Stadtbummel Grenchen

Gute alte Wahlzeiten

François Scheidegger und Elias Meier treten gegeneinander an.

François Scheidegger und Elias Meier treten gegeneinander an.

Etwas überraschend haben die Grenchnerinnen und Grenchner nun also doch noch eine Auswahl, wenn sie am 2. Juli zu den Urnen und zur Bestimmung eines Stadtpräsidenten gerufen werden. Der 21-jährige Elias Meier fordert Amtsinhaber François Scheidegger heraus. Der Stadtbummler ist weit davon entfernt, in Wahlkampf zu machen, und ihn als Propheten zu bezeichnen, wäre ausgemachter Habakuk. Trotzdem wagt er eine Prognose: Die Intensität und die Wahlbeteiligung vergangener Ausmarchungen wird es nicht mehr geben. Zur Erinnerung: Im zweiten Wahlgang vor vier Jahren, als die sozialdemokratische Vorherrschaft nach 114 Jahren gebrochen wurde, begaben sich immerhin noch knapp 54 Prozent Stimmberechtigte an die Urne. Als Boris Banga 1990 gewählt wurde, waren es noch stolze 62 Prozent gewesen.

Dies alles ist jedoch auch nur «Nasenwasser», wenn wir in den Frühling des Jahres 1960 zurückblicken. Für die Freisinnigen trat damals der stramme Major und Rektor der Schulen, Erwin Berger, an, die Sozialdemokraten setzten auf den erst 35-jährigen kantonalen Fabrikinspektor Eduard Rothen. Der ganze Wahlkampf dauerte nur einen Monat, es muss aber ein munteres Hauen und Stechen gewesen sein. Die sozialdemokratische Propaganda stilisierte den freisinnigen Kandidaten zur Marionette der industriellen Elite, die Bürgerlichen sahen in Eduard Rothen einen starren Marxisten und wünschten ihn ins Pfefferland beziehungsweise nach Moskau.

Die Mobilisierung war beispiellos, über 90 Prozent der Stimmberechtigten waren an die Urne gegangen, viele dorthin von beiden Seiten im wahrsten Sinne des Wortes gekarrt worden. Quellen reden davon, dass die lokale Industrie Fahrzeuge zur Verfügung gestellt habe: vier von der ASSA, zusätzlich ein VW-Bus, zudem je eines der ETA, der Vereinigten Pignonsfabrik, der Ebauches SA, der Nivada sowie einen Privatwagen. Diesen sogenannten «Schlepperdienst» betrieben die Sozialdemokraten ebenso. Der erste Wahlgang fiel äusserst knapp aus, der favorisierte Aspirant Berger erzielte mit 2173 Stimmen sieben mehr als Rothen, verfehlte jedoch das nötige absolute Mehr. Das war aber noch nicht das Ende der Fahnenstange. Nach zwei weiteren Wochen des pausenlosen Wahlkampfes stand der entscheidende zweite Wahlgang an. Und jetz hebet d’Hüeht: Fünfundneunzigkommafünf Prozent der Grenchner hatten ihre Stimme abgegeben. Diesmal schwang Eduard Rothen obenauf. Für ihn hatten 2449 Mitbürger votiert, auf Erwin Berger entfielen 2259 Stimmen.

Wenn der Stadtbummler nun von diesen guten alten Zeiten schwadroniert, soll dies nicht missverstanden werden: Er bezieht sich dabei einzig und allein auf die hohe Stimmbeteiligung und mitnichten auf die Tatsache, dass das Frauenstimmrecht noch nicht eingeführt worden war («Honi soit qui mal y pense»).

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