Analyse des Industriehistorikers

Hätten die Aktionäre der Uhrenindustrie in den 1980er Jahren investiert, wären sie heute reich

Kapitalintensiv: Aktuellle Uhrenteileproduktion in einem Grenchner ETA-Werk.

Kapitalintensiv: Aktuellle Uhrenteileproduktion in einem Grenchner ETA-Werk.

In Grenchen wird noch heute oft kolportiert, die ASUAG-Firmen hätten die Uhrenkrise aus eigener Kraft überstehen können und deren Aktionäre seien von den Banken ausgebootet worden. Der Wirtschaftshistoriker Bruno Bohlhalter kommt zu einem anderen Schluss. Die Altaktionäre, die weitgehend auf die Zeichnung neuer Aktien verzichteten, wären heute reiche Leute.

Die sanierungsbedingte Fusion der «ASUAG Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG» und der «SSIH Société Suisse pour l’industrie Horlogère SA» im Jahre 1983 zur «ASUAG-SSIH AG» gilt bis heute als die Jahrhundertfusion in der schweizerischen Uhrenindustrie. Der Zusammenschluss wurde als grösste Industrierettungsaktion des 20. Jahrhunderts von sechs Aktionärsbanken dieser beiden Firmen ausgeführt. Federführend waren der Schweizerische Bankverein bzw. die Schweizerische Bankgesellschaft. Die Fusion vereinigte die zwei grössten Uhrenkonzerne, welche zusammen rund sechzig Prozent der Wertschöpfung des ganzen Wirtschaftszweiges erzielten, unter einem gemeinsamen Dach.

Die SSIH war die grösste Fertiguhrenfabrikantin und die ASUAG die wichtigste Rohwerk- und Komponentenherstellerin unseres Landes. Die Finanzspritze der Banken in Form von Forderungsverzichten und Rekapitalisierungen belief sich auf total rund. 860 Mio. Franken.

Davon wurden 230 Mio. Franken in den Erfolgsrechnungen der Kreditinstitute definitiv abgeschrieben – ein Kraftakt, der bis dahin seinesgleichen suchte. In den Augen der damaligen Beobachter stellte diese Fusion den unbedingt erforderlichen Schritt zur Gesundung der Uhrenindustrie nach ihren heftigen Krisen in den 1970er/80er-Jahren dar.

Beim Durchstöbern der Archive stösst man kaum auf eine Stimme, die diese Fusion nicht als eine Notwendigkeit einstufte. Dennoch war sie in Anbetracht der damals vorherrschenden strukturellen und technologischen Umwälzungen in der Uhrenindustrie ein Abenteuer, dessen Ausgang niemand mit Sicherheit zu prognostizieren wagte. Inzwischen sind mehr als dreieinhalb Jahrzehnte verstrichen. Im Rückblick darf dieser Zusammenschluss wahrlich als echte Erfolgsgeschichte bezeichnet werden.

Profitiert hat zunächst die gesamte schweizerische Volkswirtschaft. Ihr ist die Uhrenindustrie als die heute drittwichtigste Exportbranche erhalten geblieben. Mit Swatch Group, Richemont und Rolex verfügt sie – neben vielen anderen Herstellern – über drei Grosskonzerne, die im Uhrengeschäft weltweit an der Spitze stehen. Weil die Uhrenindustrie im Verhältnis zu ihren Exporten wenig importiert, zählt sie zu den wichtigsten Devisenbringern für die Schweiz. Sie leistet dauernd einen sehr hohen Beitrag an die hiesigen Handelsbilanzüberschüsse. Im Jahre 2018 machte der entsprechende Saldo 17,2 Mrd. Franken aus. Das war nach der Chemie- und Pharmabranche der zweithöchste positive Beitrag eines einzelnen Wirtschaftszweiges.

