Grenchen

Grossandrang auf dem Vita-Parcours: Der Selbstversuch einer eingefleischten Indoor-Sportlerin

Das Rücken- und Beckentraining ist gar nicht so einfach, wie die Autorin feststellen musste.

Das Rücken- und Beckentraining ist gar nicht so einfach, wie die Autorin feststellen musste.

Die Fitness-Center sind in der Corona-Krise geschlossen. Orte für die sportliche Betätigung müssen anderswo gefunden werden. Die Autorin hat sich auf den Grenchner Vita-Parcous begeben.

Ohne Fitnesscenter entwickeln selbst überzeugte Indoorsportler Ideen, um sich draussen zu bewegen. Eine Möglichkeit bietet der Vita-Parcours im Wald. Der Selbstversuch braucht etwas Vorbereitung: eine reichliche Dosis Heuschnupfen-Medikament, Desinfektionsalkohol, dazu Papiertücher. Die Turnschuhe für draussen, die im Fitnessraum verboten sind, erweisen sich ebenfalls als nützlich. Eine kurze Suchaktion durch die Sommersachen auf dem Estrich, die Schuhbändel geschnürt und es kann losgehen. Das Händewaschen vor dem Verlassen und beim Betreten der Wohnung ist zum Glück schon zur zweiten Natur geworden.

Der Andrang für die Waldstrecke ist gross

Der kleine Parkplatz am Dählengraben ist voll. Auf dem Romont-Parkplatz ist gerade noch eine Lücke frei. Das Dehnen zum Aufwärmen ist dasselbe wie drinnen und vermittelt die Idee, dass der Unterschied zum gewohnten Sportprogramm vielleicht gar nicht so gross ist. Ein paar Geschicklichkeitsübungen und eine Reihe von Stolperern später ist diese Erwartung so löchrig, wie die ersten paar Papiertücher – die Holzstangen haben nun einmal keine glatte Oberfläche zum Desinfizieren, einfacher geht’s mit den Händen.

Die Fitnessgeräte beanspruchen andere Muskeln, als der Sport in freier Natur. Das tut dem Wohlbefinden keinen Abbruch. Die Vögel singen, es riecht wunderbar nach frisch geschlagenem Holz. Der Revierförster und sein Team sind noch bis Ende März im Bereich des Vita-Parcours mit Holzen beschäftigt. Darum sind die Wege etwas schmutziger als sonst.

«Sportprogramm will ich mir nicht nehmen lassen»

Dass der Wald keine stille Oase ist, hängt nicht nur mit den Kettensägen zusammen. Es sind nach Feierabend besonders viele Leute unterwegs, Hündeler, Velofahrer, Spaziergänger und natürlich Jogger. Immer wieder flitzen Downhiller auf ihren Mountainbikes abwärts. Stefan Nyffeler gehört seit 30 Jahren zu den Habitués auf dem Vita-Parcours. Er sagt: «Was ich heute erlebt habe, ist so etwas wie ein Rekord. Noch nie habe ich auf dem Parcours so viele Leute angetroffen.» Zum Ausgleich zu den Sportlektionen, die der Lehrer in Selzach gibt, mache er im Wald vor allem Übungen für den Oberkörper, erklärt er.

Hier ist Balancieren angesagt

Hier ist Balancieren angesagt

Drei Posten weiter erzählt Marco Egger, dass ihn die Schliessung seines Fitnesscenters zurück auf den Vita-Parcours gebracht habe, wo er vor Jahren trainiert habe. «Ich achte sorgfältig auf den Sicherheitsabstand zu den Leuten. Doch das Sportprogramm hier will ich mir nicht nehmen lassen», sagt er, auf die Ausnahmesituation angesprochen. Die Routine, die er beim Rücken- und Beckentraining an den Tag legt, macht fast ein wenig neidisch, denn der Versuch endet an diesem Posten erbärmlich, in einem Oberschenkelkrampf.

Pièce de Résistance und Lieblingsposten

Dann türmt sich das Pièce de Résistance vor der Indoorsportlerin auf: die Treppe mit 115 Tritten – zuletzt begangen im strömenden Regen im Januar, mit einer Freundin und deren Hund. Auch wenn die Stufen jetzt trocken sind, das schwach ausgeprägte Gleichgewicht lässt es nicht zu, hier aufwärts zu traben. Die Lunge dankt dem geruhsamen Aufstieg. Ein Schluck Wasser vom Brunnen und dann geht es endlich zum Lieblingsposten der Kindheit: die Balancierstange.

Eine Mutter ist mit ihren zwei kleinen Kindern schon da. Der Bub ist selbstständig auf die Stange geklettert und schaut sich nach Unterstützung um, während das Mami der kleinen Schwester über den schmalen Steg hilft. Bittend streckt der Bub die Hand halb aus, doch die Zuschauerin fünf Meter daneben darf ihm nicht helfen, was ihr einen schmerzlichen Stich versetzt. Gerade, als sie ihm das erklären will, nimmt der Kleine allen Mut zusammen. Erst zögernd und dann immer selbstbewusster trippelt er hinter der Schwester her.

Der Auftritt der Beobachterin ist allerdings längst nicht so souverän. Nachdem sie sich zum dritten Mal mit einem Satz vom Balken vor einem unkontrollierten Sturz gerettet hat, lachen alle. «Ich kann das besser als du», ruft der Kleine und winkt zum Abschied.

Slalom-Laufen

Slalom-Laufen

Bewegen im Wald, solange man das noch darf

Am Ziel erholen sich zwei junge Männer von den Strapazen ihres Workouts. Mehmet Dönmez und Marco Fabbro sind normalerweise in der Gruppe sportlich tätig, gemeinsam im Fussballclub und Fabbro auch noch im Turnverein. Für Dönmez war es der erste Besuch auf dem Vita-Parcours. «Ich finde es zwar langweilig, aber immerhin kann ich so Sport treiben», sagt er. Sein Kollege ergänzt: «Wir bewegen uns im Wald, solange wir das noch dürfen.»

Die Furcht vor einer möglichen Ausgangssperre liegt wie eine dunkle Wolke über dieser letzten kurzen Begegnung.

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