Angefangen hat alles mit einem Legat von unbekannter Seite. Damit war der Weg frei für die Fortsetzung von Werner Strubs Standardwerk von 1949. Nächste Woche feiert die Stadtgeschichte Vernissage. Wir haben schon jetzt mit dem Projektleiter, Daniel Kauz, gesprochen, über schriftliche Quellen und die Befragung von Zeitzeugen, die Herausforderungen einer Industrie, die vom Mysterium lebt und über Überraschungen, wie sie ein Auswärtiger nur in der Uhrenstadt erleben kann.

Daniel Kauz, wie sind Sie zum Projekt der Stadtgeschichte Grenchen gekommen?

Daniel Kauz: Die Firma, bei der ich arbeite, ist spezialisiert auf historische Recherchen und Archiverschliessungen. Als Grenchen das Projekt 2012 ausgeschrieben hat, habe ich das Konzept für unsere Bewerbung erarbeitet. Unser Konzept hat das Rennen gemacht, und so konnte ich die Leitung des Projekts übernehmen.

Nach welchen Kriterien wurde das Autorenteam zusammengestellt?

Martin Illi war bereits bei unserer Bewerbung involviert und für uns damit gesetzt. Die anderen beiden sind im Austausch mit unserer begleitenden Expertenkommission zum Autorenteam gestossen. Mit Marisa Thöni hatten wir den Blick von innen und Fabian Saner hat uns als Oltner ebenfalls eine interessante Perspektive auf das Projekt geboten.

Fünfeinhalb Jahre hat das Projekt in Anspruch genommen. Dabei waren nicht alle Phasen gleich intensiv, besonders am Anfang. Was lässt sich zum Aufwand sagen?

Allein für mein Kapitel «Wirtschaft und Arbeit» habe ich 500 Stunden Aufwand veranschlagt. Geworden sind es wesentlich mehr, über 700. Für die anderen kann ich nicht sprechen. Wir mussten uns beschränken, Dinge weglassen. Nur schon zur wirtschaftlichen Entwicklung Grenchens hätte man gut und gern ein eigenes Buch schreiben können. Das Budget lag bei 530'000 Franken, wovon 380'000 Franken mit dem Legat abgedeckt sind, das den Ausschlag für das Projekt gegeben hat. Zudem durfte die Stadt auf Beiträge des Lotteriefonds, von Stiftungen, Bürger- und Kirchgemeinden zählen.

Wie habt ihr die Arbeit organisiert?

Das Gesamtkonzept sah von Beginn weg einen chronologischen Überblick sowie thematische Kapitel vor, in Absprache mit der Expertenkommission habe ich es überarbeitet. Für ihre jeweiligen Kapitel haben dann Autorin und Autoren Detailkonzepte verfasst. Die Textfassungen wurden von der Expertenkommission in mehreren Runden gelesen und kommentiert. In einer Ortsgeschichte sind gewisse Redundanzen unvermeidlich, aber wir haben darauf geachtet, uns möglichst nicht zu wiederholen. Dabei soll jedes Kapitel für sich allein lesbar sein.

Was ist das Ziel der Stadtgeschichte?

Eine umfassende Betrachtung der Stadt Grenchen im 19. und 20. Jahrhundert mit allen relevanten Facetten. Ein Buch, das interessant zu lesen ist und zugleich als Nachschlagewerk dient. Als ausgebildete Historiker weisen wir Quellen und Literatur aus, auf die wir aufbauen. Damit bleibt unsere Arbeit nachvollziehbar, anders als etwa Strub im «Heimatbuch» oder das «Grenchner Jahrbuch». Es ist uns wichtig, Zusammenhänge aufzuzeigen und kontroverse Geschehnisse, wie etwa den Landesstreik und die Arbeitskämpfe in der Industrie, angemessen und verständlich darzustellen. Kurz: Ein Werk, das für 20 Jahre den Massstab in der Geschichtsschreibung von Grenchen setzt…

Sagen wir für mindestens eine Generation. Der gute alte Strub hat für zwei Generationen den Massstab gesetzt.

Das ist ein herausragendes Werk – bis heute.

Welche Quellen waren besonders wichtig und welche Rolle spielte die Oral History, die Befragung von Zeitzeugen?

Die Quellenlage ist heterogen, um es nett zu sagen. Manche Themen sind gut dokumentiert. Daneben gibt es grosse Löcher. Die Uhrenindustrie ist eine verschwiegene Industrie und bei den Konkursen im Zuge der Krisen wurde wohl vieles einfach fortgeschmissen. Die Sicherung historisch wertvoller Unterlagen für die Zukunft stand in diesem Moment wohl kaum im Vordergrund. Zu den Firmenarchiven aktiver Unternehmen hat kein Aussenstehender Zugang.

Zum Glück stösst man immer wieder auf Perlen. Eine solche Perle ist zum Beispiel der Nachlass von Rudolf Schild-Comtesse. Hilfreich war das Stadtarchiv. Quellen wie Zeitungsartikel sind da thematisch gesammelt und erschlossen. Das beschränkt gerade im Falle von Presseartikeln den Zeitverlust mit Suchen auf ein Minimum. Was die Oral History angeht, so haben wir mit einer Reihe von Zeitzeugen gesprochen, allerdings nicht in der Form von Rechercheinterviews. Wir haben die Leute nach Hinweisen gefragt, gebeten, uns Fotoalben, Briefe von Vorfahren und Ähnliches zur Verfügung zu stellen.

Warum?

Die Aussagekraft von mündlichen Quellen ist beschränkt. Befragungen von Zeitzeugen müssen zudem sorgfältig in den Kontext gestellt werden. Aussagen müssen aufwendig gegengecheckt werden. Und: Wo zieht man die Grenze bei der Auswahl der Gesprächspartner? Nehmen wir einmal die Swatch: Mit wem soll man da reden, um ein ausgewogenes Bild der Ereignisse in den Achtzigerjahren zu bekommen? Mit einem oder zwei der damals führenden Köpfe ist es nicht getan. Das wären dann eher zehn oder zwölf, und selbst dann würde man nicht allen gerecht. Wir haben gerade im letzten Jahr in der Tagespresse beobachten können, wie die Sichtweisen von Zeitzeugen zum Ende der ASUAG oder zur Entwicklung der Swatch aufeinanderprallen. Das ist interessant und zuweilen amüsant, trägt aber nicht immer zur Klärung der Verhältnisse bei.

Was war für Sie die grösste Herausforderung?

Die enorme Vielfalt an Themen und Bezügen unter einen Hut beziehungsweise zwei Buchdeckel zu bringen.

Was hat Sie überrascht?

Die Dynamik. So viel geschieht so schnell und das auf kleinem Raum. Auch die Robustheit. Die Krisen, die Grenchen ebenso geprägt haben wie die Boomzeiten, haben der Stadt eine erstaunliche Widerstandskraft verliehen.

Nach dem Projekt «Stadtgeschichte» wissen Sie als Aussenstehender nun mehr über die Stadt als mancher Einwohner, manche Einwohnerin. Wie gefällt Ihnen Grenchen?

Sehr gut. Schon lange haben meine Frau und ich gesagt, dass wir, nach getaner Arbeit, einmal ein Wochenende in Grenchen verbringen sollten, um in der Witi und auf dem Berg spazieren zu gehen.