Coronakrise

Grüner Halt in unsicheren Zeiten: Im Familiengarten Grenchen ist über die Ostertage viel Betrieb

Die Coronakrise verschafft den Menschen mehr Zeit im Garten. Bei den Familiengärten in Grenchen herrscht reger Betrieb.

«Ich kann den 2-Meter-Abstand ebenso gut auf der Gartenparzelle einhalten, wie in der Stadt, und hier ist es viel schöner.» Das sagt Belinda Würsten mit Blick auf ihr Reich von 150 Quadratmetern. Seit dem Beginn der Krise verbringen sie und ihre Familie so viel Zeit wie möglich im Familiengarten, wo sie das jüngste Häuschen des Areals ihr Eigen nennen. Eben haben sie den Zierkirschbaum an der südwestlichen Ecke gefällt und den Wurzelstock ausgegraben. Der Ersatz, ein Steinobstbäumchen, muss warten, weil die Gartencenter geschlossen sind. Trotz solcher Einschränkungen ist Würsten zufrieden. Sie sagt: «Hier im Familiengarten kommen wir gut zurecht.» Doch ausgiebig regnen, das sollte es schon bald.

Ein paar Schritte weiter hat sich ein Gartenoriginal gemütlich eingerichtet, mit Steinskulpturen, Figuren von Riesenspinnen, Wurzelmannli und rostigen Engeln. «Der letzte Einbrecher», witzelt Harry Meier und deutet auf ein halb vergrabenes Kunststoffskelett, als er die Pressevertreter willkommen heisst. Seine Parzelle sprengt jedes Klischee von Schrebergarten und beweist, dass im Grenchner Familiengartenverein viel Spielraum besteht, um die eigene Persönlichkeit zu entfalten.

Bei vernachlässigten Parzellen wird gemahnt

Doch auch hier gibt es Grenzen. Das zeigt eine Ecke weiter westlich, wo zwar ein Obstbaum prächtig blüht, das Unkraut aber schon die Nachbarn bedroht. «Der Sürmel ist seit dem letzten August nicht hier gewesen», ärgert sich Vereinspräsident Rolf Vogt. Der Vorstand habe den fehlbaren Pächter per Einschreiben gemahnt, bis zur Jahresmitte Ordnung zu schaffen. Sonst werde die Parzelle gekündigt.

Vogt und sein Amtsvorgänger Josef Marti haben auf dem Rundgang viel zu erzählen. Beim prächtigen Osterwetter gibt dies Durst – und beim Ehepaar Vogt im Garten eine angenehme Überraschung. Die Getränke kommen aus dem Kühlschrank. Betrieben wird dieser vom Solarpanel auf dem Dach. Denn die Häuschen verfügen weder über fliessendes Wasser noch Stromanschluss.

Coronakrise verschafft mehr Zeit für den Garten

«Wir sind angehalten, zum Giessen der Pflanzen Regenwassertonnen zu verwenden», erklärt Marti, «damit das Trinkwasser geschont wird.» Eine Vorgabe, die mit der Klimaerwärmung an Bedeutung gewinnen dürfte. Damit Ordnung herrscht und Ruhezeiten eingehalten werden, sind die Gartenobmänner vor allem im Sommerhalbjahr ständig unterwegs.

Roland Zambetti ist einer dieser «Gartensheriffs». Seine Familie ist seit der Gründung des Vereins vor 42 Jahren in der Witi dabei. Seit einem Monat fungiert er auch als «Abstandspolizist» und kontrolliert, dass sich nicht mehr als fünf Personen auf einer Parzelle aufhalten. Die Ausnahme sind Familien mit mehr als drei minderjährigen Kindern. «Im Grossen und Ganzen klappt das gut», sagt er.

Die Gesellschaft ist bunt gemischt. Rentner und junge Familien pflanzen, bräteln und spielen Seite an Seite. Wegen der Krise habe man heuer mehr Gemüse angepflanzt, Krautstil, Kohlrabi und natürlich Salat, sagt Ivana Zeray, ihr Baby im Arm, die zwei kleinen Söhne an ihrer Seite. Nicht, weil sie befürchtet, das Essen im Grossverteiler könnte knapp werden, sondern weil man mehr Zeit für den Garten habe.

Ein paar Meter weiter bewirtet eine Familie den Vor-Pächter ihrer Parzelle. Am 1. April seien sie eingezogen, erzählt Remo Auderset. Dabei handelt es sich bei ihm und seiner Frau Rahel Bertschi um routinierte Familiengärtner. Bereits früher hätten sie eine Parzelle gehabt. «Jetzt, mit den Kindern, wollten wir wieder einen Garten», sagt Auderset. Sobald es möglich ist, sollen die Kinder hier einen Sandkasten bekommen. «Im Moment können wir den ja nicht kaufen», so Bertschi. «Und ich will dem Verein verbunden bleiben und Passivmitglied werden», sagt James Luterbacher und hebt sein Glas auf die Familiengärten.

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