Uhrenindustrie
Grenchner Uhrenindustrie profitiert vom Boom in Asien

Breitling hat den Neubau neben seinem Hauptgebäude fertiggestellt, die Swatch hat 2011 einen Rekordumsatz vermeldet und treibt den Bau der Zifferblattfabrik in Grenchen voran. Die Uhrenbranche wächst.

Lucien Fluri
Merken
Drucken
Teilen
Breitling erweitert seinen Hauptsitz mit einem Neubau.

Breitling erweitert seinen Hauptsitz mit einem Neubau.

Hansjörg Sahli

Bei der ETA sind allein in Grenchen mehrere Dutzend Stellen ausgeschrieben.

Von einem «Rekordjahr 2011» spricht Daniel Pasche, Präsident des Dachverbandes Fédération de l`Industrie Horlogère Suisse, der vor allem die grossen Betriebe vertritt. Obwohl die Dezemberzahlen noch nicht ausgewertet sind, schätzt Pasche die Uhrenexporte 2011 auf über 17 Milliarden Franken. Im zweitbesten Jahr, 2008, waren es 17 Milliarden. Auch für 2012 rechnet Pasche mit einem Wachstum. «Wir erwarten nicht die gleichen Wachstumsraten. Aber rein die Tatsache, dass das Jahr nochmals besser sein könnte, ist fantastisch.»

Die Lehrabgänger sind sehr gefragt

Der Boom in der Uhrenindustrie macht sich auch bei der einzigen Deutschschweizer Uhrmacherschule, dem Zeitzentrum in Grenchen, bemerkbar. 163 Lehrlinge sind aktuell am Zeitzentrum. «Im Jahr 2000 waren es noch 100 Lehrlinge», sagt Rektor Daniel Wegmüller. «Die Zunahme ist praktisch nur durch die Industrie bedingt

Angst um eine Stelle müssen die rund 250 Uhrmacher, die jährlich an den sechs Schweizer Uhrmacherschulen ausgebildet werden, nicht haben. «Erfahrene Leute sind sehr gesucht», sagt Wegmüller. Dies bestätigt Daniel Pasche, Präsident des Dachverbandes Fédération de l`Industrie Horlogère Suisse: «Es gibt sogar Engpässe.» «Es ist schwierig für die Uhrenindustrie, qualifiziertes Personal zu finden», sagt auch Swatch-Sprecherin Béatrice Howald.

«Für Titoni ist die Ausbildung von grosser Bedeutung. Wir bilden seit Jahren Lehrlinge aus, um den Nachwuchs zu sichern», erklärt Titoni-CEO Daniel Schluep. Wichtig sei, dass der Lehrbetrieb sämtliche Produktionsstufen unter einem Dach vereinen kann. «Sonst wäre es schwierig, Lehrlinge auszubilden.» Die Lehrlinge bleiben laut Schluep nach der Lehre gewöhnlich im Betrieb, denn Titoni fördere die Möglichkeit für weitergehende Ausbildungen.

Die gute Stellensituation führt Daniel Wegmüller auf das gehobene Preissegment zurück. «Je mehr mechanische Uhren verkauft werden, desto mehr Uhrmacher braucht es.»

Auch für die Zukunft sieht der Rektor für seine Absolventen gute Chancen. «Uhren sind wie Motoren. Sie müssen in den Service», erklärt Wegmüller. «Je mehr Uhren verkauft werden, umso mehr brauchen eine regelmässige Wartung.» Risiken sieht Wegmüller beim boomenden asiatischen Markt. Trotzdem: Eine eventuelle Wachstumsverlangsamung wäre nicht zu vergleichen mit der Krise der 80er-Jahre. «Damals gab es eine massive Technologieveränderung», sagt Wegmüller. Gefahr durch neue Technologien bestehe heute weniger, da die Schweizer Uhrenbranche sehr innovativ sei und weltweit etablierte Marken Stabilität geben.

