«Mir hat’s komplett abgelöscht», «Tendenziös und nur polemisch», «habe fast überbissen, als ich das gesehen habe», «ich bin entsetzt», «haben wir den nur Vollidioten in Grenchen?», «komplett daneben, so etwas», «konnte das denn keiner vor der Ausstrahlung abnehmen?», «wir haben doch nicht nur Rassisten und Schrebergärten in Grenchen?!», «kein Wort zur Kultur in der Stadt, zu der lebenswertesten Wohnlage am Jurasüdfuss», «typische Zürcher Stimmungsmache» und so weiter.

Die Stimmen auf dem Marktplatz am Freitagmorgen waren eindeutig. Der Film der Zürcher Filmemacherin Karin Bauer über Grenchen hat wenig Zuspruch gefunden. Im Gegenteil: Spontan bilden sich Gruppen, die sich unterhalten, wie sie den Film erlebt haben, die ihre Empörung miteinander teilen und ihrer Wut Luft machen. «Wie viel würde es kosten, einen ‹Gegenfilm› zu drehen? Einen, der Grenchen so zeigt, wie es wirklich ist?» «Kann man die nicht anzeigen? So etwas geht doch nicht?»

«Die schweigende Mehrheit – eine schweizerische Nabelschau» wurde am Donnerstag zur besten Sendezeit um 20.05 Uhr auf SF 1 ausgestrahlt, ist ab jetzt im Internet zu sehen und wird noch ein paar Mal wiederholt. Schon zuvor wurde in den sozialen Medien darauf hingewiesen und kräftig die Werbetrommel gerührt, dass da ein Film über «den Niedergang einer Arbeiterstadt» gezeigt werden soll. Das Resultat einer einjährigen Recherche, die schon im Vorfeld zu Diskussionen Anlass gab. So waren von der Filmemacherin etliche Personen angesprochen worden, ob sie bereit wären, im Film mitzuwirken, hinzustehen, zu sagen, was sie denken. Etliche Leute sagten ab, unter anderem Kurt Seematter, Hubert Bläsi, Peter Brotschi und weitere.

Inhaltsübersicht des Films

Im Begleittext heisst es: «Grenchen ist die Stadt der Nicht-Wähler: Rund zwei Drittel bleiben der Urne fern.» Dieser Umstand und die Tatsache, dass in Grenchen ein Umdenken gegenüber der EU stattgefunden habe, war für Bauer der Anlass zum Film. «Die Solothurner Uhrenstadt ist ein Seismograf für die Schattenseiten der Globalisierung weltweit. Die wenigsten gehen wählen, Industriebetriebe sterben und je mehr Ausländer zuwandern, desto schwächer wird die politische Linke.»

Bauer drehte an den verschiedensten Schauplätzen, beschränkte sich dann schwergewichtig auf die Schrebergärten beim Eichholz und deren Benützer, das Stadthaus und die Bürgergemeinde, die Hochhäuser beim Lingeriz. Von der Grenchner Uhrenindustrie wurde ausgerechnet eine der wenigen serbelnden Firmen gezeigt – von der ETA keine Silbe.
Als Protagonisten fungierte hauptsächlich das Ehepaar Ursula und Renato Müller – er Verwalter der Bürgergemeinde, sie Betreuerin beim Mittagshort für Schulkinder. Beide haben sich den Film am Donnerstag nicht angeschaut, weil sie ferienhalber abwesend seien. Dann die Uhrenarbeiter Beatrice und René von Burg vom Familiengartenverein und die Familie Djokic, seit 28 Jahren in der Schweiz, seit drei Jahren stolze Schrebergartenhaus-Besitzer, aber nie eingeladen zu Anlässen des Familiengartenvereins. Und selbstverständlich der sehr umtriebige Kandidat fürs Stadtpräsidium, Elias Meier, der sich dafür einsetzt, dass die Leute mehr miteinander reden und auch die Verwaltung nahbarer wird.

Reaktionen:

Nicht nur auf dem Grenchner Märet waren die Reaktionen geharnischt, auch in den sozialen Medien und auf der Webseite von SRF ging die Post ab. Kommentare von wütenden Grenchnern, die absolut kein Verständnis für den Film hatten, solche von Ortsfremden, die «nie und nimmer an einem Ort leben würden, wo so viele Rassisten und SVP-Wähler sind» bis zu Äusserungen von Ausländern, die für mehr Toleranz und Gesprächsbereitschaft votierten, war alles vertreten.

Auch die offizielle Seite der Stadt meldete sich zu Wort, wenn auch noch nicht sehr dezidiert. Stadtpräsident François Scheidegger weilt in den Ferien und hatte keine Gelegenheit, den Film anzuschauen, wie er mitteilt. Er verwies an seinen Stellvertreter, Vizestadtpräsident Remo Bill. Diese Zeitung holte noch weitere Reaktionen ein:

Vize Stadtpräsident Remo Bill: Ein dokumentiertes Zerr-Bild von Grenchen: Der SRF DOK-Film von Karin Bauer wollte aufgrund der tiefen Stimmbeteiligung in der Stadt Grenchen die negativen Seiten der Globalisierung aufzeigen. Eine Gratwanderung! Die Interviews sind nicht repräsentativ. Zu denken geben fremdenfeindliche Aussagen und das Infragestellen der Demokratie.

Doch nichts machen für die Gemeinschaft, oder das Wahl- und Stimmrecht nicht nutzen sind keine Lösungen. Das bringt uns alle nicht weiter!
Aus ihrer Sichtweise untermauert die Filmemacherin ihr Thema. Es entsteht ein negativer Tunnelblick auf Grenchen, mit dem sie der Stadt nicht gerecht wird.