Grossen Gewinn zog auch der Werkplatz aus dieser Fusion, stieg doch die Zahl der Beschäftigten in der schweizerischen Uhrenindustrie von 1983 bis 2018 von rund 33'000 auf knapp 58'000 Personen an. Die Fusion lag zudem exakt auf der Linie einer damals viel beachteten Prospektionsstudie der Fédération Horlogère. Diese empfahl der Uhrenindustrie im Hinblick auf die zunehmende Automatisierung der Montagetechnik, sich durch Zusammenschlüsse zu vertikalisieren, sich gewissermassen organisatorisch neu zu erfinden. Auch dieses Postulat ist inzwischen weitestgehend erfüllt.

Ganz grosse Gewinner aber waren die Altaktionäre der ASUAG. Weil sie bei der Sanierung kein Bezugsrecht erhielten, mussten ihnen die Banken wegen der Bedingung der Gleichbehandlung aller Aktionäre zwingend ein Kaufangebot für die neuen Namenaktien vorlegen. Dieses lautete: Bezug von fünf neuen Namenaktien im Nennwert von Fr. 100.– auf eine bisherige zu Fr. 20 nominal. Der Bezugspreis betrug Fr. 151.95 pro Titel. Er entsprach genau dem Liberierungsbetrag, den die Banken durch den Verzicht und die Verrechnung von Kreditforderungen für eine neue Aktie aufbrachten.

Personalintensiv: Montagehalle der ASSA mit 9000 Quadratmetern, zirka 1960.

Personalintensiv: Montagehalle der ASSA mit 9000 Quadratmetern, zirka 1960.

Nur 5000 Aktion von 1 Million wurden bezogen

Nach der damaligen Aktionärsstruktur hätten Uhrenindustrielle und Private total gut eine Million neue Aktien erwerben können. Bezogen wurden aber nur rund 5000 Stück oder knapp ein halbes Prozent des gesamten Angebotes. Dieses äusserst schlechte Zeichnungsergebnis zeigt, dass die Uhrenverbände, die Patrons und die Familienaktionäre ihrer ureigenen Sache nicht mehr vertrauten. Die grosse Mehrheit nahm Abstand von diesem Angebot, weil sie nicht an den Erfolg der Sanierung glaubte. Heute beträgt der Wert einer damals für Fr. 151.95 erworbenen Aktie in Form von Papieren der Swatch Group je nach Börsensituation zwischen 5000 und 6000 Franken. Am 30. April 2019 z. B. waren es genau Fr. 6102 (Börsenschlusskurs Inhaber Fr. 311.20; Namen Fr. 59.80).

Wie kam dieser wundersame Geldsegen zustande? Im Jahre 1985 firmierte die ASUAG-SSIH AG neu mit «SMH Schweizerische Gesellschaft für Mikroelektronik und Uhrenindustrie AG», und zur gleichen Zeit verkauften die Banken über 40 Prozent ihrer Beteiligung an eine Investorengruppe – den sogenannten Hayek Pool – unter der Führung von N. G. Hayek. Ein Jahr später erfolgte die Kotierung der SMH-Aktie an der Börse. Nach einer Anzahl sehr erfolgreicher Geschäftsjahre strukturierte die SMH im Sommer 1993 ihr Kapitalkleid um. Die bisherige Namenaktie zu Fr. 100.– nominal wurde aufgeteilt in eine Inhaberaktie zu Fr. 50.– und in fünf neue Namenaktien zu je Fr. 10.– nominal. Gleichzeitig erhielt jede Aktie eine Stimme, egal ob sie auf den Inhaber oder einen Namen lautete.

