Uhrenindustrie

Harter Kampf ums Zifferblatt: Der Weg von der mechanischen zur elektronischen Uhr

Die analoge Armbanduhr wurde durch die Digitaluhr aus Asien nicht verdrängt.

Die analoge Armbanduhr wurde durch die Digitaluhr aus Asien nicht verdrängt.

Für die Grenchner Uhrenindustrie war der Übergang von der mechanischen zur elektronischen Uhr in den 1970/80er-Jahren eines der wichtigsten Ereignisse.

Der Übergang von der mechanischen zur elektronischen Armbanduhr war wohl eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Uhrenindustrie des 20. Jahrhunderts. Er vollzog sich innert weniger Jahre, verlief aber keineswegs reibungslos. Dies umso mehr als weltweit nicht nur die Uhrmacher, sondern auch die grossen Elektronikfirmen an diesem Geschäft teilhaben wollten.

Vor allem die amerikanischen Halbleiterkonzerne wie Texas Instruments, Fairchild Camera, Intel, Litronix, National Semiconductor u. a. m. versuchten ihr Glück im Uhrengeschäft, das ihnen bis dahin gänzlich fremd war. Sie alle strebten die Fabrikation von Uhren mit digitaler Anzeige an, für deren Herstellung keinerlei handwerkliches Know-how der Uhrmacherei erforderlich war.

Für diese Firmen war die Uhr bloss ein präzises Zeitmessgerät – völlig frei von ästhetischen und emotionalen Bezügen. Nicht erstaunlich, dass diese Halbleitergiganten der schweizerischen Uhrenindustrie anfangs der 1970er-Jahre bis zum Ende dieses Jahrzehnts den Untergang voraussagten.

Siegeszug der Elektronik

Sie fühlten sich dazu berufen, weil sie über alle elektronischen Einzelbauteile bzw. Komponenten verfügten. Ferner wiesen sie in der einschlägigen Forschung und Entwicklung einen grossen Vorsprung auf. Stolz verkündeten sie im Frühjahr 1972, dass bereits acht Schweizer Uhrenfirmen ihre elektronischen Werke von Optel Corp. in New Jersey bezögen. Selbst die renommierte Ebauches SA habe «für elektronische Schaltkreise und Anzeigesysteme zu Texas Instruments Corp. gehen müssen», wie die Solothurner Zeitung damals berichtete. Trotz dieser Kampfansage seitens der Amerikaner, liessen sich die Schweizer nicht beirren. Zum einen erkannten sie die neuen Trends und folgten diesen.

So etwa die Mondaine Watch Ltd. in Zürich mit Betriebsstätten in Biberist. Sie kündigte im Frühjahr 1976 ihren neuen «Digi-Stop-Chronographen» mit erstmals zwölf Funktionen als absolute Weltneuheit an. Alle auf dem Globus vergleichbaren digitalen Konkurrenzprodukte wiesen weniger Möglichkeiten auf. Auch preislich lag Mondaine sehr gut im Rennen.

Der Digi-Stop-Chronograph von Mondaine von 1976.

Der Digi-Stop-Chronograph von Mondaine von 1976.

Analog oder digital?

Zum andern blieben die Schweizer Uhrmacher ihrer Überzeugung treu, dass eine Uhr mit analoger Anzeige dem Erscheinungsbild einer ästhetisch wirkenden Qualitätsuhr besser entspricht als eine digitale. Ihr Berufsstolz und ihre Jahrhunderte alte Tradition hielten die hiesigen Uhrenindustriellen davon ab, alles auf eine Karte zu setzen, wie zunächst die amerikanischen und wenig später die japanischen Elektronikkonzerne. Im Gegenteil, sie förderten beide Anzeigetypen gleichzeitig. Von 1971 bis 1975 standen die analogen und 1975 bis 1976 die digitalen im Vordergrund.

Die Ungewissheit, in welche Richtung sich der Weltmarkt entfalten wird, lässt sich auch aus der Form der Zusammenarbeit zwischen der früheren Brown, Boveri & Cie. AG, Baden und der Ebauches SA – heute ETA AG, Grenchen – bezüglich der Herstellung und Entwicklung von Flüssigkristallanzeigen (LCD) herauslesen. In ihren Verträgen vom Januar 1977 behielten sich beide Partner sowohl die grösstmögliche Flexibilität als auch die völlige Unabhängigkeit vor. Für die Ebauches SA schaffte man nach deren Hauszeitung sogar «Notausgänge» für den Fall, dass die Zusammenarbeit scheitern sollte.

Trendwende ab 1978

Dieser Punkt trug zweifellos dem Umstand Rechnung, dass Flüssigkristallanzeigen für die Ebauches SA obsolet werden könnten, wenn der Markt die elektronischen Uhren mit Analoganzeige eines Tages bevorzugen sollte. Genau das zeichnete sich 1978 ab. In diesem Jahr wurden in der Schweiz 4,8 Millionen elektronische Uhren produziert; davon entfielen 58 Prozent auf analog- und 42 Prozent auf digitalanzeigende. In den nachfolgenden vier Jahren explodierte das Produktionsvolumen auf über 15 Millionen Stück.

Das Auffallendste daran war, dass die Analoguhren nun 98 Prozent des Volumens auf sich vereinigten. Das heisst, die Digitaluhren fielen für die Schweizer Uhrmacher bis 1982 der Bedeutungslosigkeit anheim. Und das alles hatte sich abgespielt, noch bevor die Swatch-Uhr auf dem Markt erschien. Wie war dies möglich?