Gesamtschulleiter Hubert Bläsi: «Bereits vor einem Jahr lösten die Kontaktaktivitäten von SRF Unruhe aus. Geprägt von Erfahrungen mit Negativschlagzeilen, liessen viele Angefragte Vorsicht walten. Da zudem die Zielsetzung des Projektes nur schwammig erkennbar war, wuchs die Skepsis zusätzlich. Leider hat der Film die kritischen Erwartungshaltungen übertroffen.

Mit der Bildsprache, der Begleitmusik, wie auch der Wahl von gewissen Statements, wurde unsere Stadt so richtig abgewatscht. Wie Aussenstehende mit der vermittelten Botschaft umgehen, kann ich nur erahnen. Höchstwahrscheinlich werden sie diesen ‹verwunschenen› Ort tunlichst meiden. Dies, weil sie die einseitig transportierten Inhalte nicht in den Gesamtkontext einordnen können. Selbstverständlich kämpft auch Grenchen mit grossen Herausforderungen, welchen man sich zweifelsohne stellen muss. Daneben dürfen aber die tollen Vorzüge unserer Stadt nicht ausser Acht gelassen werden. Diese Aspekte, wie auch die Ausgewogenheit, fehlen im Film gänzlich und erzeugen ein unverdient depressives Stimmungsbild. Schade – ich bin enttäuscht.

Richard Aschberger, SVP Gemeinderat und Kantonsrat: Ich fand den «Film» nicht überzeugend. Mir kam es vor, wie wenn krampfhaft nach einer Aussage mit Sprengpotenzial gesucht wurde, doch da war nichts. Auch dass bei den Stadtaufnahmen vor allem die nicht wirklich schönen Seiten gezeigt wurden, bestärkt mich in dem Eindruck. Der Versuch, die SVP Wähler in eine gewisse Ecke zu drängen und mit gewissen Einkommenssituationen zu deklarieren, war nicht nur hilflos, sondern zielt auch an der Realität vorbei, sieht man auch an den jeweiligen Panaschierstatistiken bei den Wahlen. Alles in allem eine verlorene Stunde Lebenszeit und schade für das Billag-Geld.

Nicole Hirt, Kantons- und Gemeinderätin Grünliberale: Je besser es einer Bevölkerung geht, desto tiefer die Stimm- oder Wahlbeteiligung. Warum sie in Grenchen tiefer ist als andernorts, wollte ich natürlich auch wissen. Und so sass ich Donnerstagabend mit Spannung vor dem TV. Grenchen zählte am 21.05.17 (Wahltag) 9666 Stimmberechtigte. Davon wählten 2979 Personen (30.82 %). Wer ist nun die schweigende Mehrheit? Ich weiss es immer noch nicht. Von den Protagonisten dieses Films war nur eine Handvoll stimmabstinent (0.07 %). Repräsentativ? Fehlanzeige! Was ist mit den anderen 6687? Wo waren die jüngeren Stimmberechtigten, die ihr Recht mit Füssen treten?

Die Dok war einseitig und tendenziös. In zwei Minuten hätte man erläutern können, dass in Grenchen zu viele AusländerInnen leben und die Bevölkerung deswegen nicht wählen oder abstimmen geht. Zu diesem Schluss musste man nach langen – mit «Trauermusik» untermalten – 45 Minuten unweigerlich kommen. Noch ein Wort zu Niedergang der Uhrenindustrie – Grenchen – Schattenseiten der Globalisierung: Natürlich sind die Glanzzeiten der Uhrenindustrie vorbei, aber dennoch verzeichnet die Branche (Elektronik, Optik, Uhren) mit über 30 % den höchsten Anteil von den insgesamt 11'000 Arbeitsplätzen.

Diese habe zwischen 2005 und 2015 um knapp 12 Prozent zugenommen. Das ist bemerkenswert, denn in Zeiten der Finanzkrise hat die Beschäftigung in der Industrie vielerorts abgenommen. Bei diesem Thema hat Frau Bauer ganz eindeutig nicht oder schlecht recherchiert.

Probleme kennt jede Kleinstadt, Grenchen ist da keine Ausnahme. Ein paar positive Aspekte hätte ich schon erwartet: Das tolle Naherholungsgebiet mit Jura und Aarelandschaft, die gute Sportinfrastruktur und Verkehrerschliessung. Die Aufzählung ist nicht abschliessend. Aber Frau Bauers Herausforderung bestand wohl darin, den letzten Platz unserer Stadt im Bilanzranking für immer und ewig zu zementieren. Das ist eine journalistische Leistung der negativen und ganz üblen Kategorie. Entweder war der Titel schlecht gewählt oder der Inhalt. Ich tippe auf Letzteres.

Peter Brotschi, Gemeinde- und Kantonsrat CVP: Die Filmautorin hat es nicht geschafft, den an und für sich interessanten journalistischen Ansatz einzukreisen und zu vertiefen. Es gibt überall Menschen, die lieber im Schrebergarten und am Grill sitzen, als in einem Gemeinderat. Da ist Grenchen beileibe nicht alleine. Schade auch, dass die Aussagen zu den Wirtschaftszahlen nicht stimmten und nur heruntergekommene Wohngebäude gezeigt wurden. Die vielen schönen Seiten von Grenchen blieben aussen vor. Das war leider offenbar journalistisch so gewollt.

Zudem waren die Aussagen der Autorin in den Interviews nicht nur einmal unreflektiert: So zum Beispiel, dass die Personenfreizügigkeit Wohlstand gebracht habe, was natürlich nicht stimmt. Die Schweiz war der grösste Teil des 20. Jahrhunderts schon wohlhabender als viele andere Länder, als es längst noch keine Personenfreizügigkeit gab. Ein Film zum Vergessen.