Nach der 1998 vorgenommenen Änderung der Firma in «The Swatch Group AG» folgte im Jahre 1999 ein Aktiensplit im Verhältnis von eins zu zehn. Aus der bisherigen Inhaberaktie zu Fr. 50.– entstanden zehn solche zu Fr. 5.– und aus den fünf Namenaktien zu Fr. 10.– ergaben sich fünfzig solche zu Fr. 1.– nominal. Daraus folgt: Wer als Aktionär bei der Sanierung 1983 eine ASUAG-SSIH Aktie für Fr. 151.95 bezog, verfügte am 30.4.2019 wie bereits erwähnt über Swatch-Group-Aktien im Kurswert von Fr. 6102, nämlich 10 Inhaber (total Fr. 3112) und 50 Namen (total Fr. 2990).

Hinzu kommen die seit 1983 einkassierten Dividenden von total Fr. 1982, was einer durchschnittlichen Jahresrendite von sehr hohen 37,3 Prozent entspricht. Unter Einbezug der Wertsteigerung der Aktie beträgt die durchschnittliche Jahresperformance (Absolute Return) 149,1 Prozent. Diese Ergebnisse stellen selbst die Investorenlegende Warren Buffet in den Schatten. Von ihm liest man, dass er anhaltende Jahresrenditen von 20 Prozent über viele Jahrzehnte schaffe.

Am meisten hätten Ebauches-Aktionäre profitiert

Noch grösser wäre der Reibach bei den 8 Prozent Minderheitsaktionären der Ebauches SA, welche 1978 von einem Angebot, ihre Aktien in solche der ASUAG zu tauschen, keinen Gebrauch machten. Die Ebauches SA wurde im Jahre 1984 durch Absorption in die ASUAG-SSIH AG integriert. Die Abfindung der Minderheitsaktionäre erfolgte über einen Aktientausch. Das Umtauschverhältnis lautete 1:32, d. h. für eine untergehende Ebauches-Aktie zu Fr. 500.– nominal (Substanzwert gemäss Fusionsbilanz rund Fr. 720.–) erhielt der Ebauches-Aktionär 32 Namenaktien der ASUAG-SSIH AG zu Fr. 100.– nominal (Substanzwert total rund Fr. 4850).

Das Umtauschverhältnis darf für den Ebauches-Aktionär als sehr grosszügig beurteilt werden, erhielt er doch im Tausch fast den siebenfachen Wert, den er selber hergeben musste. Und nun zur Pointe der Geschichte: Ein damaliger Eigentümer eines einzigen Ebauches-Titels besitzt heute ein Vermögen in Papieren der Swatch Group von Fr. 195'264, nämlich 320 Inhaber- (total Fr. 99'584) und 1600 Namenaktien (total Fr. 95'680), neben den inzwischen einkassierten Dividenden von Fr. 63'424. Also genügte es, Anfang 1984 Herr über lediglich vier Ebauches-Aktien zu sein, um sich heute im Reich der Millionäre zu befinden.

Sinnieren über willkürliche Bewertungen

Somit lässt sich mit Fug und Recht behaupten, dass die Sanierungen der SSIH und der ASUAG sowie deren Fusion nicht nur für die schweizerische Volkswirtschaft und den Hayek Pool sehr lohnend waren, sondern ganz besonders auch für die Altaktionäre der ASUAG und die Minderheitsbeteiligten der Ebauches SA. Daran ändern auch die barschen Stimmen nichts, die in jüngster Zeit aus diesen Kreisen und von ehemaligen Uhrenmanagern zu vernehmen sind.

Sie sinnen über Enteignungen und willkürliche Bewertungen durch die Banken oder über Millionengeschenke an den Hayek Pool (I. Schluep Campo/Ph. Aerni, When corporatism leads to corporate governance failure, 2016). Dabei blenden sie das äusserst schwierige internationale Umfeld der schweizerischen Uhrenindustrie von 1983 geflissentlich aus. Vor dem Hintergrund der hier dargelegten Entwicklungen entspringen die aktuellen Wehklagen der einstigen Aktionäre eher dem eigenen Kummer über nicht wahrgenommene Chancen, als dass sie dazu dienen könnten, die Geschichte der Uhrenindustrie neu zu schreiben.

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