Zauberwort «Gabarisierung»

Schon Mitte der 1970er-Jahre suchte die ETA AG nach Mitteln und Wegen, die Rohwerke so zu gestalten, dass für alle Modelle eines Kalibers die gleichen Ausstattungen verwendet werden konnten – egal, ob es sich dabei um mechanische oder elektronische Uhren handelte. Die Ingenieure schufen Werkgruppen, welche die gänzliche Austauschbarkeit des Habillement sicherstellten. Genormt wurden die Passformen und Durchmesser der Gehäuse sowie deren Höhen, die Wölbungstypen für Zifferblätter, die Zeigersetzhöhen, die Anschrägung von Brücken und Grundplatten, die Lage und Grösse der Fenster für Datumsanzeigen, die Platzierung der Aufzugs- und Zeigerstellmechanismen usw. usw. Die ETA AG erreichte diese höchst anspruchsvollen Normierungsziele 1976 mit der Gabarisierung verschiedenster mechanischer und elektronischer Kaliber. Der Fachbegriff umschreibt die Austauschbarkeit von verschieden konstruierten Uhrwerken beim Einbau.

Die dadurch entstandene neue Kaliberfamilie stellte eine echte Weltneuheit dar; sie wies alle Eigenschaften eines modularen Systems auf.

Es schien, als ob sich die Geschichte wiederholte. Genau hundert Jahre früher löste der so genannte Schock von Philadelphia in der schweizerischen Uhrenindustrie eine Mechanisierungswelle aus, bei der die Austauschbarkeit der Einzelteile für die Rohwerke im Zentrum stand.

Baukastensystem

Im Jahre 1976, zur Zeit der Wende von der mechanischen zur elektronischen Uhr, war es die Austauschbarkeit der Ausstattungselemente, die zum neuen Schub führte. Wie der damalige Verantwortliche für das Gesamtprojekt und spätere Direktionspräsident der ETA AG, Anton Bally, in der Hauszeitung betonte, muss der Uhrenfabrikant seinen Kunden stets eine vollständige Uhrenkollektion anbieten können. Dazu benötigt er Beweglichkeit, insbesondere in Bezug auf das Habillement und die einzelnen Uhrenbestandteile. Diese Flexibilität erreichte man mit der Gabarisierung in idealer Weise. Die gewissermassen als Baukastensystem aufgebaute, neue Kaliberfamilie verhalf dem Etablisseur zu ungeahnten Synergien in Bezug auf die Lagerhaltung und den Kundendienst. Lieferfristen wurden verkürzt, Herstellkosten durch grössere Einkaufsmengen und Skaleneffekte reduziert und die Konkurrenzfähigkeit durch flexiblere Preisgestaltungsmöglichkeiten erhöht.

Dazu gesellte sich für den Uhrenfabrikanten der Riesenvorteil, dass sein in den Anlagen für die Herstellung der mechanischen Uhr gebundenes Kapital nicht zur Fehlinvestition verkam. Er konnte die Maschinen und Einrichtungen ohne kostspielige Anpassungen und Investitionen auch für die Remontage der Quarzuhr mit Analoganzeige verwenden. Das waren alles gute Argumente für die Schweizer Uhrmacher, nicht auf den amerikanischen bzw. japanischen Digitaluhrenzug aufzuspringen, obwohl die Trendwende in den internationalen Statistiken noch nicht erkennbar war. Nach dem World Watch Almanac wurden 1980 rund 40 Mio. Analog- und gut 100 Mio. Digitaluhren hergestellt; erst im Jahre 1985 wechselte das Verhältnis auf gut 170 Mio. analoge und knapp 150 Mio. digitale.

Simple Montage

Während das Know-how für die Herstellung von Analoguhren zu einem grossen Teil im handwerklichen Können des Uhrmachers verankert war, lag jenes für die Digitaluhren allein in der Entwicklung und Produktion der Komponenten. Ein solcher Zeitmesser besteht im Wesentlichen aus einer Leiterplatte, einer integrierten Schaltung, einem Quarz, einer Batterie und einem Display sowie ein paar Halterungen. Die Konfektionierung dieser Teile zu fertigen Uhren kann jedermann ohne lange Instruktionszeit bewerkstelligen.

Wie sich Anton Bally, der anfangs der 1980er-Jahre in Hongkong lebte, erinnert, geschah dies dort zu unschlagbar billigen Entgelten in unzähligen kleinen Unternehmen auf dem Küchentisch. Gleichzeitig fielen die Preise für die Komponenten ins Bodenlose. Schon 1985 konnten solche Uhren für sage und schreibe weniger als einen Franken erworben werden.

Falsch investiert

Unter diesen Umständen hätte jeder Versuch, im Hochlohnland Schweiz derartige Uhren herstellen zu wollen, ins Verderben führen müssen. Die Elektronikkonzerne bauten hingegen weltweit Produktionskapazitäten für die Herstellung von mehreren hundert Millionen Digitaluhren auf, die sich schliesslich als Fehlinvestitionen erwiesen.

Die meisten Elektronikfirmen zogen sich in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre aus dem glücklosen Streifzug ins Uhrengeschäft zurück und erlitten dabei grosse Verluste. In jüngster Zeit tauchten einige mit sogenannten intelligenten Uhren wieder auf, allen voran Apple mit der Apple Watch. Ob es sich hier wiederum nur um einen Streifzug handelt, bleibt abzuwarten. Anzunehmen ist es nicht.

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