Meinisberg
Hirte ist mit 650 Schafen unterwegs: «Mehr Schnee sollte es nicht geben»

Seit letzten Donnerstag ist ein Hirte mit seiner Schafherde und seinen Eseln in der Gegend unterwegs: Christian Mühlethaler wandert mit 650 Schafen bis Mitte März von Meinisberg bis über den Bucheggberg und durchs Wasseramt ins Gäu und zurück.

Oliver Menge
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Schafherde
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Christian Mühlethaler ist mit 650 Schafen, drei Hunden, zwei Eseln in der Witi unterwegs_01
Christian Mühlethaler und seine Herde von 650 Schafen
Erst von oben ist die Grösse der Herde ersichtlich

Schafherde

Oliver Menge

Schafhirten spielen schon in der biblischen Geschichte eine wichtige Rolle. Laut der Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium sind sie die Ersten, die von der Geburt Jesu erfahren und daraufhin dem Stern nach Bethlehem folgen. In heutiger Zeit haben sie – insbesondere im Nahen Osten – nicht an Bedeutung verloren, wenn auch auf etwas profanerer Ebene: Ihre Herden liefern in erster Linie die von der Bevölkerung benötigte Wolle, Milch und Fleisch.

Seit Jahren sind auch in unserer Region immer wieder Schafhirten unterwegs, oft mit beeindruckenden Herden von mehreren Hundert Schafen. So auch seit letzten Donnerstag der Schäfer Christian Mühlethaler. Seine Herde umfasst 650 Schafe. Begleitet wird Mühlethaler von zwei Eseln und den drei Hunden, welche die Herde zusammentreiben – einem Border Collie, einem jungen Kelpie und einem Mischlingsrüden.

Mühlethaler hat sein Lager für ein paar Tage beim Hornusserhüttli im Eichholz aufgeschlagen, dort steht sein kleiner Wohnwagen. Seine Herde kratzt neben dem Eichholzwäldli die knapp 20 Zentimeter dicke Schneedecke weg, um an das darunter liegende Gras zu kommen. Mühlethaler, der aus Blausee Mitholz stammt, besitzt in Meinisberg einen grossen Stall. Seine Route führt ihn von dort Richtung Solothurn, dann wieder zurück nach Grenchen. «Bei Arch gehe ich dann mit den Schafen über die Aare und ziehe weiter durch den Bucheggberg, das Wasseramt und das Gäu.» Bis Mitte März ungefähr ist er unterwegs, danach geht es wieder zurück nach Meinisberg und später zur Sömmerung auf eine Alp im Diemtigtal.

«Die meisten der Tiere gehören mir, aber ich habe auch Fremde von anderen Bauern mit auf die Reise genommen», sagt der Schafhirte, der nun schon im neunten Jahr jeden Winter im ihm zugeteilten Gebiet unterwegs ist. Der Beruf gefalle ihm, sagt er, auch wenn es nicht immer einfach sei. «Mit der Bschütterei und dem intensiven Ackerbau ist es manchmal nicht ganz einfach, geeignetes Weideland zu finden, aber ich merke schnell, wenn eine Weide mit Jauche gedüngt wurde, denn da fressen die Schafe ganz einfach nichts.».

Mit den Bauern habe er in der Regel keine Probleme, sagt der Hirte. Es komme nur sehr selten vor, dass ihm einer das Wegrecht verweigere. Da sei das Wetter schon eher der Faktor, der ihm die Arbeit erschwere. «Mehr Schnee sollte es einfach nicht mehr geben, sonst haben wir ein Problem», sagt er. Bis jetzt haben die Schafe noch keine Schwierigkeiten, den Schnee wegzukratzen. Das Gras darunter ist nahrhaft und nicht gefroren, die Schafe kriegen genug zu fressen. «Wenn es aber kalt wird, so wie letztes Jahr, dann gefriert das Gras bis ganz nach unten, und das macht die Sache schwierig.»

Auch zu viel Schnee kann zu Problemen führen: Mühlethalers Vorgänger wurde vor etlichen Jahren in der Nähe von Koppigen eingeschneit. Keine Chance, mit der Herde damals auch nur ein paar Hundert Meter weit zu kommen, es lag über ein Meter Neuschnee. Mithilfe der lokalen Bevölkerung, der Solothurner Zeitung und anderer Lokalmedien, wurde Geld für Futter und Heu gesammelt und die Herde konnte das Schlimmste unbeschadet überstehen.

Bubentraum verwirklicht

«Schafhirte zu werden war schon mein Bubentraum», sagt Mühlethaler. Aber ein Zuckerschlecken sei der Beruf nicht. Eine gute Gesundheit sei wichtig: Eigentlich hätte in diesen Tagen einen Praktikanten kommen sollen. «Der junge Mann hat für kurze Zeit bei einem anderen Hirten gearbeitet und bekam vom langen Stehen derart Rückenschmerzen, dass er sich nun entschlossen hat, nicht zu kommen.»

«Man muss auch mit der Einsamkeit umgehen können», sagt Mühlethaler und bricht ein Stück hartes Brot entzwei, die Esel fressen ihm aus der Hand. Denn die Tage sind lang und oft ist nicht viel los. «Dafür habe ich viel Zeit, um über so manches nachzudenken.» Aber er bekomme auch immer wieder Besuch, Leute brächten ihm etwas zu essen oder eine Thermoskanne mit Kaffee oder Tee. Das schätze er sehr, auch die Gespräche.

Seine drei Hunde werden langsam ungeduldig. «Wenn Schnee liegt, bleiben die Schafe für gewöhnlich zusammen, da haben die Hunde wenig zu tun. Mein Jüngster ist noch in der Ausbildung, er kann es kaum erwarten, wieder arbeiten zu dürfen.» Die Hunde haben nicht nur die Aufgabe, die Herde zusammenzuhalten, sondern sind auch Wächter und verhindern unliebsamen Besuch, wie zum Beispiel wildernde Hunde. «Ab und zu kommt es vor, dass ein fremder Hund in die Herde gerät und ein Schaf beisst oder ein Kleines reisst. Aber meist geben meine beiden Esel an, wenn irgendetwas Aussergewöhnliches ist. Sie sind ausgezeichnete Wächter und schlagen Alarm – auch nachts, noch lange bevor meine Hunde etwas bemerken.»

Und wo verbringt Christian Mühlethaler Weihnachten? «Bei den Schafen, selbstverständlich, irgendwo in der Nähe von Leuzigen oder Nennigkofen», meint er schmunzelnd und streift sich die Pellerine über. Es schneit.

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