Wald
Grenchner Revierförster: «Ein Dauerwald ist eine Dauer-Aufgabe»

Seit 25 Jahren ist Patrik Mosimann zuständig für Bewirtschaftung und Pflege des Grenchner Waldes.

Oliver Menge
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Revierförster Patrik Mosimann möchte die Bevölkerung für den Wald sensibilisieren.

Revierförster Patrik Mosimann möchte die Bevölkerung für den Wald sensibilisieren.

Oliver Menge

Als Patrik Mosimann 1993 bei der Bürgergemeinde angestellt wurde, war eine Bedingung, dass der Bergwald als sogenannter «Plenterwald» bewirtschaftet wird. «Ein Plenterwald ist ein relativ dichter Wald, der hauptsächlich aus Bäumen besteht, die wenig Licht benötigen: Tannen, Fichten und Buchen. Statt einer flächigen Abholzung nimmt man nur einzelne Bäume raus zur Verwertung.» Diese Art der Bewirtschaftung ist vor allem in Berggebieten verbreitet, beispielsweise im Emmental und im Jura. Bei Mosimanns Amtsantritt in Grenchen wurden lediglich 320 Hektaren im Bergwald so bewirtschaftet. Ihm habe diese Art der Waldbewirtschaftung Freude gemacht. Im selben Jahr, 1993, wurde der Verein «Pro Silva Schweiz» gegründet, der sich für «die ganzheitliche Erhaltung und Pflege des standörtlich gegebenen Wald-Ökosystems» einsetzt, wie es auf der Internetseite heisst. Mosimann trat dem Verein 1995 bei und ist heute Mitglied im siebenköpfigen Vorstand.

Aber was heisst das für den Grenchner Wald? Auf den 930 Hektaren bewirtschafteter Waldfläche, die der Bürgergemeinde Grenchen gehören, verzichtet man auf grossflächige Räumungen, bei denen alle Bäume gefällt, verwertet und anschliessend wieder junge Bäume gesetzt und vor Wildfrass geschützt werden. Stattdessen setzt man darauf, nur einzelne Bäume zu fällen oder entfernt nur kleine Gruppen von Bäumen. Das hat zur Folge, dass nachwachsende Bäume, die im Schatten der älteren und grossen Bäume, die man fällt, schon eine ansehnliche Grösse erreicht haben und entsprechend widerstandsfähig sind, mehr Licht erhalten, schnell wachsen und den Platz einnehmen. «Das Ziel dieser Art der Bewirtschaftung ist ein struktur- und artenreicher Wald», erklärt Mosimann. Ausserdem bringe diese Art der Bewirtschaftung auf der gesamten Waldfläche dauernd einen hohen Holzzuwachs. «Räumt man eine ganze Fläche, fällt im Moment auf dieser Fläche eine grosse Menge an Holz an. Eine Räumung ist zwar momentan rationeller, bringt kurzfristig einen Gewinn, danach aber auf dieser Fläche jahrzehntelang fast kein Holzzuwachs und nur hohe Pflegeaufwendungen. Ein Dauerwald ist eine Dauer-Aufgabe.»

Beobachten und lernen

Um zu entscheiden, welche Bäume man gezielt herausnimmt, müsse man den Wald beobachten und die entsprechenden Rückschlüsse ziehen, ein fortwährender Lernprozess. «Der Umbau von der Flächenwirtschaft zu strukturreichem Dauerwald ist eine Arbeit über Generationen», so der Revierförster. Er mache in Grenchen den Anfang und hoffe, dass seine Nachfolger und die Waldbesitzer weiter in diese Richtung arbeiten.

Im Grenchner Wald stehen hauptsächlich Rottannen (Fichten), Weisstannen und Buchen. Durch die Dauerwald-Bewirtschaftung und vereinzelt gezieltes Anpflanzen – das man an einer Hand abzählen könne – gedeihen jetzt Bergahorn, Nussbäume aber auch Eiche, Edelkastanie, Lärche und Douglasie – Bäume, die etwas mehr Licht benötigen. Die Eschen fallen leider zu 99 Prozent dem Eschentriebsterben zum Opfer, verursacht durch einen aus Asien eingeschleppten Pilz, der sich nach und nach über ganz Europa ausbreitet (wir berichteten). Mosimann hofft, dass wenigstens ein Prozent der hiesigen Bäume sich als resistent erweist. Die kranken Bäume werden gefällt und verwertet.

Wasserdefizit hat sich aufsummiert

Das Problem der letzten Jahre mit langen Trockenperioden und viel Hitze ist auch durch die Regengüsse im Mai noch längst nicht behoben. Auch im Grenchner Wald vertrocknen die Weisstannen, wie diese Zeitung bereits Anfang Mai anlässlich der Berichterstattung über die GV der Genossenschaft Aareholz Region Biel/Solothurn berichtete. «Bei den Weisstannen ist das Absterben eigentlich überraschend», sagt Mosimann. Diese Baumart zieht das Wasser über tiefe Pfahlwurzeln nach oben, im Gegensatz zur Fichte, die flache Wurzeln hat. Durch die Trockenheit im Jahr 2018 wurde es aber auch in dieser Tiefe zu trocken. «Wenn es jetzt aber nur 20 bis 30 Liter pro Quadratmeter regnet, kommt das Wasser gar nicht tief genug in den Boden, da müsste es schon ein paar Tage lang heftig regnen.» Die Weisstannen seien auch sichtlich geschwächt: «Sie verdorren von oben nach unten».

Bei den Fichten habe man das Problem der Borkenkäfer, den «Buchdruckern»: Dass der Frühling jetzt eher kühl und nass war, sei von grossem Vorteil. «Wir können so damit rechnen, dass nur etwa zwei, je nach Witterung im Sommer/Herbst knapp drei Generationen Käfer geboren werden. Letztes Jahr waren es deren drei, mancherorts sogar vier.» Ein einziges Weibchen sorgt für ungefähr 50 Nachkommen pro Generation. Das heisst, warme Temperaturen wie jetzt, sorgen hier für eine regelrechte Plage. Befallene Bäume müssen sofort gefällt, abtransportiert oder entrindet werden.

Dauerwald als Rezept gegen den Klimawandel

Die Vielfalt des Baumbestands im Dauerwald bringe im Hinblick auf den Klimawandel Vorteile, so Mosimann: «Lichtliebende Bäume, wie Bergahorn, Eiche und Nussbaum rücken in die Lücken nach, welche die Natur durch Eschentriebsterben, Stürme, Schneedruck und Borkenkäfer verursacht. Eine dauerhafte Beschattung schützt den Boden und hält Wind ab. So bleibt die Feuchtigkeit im Wald erhalten und junge Bäume können im Schutz der alten Bäume aufwachsen.»

Zu Wildschäden, sagt der Revierförster: «Rehe sind Feinschmecker. Sie interessieren sich in erster Linie für Weisstannen und Eichen. Nehmen die Schäden überhand, sorgen die Jäger, mit denen wir eine gute Zusammenarbeit pflegen, für die nötige Regulierung.»

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