, bei einem Auftritt in Olten.

Ueli Wild
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Die Vorgänge in Grenchen wissenschaftlich aufgearbeitet: Edith Hiltbrunner.

Die Vorgänge in Grenchen wissenschaftlich aufgearbeitet: Edith Hiltbrunner.

Ueli Wild

Eigentlich sei es paradox, dass es in ausgerechnet in Grenchen Tote gab, sei doch die Lage in Solothurn eher angespannter gewesen als in Grenchen, sagte Edith Hiltbrunner bei ihrem Auftritt vor der Museumsgesellschaft Olten. – Die Oltner Historikerin ging im Historischen Museum weit detaillierter als am 5. Februar bei der Vorstellung ihrer Masterarbeit in der Buchhandlung Schreiber auf die zentrale Frage ein: «Wieso forderte der Truppeneinsatz in Grenchen drei Menschenleben?»

Zweimal wurde in Grenchen der Schiessbefehl erteilt. Drei Uhrmacher wurden dabei von Waadtländer Füsilieren erschossen. Edith Hiltbrunners Befund: Ein militärischer Fehlentscheid habe dazu geführt, dass es zur Schussabgabe gekommen sei. Geschossen worden sei beide Male, als der Zug geteilt unterwegs war. Dies im Widerspruch etwa zum «Entwurf zu einem Reglement über den Besatzungs- und Wachtdienst und das Verhalten bei Unruhen und Aufruhr» aus dem Jahre 1893, wie die Referentin feststellte. Bei Demonstrationen, sei dort festgehalten, müsse das Militär mindestens in Zugstärke auftreten, um Präsenz markieren zu können.

In genügender Stärke, so Hiltbrunner, könne die Truppe mit gefälltem Bajonett oder mit dem Gewehrkolben gegen Demonstranten vorgehen. «Das war in dieser Situation nicht möglich, weil die Soldaten zahlenmässig stark unterlegen waren.» Wollten sie sich durchsetzten, mussten sie von der Schusswaffe Gebrauch machen. Den gleichen Fehler habe Pelet sogar zweimal begangen: «Er hat zweimal den Befehl gegeben, den Zug zu trennen.» Einen Fehler – den Pelet zugab – ortete Hiltbrunner darin, dass er keine Instruktionen für den Waffengebrauch erteilte. Sollten die Füsiliere in die Luft oder doch auf die Menschen schiessen?

Die militärgerichtliche Untersuchung führte freilich zum Ergebnis, die Truppen hätten alles richtig gemacht und sie hätten allen Grund gehabt, zu schiessen. – Der Lerneffekt blieb offensichtlich aus: Der Fehler einer zu schwachen Formation führte auch 14 Jahre später in Genf zu einem fatalen Schiessbefehl, der 13 Zivilisten das Leben kostete.

Edith Hiltbrunner, Generalstreik 1918 in der Region Grenchen-Solothurn, Religion, Politik, Gesellschaft in der Schweiz, Band 57, Fribourg 2012

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