Problematisch ist für Wegmüller eher, dass die Zahl der Bewerber abnimmt. «Die Jahrgänge werden kleiner und es gibt eine höhere Quote an Gymnasiasten. Dies saugt uns qualifizierte Lehrlinge ab.» (lfh)

Abhängigkeit von Asien

Zurückhaltender zeigt sich Rolf Dysli, Präsident des Verbandes deutschschweizerischer Uhrenfabrikanten. Dieser vertritt neben der IWC Schaffhausen vor allem Uhrenhersteller am Jurasüdfuss. Grundsätzlich sei das vergangene Jahr positiv ausgefallen, sagt Dysli. «Der Euro hat sich aber negativ auf die Ertragslage ausgewirkt.» Diese hänge stark von der Präsenz in den einzelnen Märkten ab. «Marken, die im Fernen Osten wie China, Hongkong oder Singapur präsent sind, hatten ein Bombenjahr.» - Dysli warnt deswegen: «Einzelne Firmen machen bis zu 50 Prozent des Umsatzes in China. Das ist eine gefährliche Situation.» Eine Abkühlung dort könnte gravierende Folgen haben.

Fortis zurück in Indien

Von den asiatischen Märkten hat auch die Fortis profitiert, die dieses Jahr ihr 100-Jahr-Jubiläum feiert. Man habe überdurchschnittlich positiven Anklang in den neuen Märkten gefunden, sagt Fortis-Mitinhaberin Liese-Lotte Peter. Dadurch hätten nach Fukushima die erheblichen Einschnitte in Japan kompensiert werden können. «Ergebnisse aufgefressen» habe 2011 dagegen der Wechselkurs, bei dem Peter auch 2012 die grösste Gefahr sieht. Trotzdem ist sie zuversichtlich: Fortis erhofft zum 100-Jahr-Jubiläum zusätzliche Publizität und wird laut Peter mit «einer Vielzahl technisch anspruchsvoller Neuheiten» aufwarten. Vor allem in den aufstrebenden Staaten Brasilien, Indien, Russland und China sieht Peter eine vielversprechende Zukunft. Seit Anfang Jahr ist Fortis nach rund 50 Jahren Unterbruch denn auch wieder in Indien präsent. Als man sich 1959 wegen der Markt-Abschottung aus Indien zurückgezogen habe, sei man dort hinter Rolex die zweitbekannteste Marke gewesen.

Gefahr fehlender Komponenten

Vom Boommarkt profitiert hat auch die Titoni. «Da die Titoni seit Jahrzehnten auf Asien ausgerichtet ist, hat sich der Geschäftsgang entsprechend gut entwickelt», zeigt sich CEO Daniel Schlup zufrieden. Zur ernsthaften Gefahr könnte 2012 und in den folgenden Jahren allerdings die Versorgung mit Komponenten werden. Diese ist momentan ungewiss, da die Swatch-Group einen Lieferstopp von Uhrwerken an Drittkunden angedroht hatte.

Breitling hat in Neubau investiert

«2011 war ein gutes Jahr», bestätigt auch Jean-Paul Girardin von Breitling. Auch 2012 sehe gut aus. «Aber wir sind zurückhaltend», sagt Girardin - insbesondere wegen des starken Frankens. Für genaue Prognosen will Girardin die Uhren- und Schmuckmesse in Basel abwarten. Denn dort entscheide sich, ob und wie sehr die Neuheiten Anklang finden.
«Wir haben viel in Grenchen investiert», sagt Girardin. Soeben wurde der Neubau fertiggestellt, der noch von Gerüsten umgeben ist. Er umfasst Administration, Marketing und Distribution.

Zifferblattfabrik der Swatch

Keine genauen Angaben gibt es zur ETA. Konzernmutter Swatch, die 2011 Rekorde verbucht hat, veröffentlicht keine spezifischen Zahlen. Sprecherin Béatrice Howald verweist aber darauf, dass «das Segment der Produktion bedeutend zugelegt» hat. Und: «Die ETA ist der grösste Produktionsbetrieb der Swatch Group.» In der neuen Zifferblattfabrik in Grenchen entstehen 2012 mehrere hundert Arbeitsplätze.