Grenchen
Hausarzt-Gruppenpraxis im Spital unerwünscht

Grenchner Ärzte stehen der Idee der Solothurner Spitäler AG (soH), ihre Arbeit ins Spital zu verlegen, äusserst kritisch gegenüber. Die Frge ist: Was ist die Alternative?

Oliver Menge
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Solothurner Zeitung

Die soH möchte einigen Grenchner Hausärzten beliebt machen, ihre Praxen aufzugeben und ihre Arbeit ins Spital Grenchen zu verlegen. Sie hatte mit dem Investor Solviva AG, der im Norden des Areals eine ganze Reihe von Alterswohnungen bauen will, eine Absichtserklärung verfasst, die die gemeinsame Nutzung eines Gesundheits- und Pflegezentrums im Spital Grenchen beinhaltet.

Nun ist man auf der Suche nach Interessenten für den Betrieb einer hausärztlichen Gruppenpraxis. Eine Umfrage bei einigen Grenchner Ärzten macht aber deutlich, dass man dem Projekt der soH mehrheitlich kritisch gegenübersteht. Zwar betonten alle Befragten, dass Grenchen früher oder später in einen Versorgungsengpass bezüglich Hausärzte laufe, die Idee der soH löse dieses Problem aber nicht (siehe Kontext).

Vertrauen in die soH fehlt

Der Hausarzt Gerhard Heer, lange an vorderster Front des Vereins Grenchner Ärzte, vertraut der soH einfach nicht. Es habe in der Vergangenheit immer wieder gebrochene Versprechen und nicht eingehaltene Zusagen gegeben. Etwa habe man mehrere Millionen investiert, um Operationssäle auf den neusten Stand zu bringen, um sie wenig später dann zu schliessen. Tendenziell habe die soH ihr Engagement für das Spital Grenchen immer mehr heruntergefahren. Ausserdem sei es auch so problematisch, mit einer Institution Verträge abzuschliessen, der das Gebäude nicht gehört, meint Heer.

Die soH sei in den Augen der Grenchner Ärzte keine verlässliche Partnerin, meint der Arzt Marcel Tièche. Immer wieder seien neue Termine gesetzt worden – zuerst habe es geheissen, das Spital bestehe bis 2020, dann 2012, jetzt sei schon 2011 Schluss. «Die können doch nicht von uns verlangen, dass wir unsere Praxen aufgeben und die Probleme der soH lösen.»

Das Ambulatorium, in dem jetzt Ärzte des Bürgerspitals arbeiteten, sei ebenfalls keine gute Lösung. «Die Arbeit dort entspricht einer Art Strafversetzung», so Tièche. Den Ärzten des Bürgerspitals werde nicht ermöglicht, dort selbstständig zu arbeiten, und darum sei das Projekt auf Dauer zum Scheitern verurteilt.

Nein zur Gruppenpraxis

Eine Variante wäre es laut Tièche, mehr Spezialitäten-Medizin anzusiedeln. «Es gibt in Grenchen keine Gynäkologie, keinen Pneumologen, keinen Dermatologen.»

Andreas Rüeger, Präsident des Vereins Grenchner Ärzte, spricht deutliche Worte: Grundsätzlich seien die Ärzte in Grenchen frustriert. Das Spital Grenchen werde von der soH de facto liquidiert und nur auf marginaler Basis weiterbetrieben, um einer vollständigen Schliessung und der dafür notwendigen politischen Abstimmung wie beim Allerheiligenberg aus dem Weg zu gehen. Man habe im Verein die Idee einer Gruppenpraxis im Spital diskutiert und sich dagegen entschieden.

Es gebe im Zentrum Grenchens bereits eine Konzentration von Ärzten, und dort bestehe die Möglichkeit zur Zusammenarbeit. Wenn jüngere Kollegen sich aber dafür entscheiden würden, ins Spital zu ziehen, werde man das begrüssen, so Rüeger.

Ungünstige Lage und Infrastruktur

Die Lage des Spitals und dessen Infrastruktur beurteilen alle Befragten als ungünstig. So meint zum Beispiel der Arzt Martin Walter: Das Gebäude sei nicht geeignet für eine hausärztliche Gruppenpraxis, «das einzig Vernünftige an dem Haus sind die Parkplätze». «Im Spital sind die Räumlichkeiten nicht geeignet und würden Investitionen in Millionenhöhe erfordern», meint Tièche.

Die Idee einer Gruppenpraxis, wo Hausärzte, die kurz vor der Pensionierung stehen, noch arbeiten und ihre Präsenzzeiten herunterfahren könnten, fände Gerhard Heer an und für sich gut, aber diese Praxis müsste zentral gelegen sein und nicht so weit ausserhalb wie das Spital.

Eigene Projekte im Vordergrund

Tièche denkt selber darüber nach, eine Gruppenpraxis im Zentrum der Stadt zu eröffnen. Es müsse vermehrt die Möglichkeit geschaffen werden, Teilzeit zu arbeiten. «Eine Mehrheit der Absolventen der medizinischen Fakultät sind heutzutage Frauen, denen man diese Möglichkeit bieten muss», sagt Tièche.

Die Idee einer hausärztlichen Gruppenpraxis, wie sie die soH lanciert, sei an sich gut, aber so ein Projekt müsse auf privatwirtschaftlicher Basis stehen und nicht unter den Fittichen der soH.

Ein zentraler Standort in der Stadt sei nicht nur wünschenswert, sondern enorm wichtig. «Eine gute Hausarztpraxis ist immer der Eingang zum Spital, aber da Grenchen keines mehr hat, werben auch andere, ausserkantonale Spitäler, wie die Privatklinik Linde in Biel, um Patienten aus Grenchen.»

Und ab 2012, wenn die neue Fallpauschale in Kraft trete, werde es erst recht nicht mehr selbstverständlich sein, dass die Grenchnerinnen und Grenchner nach Solothurn ins Spital gingen, meint Tièche.

soH versteht den Frust der Ärzte

Kurt Altermatt, Verwaltungsdirektor der soH, hat Verständnis für die Ärzte. Man habe in den letzten Jahren nur abgebaut beim Spital Grenchen und der Vertrauensverlust sei nachvollziehbar. Er sehe auch jetzt keine Veranlassung, mit eigenen Ärzten dort eine hausärztliche Gruppenpraxis zu betreiben, man werde eher spezialisierte Mediziner nach Grenchen schicken. «Aber», so Altermatt, «wenn die Solviva ihr Projekt von Alterswohnungen umsetzt, wird eine Hausarztpraxis im Spital wirtschaftlich interessant. Dann wird man sich die Sache neu überlegen müssen.»